"Charlie Hebdo" auf Deutsch: Kanzlerin auf dem Titel

"Charlie Hebdo" auf Deutsch : Kanzlerin auf dem Titel

Die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ startet mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren auf dem deutschen Markt. Ein Gespräch mit der Chefredakteurin Minka Schneider.

Ihr Arbeitsort in Paris ist geheim, ihr echter Name darf nicht verraten werden. Minka Schneider nennt sie sich stattdessen, die Chefredakteurin der deutschen Ausgabe von „Charlie Hebdo“, die heute zum ersten Mal erscheint. Dabei habe sie keine Angst, dass man ihr etwas antun könnte, versichert die Berlinerin, die seit neun Jahren in Paris lebt. „Solche Bedenken kommen von außen. Ein Pseudonym habe ich angenommen, weil ich weiß, dass sich gewisse Leute von „Charlie Hebdo“ provoziert fühlen und ich kann nicht nebenbei noch Hassbotschaften im Netz managen. Ich will mir einfach den Rücken freihalten und mich auf die Arbeit konzentrieren.“

Und Arbeit hat die selbstbewusste Journalistin, deren freie Schnauze zu „Charlie Hebdo“ passt, mehr als genug. Am Donnerstag kommt das neue Heft mit einer Startauflage von 200 000 auf den deutschen Zeitschriftenmarkt. Künftig soll es wöchentlich erscheinen. Darin findet sich auf 16 Seiten eine Auswahl von übersetzten Karikaturen aus dem aktuellen französischen Magazin, aber auch extra angefertigte Zeichnungen. Werden die deutschen Leser den speziellen, teils makabren und keinesfalls politisch korrekten Humor von „Charlie Hebdo“ mögen?

Schneider nennt das Projekt ein Wagnis: „Kann man die Charlie-Brille, diese ganz besondere Sicht der Welt, exportieren?“ Versucht wird das ausgerechnet in Deutschland, wo die Kultur der Satire und der Presse-Zeichnung weniger ausgeprägt ist als in Frankreich. Hierzulande gibt es nur die „Titanic“, deren Chefredakteur sie ermutigt habe, so Schneider: „Charlie Hebdo“ sei keine Konkurrenz, sondern könne die politische Satire hierzulande befeuern. Auch kamen aus Deutschland nach dem Terror-Anschlag vor fast zwei Jahren das größte Interesse und die meisten Reaktionen.

Weltweit war die Erschütterung riesig, als zwei islamistische Fanatiker am 7. Januar 2015 die Redaktion stürmten und insgesamt zwölf Menschen erschossen, darunter Frankreichs legendärste Karikaturisten wie (Georges) Wolinski, Cabu (Jean Cabut) und Charb (Stéphane Charbonnier), aber auch dessen Leibwächter. Seit Jahren war „Charlie Hebdo“ bedroht worden, weil die Zeitschrift immer wieder Karikaturen des Propheten Mohammed abgebildet hatte, so wie es zur Redaktionslinie gehört, alle Religionsvertreter zu verunglimpfen. „Wir haben Charlie getötet!“, brüllten die Mörder nach ihrer Tat. Doch sie täuschten sich: Nur wenige Tage später kam eine „Ausgabe der Überlebenden“ heraus und seither jede Woche ein neues Heft. Im Bemühen, sich neu zu sortieren, entstand dann auch die Idee einer ausländischen Ausgabe, erzählt Minka Schneider.

Sie bewirbt ein Magazin, von dem zwar seit dem Anschlag alle irgendwie gehört haben und das viele unterstützen – aber oft ohne den Inhalt zu kennen. Es wolle mehr bringen als schlagzeilenträchtige Provokationen und doch sind sie es, die den Ruf und die Aura von „Charlie Hebdo“ ausmachen – auch in Deutschland. Nicht umsonst wird die neue Ausgabe mit einer Abbildung von Kanzlerin Merkel beworben, die auf dem Klo sitzt und das Magazin liest: „Wirkt befreiend“, seufzt sie.

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