Beethovenfest in Bonn: Das Leben nach dem Opiumrausch

Beethovenfest in Bonn : Das Leben nach dem Opiumrausch

Bei seinem Bonner Debüt als Chefdirigent des Beethoven Orchesters dirigiert Christof Prick die „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz und ihr Nachfolgewerk „Lélio“. Das Publikum ist von beiden Werken hingerissen.

Es gibt ein Leben nach dem Opiumrausch. Wenn man den finalen „Hexensabbat“ aus Hector Berlioz' „Symphonie fantastique“ hört, worin er orchestral mehr Hölle als Himmel in Bewegung setzt, um in grellen Farben die Albträume seines im Drogennebel halluzinierenden Künstlerhelden zu malen, mag man das gar nicht glauben. Was soll nach der Apokalypse noch kommen? Doch zwei Jahre später legte der Komponist die Fortsetzung nach.

Der Künstler ist der Opiumhölle, in die er aus Liebeskummer gestiegen war, entkommen und beginnt ein neues Leben – ohne Drogen. Happy End für Berlioz' Alter Ego? Nicht ganz. Die Verzweiflung steckt dem fiktiven Musiker noch in den Knochen, auch wenn sie sich in „Lélio oder Die Rückkehr ins Leben“ scheinbar milder gestimmt gibt. Doch so richtig traut der Musiker den Realitäten des Lebens nicht, „für mich heißt Leben: Leiden“, sagt er. Und sucht Zuflucht in der Dichtung Shakespeares.

Christof Prick, der das Beethoven Orchester für ein Jahr bis zum Amtsantritt von Dirk Kaftan als Chefdirigent leitet, hat für sein erstes Bonner Konzert in dieser Funktion zusammengefügt, was zusammengehört. Das ist ungewöhnlich genug. Denn während die „Symphonie fantastique“, deren Zugkraft sich in der großartigen Interpretation durch Prick und das Orchester mit voll tönendem Blech, teils exaltierten Holztönen und satten Streicherklängen großartig entfaltete, zu den unangefochtenen Repertoirehits zählt, ist das Sequel nahezu unbekannt.

Das mag damit zusammenhängen, dass sich Berlioz sich dort eines ganz anderen Genres bedient. Es ist keine kompakte Sinfonie oder sinfonische Dichtung, sondern ein Monodram in der Besetzung für Sprecher (ausdrucksstark: Johannes Zirner), zwei Gesangssolisten, Klavier, Chor und Orchester. Und ebenso bunt wie die Besetzung ist die Genre-Vielfalt, die vom Klavier begleiteten Sololied bis zum großen, oratorienhaften Einsatz von Chor und Orchester reicht.

Zudem hat Berlioz sich bei der Komposition des „Lélio“ zu einem großen Teil aus bereits bestehenden Werken aus seiner Feder bedient. Die „Äolsharfe“ etwa, deren Klarinettensolo in der fast ausverkauften Beethovenhalle in herzergreifender Süße zu vernehmen war, erklingt auch schon in Berlioz' Kantate „La Mort d'Orphée“.

Prick und das Beethoven Orchester machten gemeinsam mit ihren Gastsängern und -solisten vor, dass beide Werke trotz ihrer musikalischen Heterogenität an einem Abend funktionieren. Nicht nur weil die Idée fixe aus der Sinfonie auch in „Lélio“ wieder zu vernehmen ist, sondern einfach weil es sich um ein großartiges Werk mit zum Teil magischen Klangwirkungen handelt.

Der Tenor John Irvin sang das Fischerlied mit schönem lyrischen Schmelz (Klavier: Rita Kaufmann), Bariton Michal Partyka verlieh „Lélios“ Tagtraum von einem Dasein als Räuberhauptmann markant Stimme. Der Philharmonische Chor der Stadt Bonn (Einstudierung: Paul Krämer) und das Ensemble Vocapella Limburg (Einstudierung: Tristan Meister) liefen in der „Phantasie über Shakespeares Sturm“ zu großer Form auf. Das Publikum war hellauf begeistert von diesem Beethovenfest-Konzert.

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