74-Jährige aus Rheinbreitbach: Heidi Wunner ist Vize-Europameisterin im Tischtennis

74-Jährige aus Rheinbreitbach : Heidi Wunner ist Vize-Europameisterin im Tischtennis

18 Stufen geht es hinab, bis zu einer Kellertür, an der ein Bild klebt: "Nicht drängeln" steht darauf. Dahinter muss er sein, der Jungbrunnen der Heidi Wunner. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Der Brunnen ist eine Platte. Eine Tischtennisplatte, schon 36 Jahre alt.

Der Teppichboden ist abgewetzt, er hat in all der Zeit gelitten unter den Zehntausenden schnellen, kleinen Schritten. Die Wände des Kellerraumes zieren Plakate. Timo Boll, natürlich er, zeigt darauf, wie der Sport, den er einst in eine neue Popularitätssphäre katapultiert hat, funktioniert: der Vorhand-Schuss, der Rückhand-Konter, die Angabe mit Spin. Schläge, die Heidi Wunner allesamt beherrscht.

Die 74-Jährige ist jüngst Vize-Europameisterin im Doppel in der Altersklasse Ü 70 geworden. Es war nicht ihr erster großer Wurf. Hier, in ihrem Keller in Rheinbreitbach, hat sie schon Kinder trainiert, die mittlerweile eigene Kinder haben. Hier hat sie stundenlang auf den Ball eingedroschen, ausdauernd und geduldig.

Jetzt, mit 74, ist sie längst selbst auf dem Gipfel ihres Sports angekommen - und steht immer noch regelmäßig hier unten an der Platte, übt an manchen Tagen hundertfach den Aufschlag, ihren Paradeschlag. "Wenn ich eine Woche nicht gespielt habe, juckt es in den Fingern", sagt sie.

Diese Leidenschaft treibt sie an. Spätestens ihre Schrankwand, gefüllt mit Dutzenden Pokalen, lässt erahnen, dass dieser Antrieb des öfteren von Erfolg gekrönt ist. Mehr als einen Auszug lässt die Titelsammlung an dieser Stelle gar nicht zu: Deutsche Vize-Meisterin im Mixed Ü 70, dritter Platz bei der EM im Einzel Ü 70 im tschechischen Liberec, Europameisterin im Jahr 2005 im Doppel Ü 70, im selben Jahr ein zweiter Platz im Einzel bei den Südwestdeutschen Meisterschaften.

Hinzu kommen Siege bei zahllosen großen Turnieren und 19 Vereinsmeisterschaften. Ortsbürgermeister Karsten Fehr will Heidi Wunner für ihre Leistungen nun bei der Ratssitzung am kommenden Montag ehren.

Die Welt von Heidi Wunner ist eine Platte. Und ihre Reise von Platte zu Platte führte sie um die Welt. Sie trat bei Europameisterschaften in Bratislava und Rotterdam an, zudem bei Weltmeisterschaften in Vancouver, Luzern und Brasilien. "Am meisten aber hat mich China beeindruckt", erzählt Wunner.

China, die Tischtennis-Metropole. Wo der Zelluloidball mehr Menschen an die Fernseher lockt als der Lederball. "Wir, die deutsche Delegation, wurden von einem Fernsehteam begleitet und konnten unsere Spiele abends im Fernsehen ansehen", sagt Wunner, die ihr nächstes Ziel schon ins Auge gefasst hat: die WM in Neuseeland. Sportlich ist die Hürde für die Rheinbreitbacherin leicht zu überspringen, doch der finanzielle Aufwand ist enorm.

Bis zu 5000 Euro wird die Reise etwa verschlingen. "In meinem Verein sammeln sie schon für mich", sagt die Rentnerin dankbar. Jener SV Rot-Weiß Rheinbreitbach, der auch der 74-Jährigen so viel zu verdanken hat. "Ohne die phantastische Trainingsarbeit von Heidi Wunner wären die Erfolge für die Rheinbreitbacher Tischtennisspieler in den vergangenen 20 Jahren von Kreis- bis Bundesebene nicht denkbar gewesen", erklärte Klaus Riddering, Pressewart des SV.

In den 70er Jahren hat sie 14 Jugendmannschaften betreut. Neben der Vereinsarbeit war sie auch auf überregionaler Ebene akiv: 1997 wurde sie Damenwartin des Tischtennisverbandes Rheinland, 2004 erhielt sie für ihre Arbeit die Goldene Siegernadel.

Doch besonders heimisch fühlt sich die Physiotherapeutin, die diese Abteilung am Krankenhaus in Bad Honnef leitete, an der Platte selbst. Sie genieße die Atmosphäre, die nicht von "zerfressendem Ehrgeiz" geprägt sei. "Bei der Deutschen Meisterschaft will jeder nur gewinnen, keiner gönnt dem anderen etwas", erzählt Wunner, "bei der EM und WM ist das anders." Sie selbst sei auch nicht sauer, falls sie mal nicht auf dem Treppchen lande.

Technisch seien ihr die meisten ohnehin überlegen, wie sie sagt. Sie müsse dies mit Kondition wettmachen. Schlimm sei nur, wenn sie nicht spielen könne. Wie vor neun Jahren, als sie beim Inlineskaten mit einer Fahrradfahrerin zusammenstieß und sich dabei den Arm brach.

Drei Monate musste sie pausieren, die Ärzte zweifelten, ob sie je wieder mit der rechten Hand würde spielen können. "Ich habe mir einen leichteren Schläger zusammengestellt, meinen Spieltyp umgestellt - und war danach besser als vorher", sagt sie und schaut zielstrebig nach vorne: "Mit 80 schaffe ich es dann noch aufs Treppchen bei der WM." Die Konkurrenz, so schiebt sie hinterher, werde ja kleiner mit den Jahren.

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