Ausstellungen in Unkel: Ein Jahrmarkt der Menschenrechte

Ausstellungen in Unkel : Ein Jahrmarkt der Menschenrechte

„Kunst trifft Politik“ geht in Unkel mit 20 Ausstellungsorten in die zweite Runde.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ – so steht es im ersten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, im Jahr 1968 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verkündet. Ein unantastbarer Grundsatz? Naja, ganz so genau muss man es damit nicht nehmen, befand Udo Marquardt und spielte einen Nachmittag lang des Teufels Unterhändler.

„Kommen Sie, eine kleine Spende und Sie dürfen ein Menschenrecht Ihrer Wahl verletzen“, raunte er, einen mit druckfrischen Ablassbriefen gefüllten Aktenordner unterm Arm, den Mitgliedern der Kunst-Karawane zu, die sich zu flotten Conga-Beats durch die Unkeler Innenstadt schlängelte. „Ich persönlich empfehle Ihnen einen Verstoß gegen Artikel eins“, bot er seine Ware feil, „denn wenn sie den missachten, können Sie quasi alles mit Ihren Mitmenschen machen.“ Trotzdem kein Interesse? „Immer diese Gutmenschen!“ Irritiert zog der Ablasshändler weiter – zumindest fürs Erste.

Keine Sorge: Es war natürlich nicht alles ernst gemeint bei der Performance-Führung, die mehr als 100 Besucher im Rahmen der zweiten Ausgabe von „Kunst trifft Politik“ durch die Frankfurter Straße leitete – der Erlös der „Ablassbriefe“ fließt in die Finanzierung der bis Ende Oktober andauernden Veranstaltungsreihe. Eigentümlich und ungewöhnlich sollte es aber auf jeden Fall zugehen bei diesem „Jahrmarkt der Menschlichkeit“, so das Motto der Auftaktveranstaltung, und gelegentlich auch provokant: Schließlich stand nichts Geringeres im Fokus als die UN-Menschenrechts-Charta und die vielen großen und kleinen Verletzungen derselben.

In mehrmonatiger Vorbereitung hatte das fünfköpfige Team um Britta Bellin-Schewe, Rainer Bohnet, Heinrich Geuther, Ute Giesen und Sabine Köppe die Unkeler Innenstadt in ein ebenso künstlerisch ertragreiches wie politisch motiviertes Panoptikum verwandelt: 20 Ausstellungsorte, 19 regionale Künstler, ein weltbewegendes Thema. Lockere Atmosphäre, aber schwere Kost.

Toll: der Einfallsreichtum. Marianne Troll stellte die Rolle der Frau in Form eines Mobiles aus BH-Bügeln dar, genannt „Stabiles Ungleichgewicht – instabiles Gleichgewicht“, Lars Ulrich Schnackenberg, der in die Vernissage einführte, stellte Mixmedia im Digitaldruck aus, Keramikerin Bellin-Schewe punktete mit einem Vorhang aus Hunderten miteinander verbundenen Tonfiguren. Manchmal waren alleine schon die Titel der Kunstwerke Gold wert. „Das blutende Hartz der deutschen Aishe“, so hatte Anja Rihm ihre Plastik aus Naturmaterialien getauft, stellte soziale Benachteiligung an den Pranger; zwei Hausnummern weiter monierte Monika Clevers Bronzeskulptur „Ohne meinen Schlepper sage ich gar nichts“ die Flüchtlingsschicksale auf dem Mittelmeer.

In dieselbe zynisch-kritische Kerbe schlug Cornelia Harss mit zwei Ölgemälden: „Stört nicht unsere Rheinromantik“ hieß es da; zu sehen: brechend volle Flüchtlingsboote, dem Kentern nahe, mitten im Rhein. Darüber auf einem zweiten Gemälde ein nicht enden wollender Flüchtlingsstrom, Tausende Gesichter, anklagend in Richtung des Betrachters blickend. Der Titel: „Auf dass die alle an uns vorüberziehen“. Gelegentlich müsse Kunst anecken, um zur Auseinandersetzung mit Unbequemem zu bewegen, lautete die Devise des Events.

„Der Künstler kann Missstände krasser ansprechen und politisch agieren, ohne den Zwängen der Realpolitik unterworfen zu sein“, erklärte Heinrich Geuther, der als Jahrmarkt-Moderator spitzzüngig-ironisch die Exponate kommentierte, während Yeda Melo Hoffmann-Rothe den Besuchertross fröhlich tanzend die Frankfurter Straße entlang führte. Eines der wohl kontroverseren Ausstellungsstücke zeigte die 18-jährige Helen Paul mit ihrer Acrylmalerei „Der Mensch kommt nackt und frei zur Welt“: eine vollverschleierte Maria in Burka, bluttriefende Kreuzigungsmale an den Handflächen, im Arm das nackte Jesuskind.

In den Räumen des ehemaligen Café Zeitgeist zum Schluss eine düster-bedrückende Performance von Regina Schrott zum Thema Kindesmissbrauch – „Ich für die Unschuld Ihrer Tochter“. Nur Besucher über 16 Jahren hatten Zutritt. „Wir haben lange überlegt, ob wir das ins Programm nehmen sollen“, erklärte Geuther. „Aber wir konnten eine solch zentrale Menschenrechtsverletzung nicht aussparen, nur weil niemand mit dieser Realität konfrontiert werden will.“ Denn bei „Kunst trifft Politik“ gehe es nicht um Kunst der Ästhetik willen – sondern darum, mit der Botschaft das Publikum zu erreichen: Menschenrechte sind nicht verhandelbar.

Die Exponate sind noch bis Samstag, 28. Mai, in den Schaufenstern der Unkeler Innenstadt zu sehen. Informationen unter www.kunst-trifft-politik.de.

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