Neue Reihe in der Bundeskunsthalle: „Heimat ist nicht Omas Käsekuchen“

Neue Reihe in der Bundeskunsthalle : „Heimat ist nicht Omas Käsekuchen“

Erstes Jerusalemer Gespräch mit einem hochkarätig besetzten Podium in der Bonner Bundeskunsthalle unter dem Titel "Heimat - ein brüchiges Gefühl". Warnung vor der Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten.

Was ist Heimat? Etwa für die deutsche Jüdin Esther Bejarano, der die Nazis die Heimat und in Auschwitz fast das Leben nahmen? Für die Israelin Lizzie Doron, die die politischen Widersprüche in ihrem Land nicht mehr aushält und nur noch Angst um Kinder und Enkel hat? Für die in Frankfurt geborene Gila Lustiger, die in Israel ihre Liebe zur deutschen Sprache entdeckte? Für den im Schwarzwald geborenen spanischen Gastarbeitersohn José F. A. Oliver? Für den von einer Fatwa bedrohten iranischen Rapper Shahin Najafi, der seit zehn Jahren in Deutschland lebt? Schließlich für den weit gereisten Diplomaten Mordechay Lewy?

„Heimat – ein brüchiges Gefühl“, war das erste, mit diesen Gästen hochkarätig besetzte Jerusalemer Gespräch in der Bundeskunsthalle überschrieben. Die sehr gut besuchte Premiere hatte nur einen Haken: Die erkrankte Esther Bejarano musste absagen, prominenter Einspringer war der ehemalige israelische Generalkonsul in Berlin, Lewy. Bejarano eröffnete dennoch die Runde in Gestalt einer Grußbotschaft, die Moderatorin Judith Schulte-Loh verlas: „Ich liebe das Wort Heimat nicht“, schrieb die Holocaust-Überlebende, Israel könnte Heimat sein, wenn sich Israelis und Palästinenser vertrügen, Deutschland könnte Heimat sein, gäbe es dort keine Nazis.

Heimat, so das grobe Fazit der Runde, ist eher ein individueller Begriff als ein kollektives Gefühl – und mit Sorge verfolgen die Diskutanten die Vereinnahmung und politische Instrumentalisierung der Heimat durch Rechtspopulisten, die den Begriff einsetzen, um andere auszugrenzen.

„Heimat ist dort, wo ich mich nicht erklären muss“, sagte der Lyriker Oliver. Gila Lustiger setzte dagegen eine politische, auf Hannah Arendt fußende Definition: „Heimat ist der Ort, an dem wir alle aktiv die Welt wieder einrenken.“ Heimat sei nicht „Omas Käsekuchen“, sondern ein gesellschaftlicher Begriff, „der Ort, in dem wir unsere Werte verteidigen“. Lustiger warnte vor der „braunen Suppe, die über ganz Europa schwappt“. „Heimat muss täglich geschaffen werden“, sagte die Publizistin. „Ich kann Heimat nicht definieren“, entgegnete die Schriftstellerin Lizzie Doron, es sei ein dynamischer Begriff. Sie leidet an Jerusalem, dieser „toughen, intoleranten, religiösen Stadt“, atmet auf, wenn sie in Manhattan oder Berlin ist. Ihr äußerst lesenswertes, kritisches und kluges Buch „What the Fuck is Kafka“ (auf Deutsch bei dtv), das den israelisch-palästinensischen Konflikt beschreibt, ist noch nicht auf Hebräisch erschienen.

Auch für Lewy, Ex-Sonderberater des Jerusalemer Bürgermeisters für christliche und muslimische Angelegenheiten, ist Jerusalem eine „schwierige, herausfordernde Heimat“. Der Wahlbonner plädiert für eine Entpolitisierung des Heimatbegriffs, eine Neudefinition. „Die Globalisierung wird uns eine Völkerwanderung bringen“, sagte er, „man muss das positiv sehen“. „Zivilisationen wandern, vermischen sich“, meinte Gila Lustiger, auch die Jugend bewege sich zunehmend auf der Suche nach Jobs, warf sie ein, „junge Menschen sind Nomaden, weil sie es sein müssen“. Auch das werde den Heimatbegriff verändern. Wie als Beleg dafür sagte der Musiker Najafi, als Jahrgang 1980 der Jüngste in der Runde: „Ich brauche keine feste Heimat.“

Nächstes Jerusalemer Gespräch: 15. Januar 2017, 19 Uhr

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