Kommentar zu Sandro Wagners Rücktritt

Mund abwischen und weiter

Der Bayern-Stürmer Sandro Wagner muss bei der WM zugucken.

Der Bayern-Stürmer Sandro Wagner muss bei der WM zugucken.

Bonn. Nach der WM-Ausbootung ist Sandro Wagner aus der DFB-Elf zurückgetreten. Das kommt überraschend und passt nicht wirklich in das Bild des willenstarken Enfants terribles, findet GA-Redakteur Simon Bartsch.

Ein Kind von Traurigkeit ist Sandro Wagner wahrlich nicht. Mit seinen markanten Sprüchen und seiner ruppigen Spielweise hat sich der Angreifer nicht überall Freunde gemacht. Immer wieder eckt Wagner an. Nicht umsonst haftet ihm der Ruf des Enfant terribles an. Daran ändern auch die Tränen nach der WM-Ausbootung von Joachim Löw nichts. Die Enttäuschung ist absolut verständlich, die Emotionen im Kreise der Bayern-Profis zeugen von Größe. Sein plötzlicher Rücktritt nicht wirklich.

Die Entscheidung des Bundestrainers für Petersen und gegen Wagner kommt nur auf den ersten Blick überraschend. Löw ist kein großer Freund von Alphatieren. Er setzt auf den Teamspirit, der ihn und die DFB-Elf 2014 zu Weltmeistern gemacht hat. Die Mär, dass im modernen Fußball nur eine Mannschaft ohne Alphatiere Titel gewinnen kann, hat Portugal um Superstar Cristiano Ronaldo bei der jüngsten EM eindrucksvoll widerlegt. Nicht wenige Fußball-Experten sehnen sich zurück nach kantigen Typen.

Dennoch: Löws Entscheidung ist vielleicht nicht richtig, sie ist aber konsequent. Wagners kompromissloses Selbstbewusstsein, das mindestens an Selbstverliebtheit grenzt, passt nicht in das idyllische Bild einer harmonischen Mannschaft. Das wird auch dem Angreifer klar sein. Wagner stand sich schon oft selbst im Weg. Das einst hochgehandelte Supertalent ist auch deswegen erst im zarten Alter von 30 Jahren über Umwege und so manchen Nebentrainingsplatz in der Fußball-Elite angekommen.

Und doch hat es Wagner bis zu den Bayern und in die Nationalmannschaft geschafft. Das zeugt von einem unbändigen Willen. Aufgabe? Fehlanzeige. Mit dem überstürzten Rücktritt wirkt der 30-Jährige aber plötzlich nicht mehr wie ein willenstarkes Enfant terrible. Auch wenn er behauptet, es gäbe wichtigere Dinge im Leben und sein Rücktritt konsequent scheint, es bleibt dann doch ein wenig das Bild eines beleidigten Schuljungen haften. Wagner ist möglicherweise kein Freund von gut gemeinten Ratschlägen. Und doch will man ihm einen geben: "Mund abwischen und weiter!" Miro Klose ist erst im Alter von 36 Jahren Weltmeister geworden. Viel Zeit also noch für den Spätstarter Wagner und die DFB-Elf - wenn auch wahrscheinlich nicht mehr unter Joachim Löw. Denn dessen Entscheidung wurde durch Wagners undurchdachte Aktion gerechtfertigt.