Klimakrise: Die große Aufholjagd beim Klimaschutz

Klimakrise : Die große Aufholjagd beim Klimaschutz

Deutschland muss mit einem Spurt Versäumtes nachholen und dabei die Bevölkerung für umstrittene CO2-Entsorgungstechnologien gewinnen.

Es wäre eine flach abfallende Kurve geworden, der Rückzug Deutschlands aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas – eine, die nur sanfte Zumutungen, keine Verwerfungen in Gesellschaft und Wirtschaft hätte riskieren müssen. Als Bundeskanzler Helmut Kohl 1992 auf dem Rio-Gipfel, wie die Chefs von 194 anderen Staaten auch, die Klimarahmenkonvention zeichnete, bedeutete das: Wir wollen „gefährlichen Klimawandel“ (siehe Info-Kasten unten) vermeiden. Mit 1,6 Prozent weniger Treibhausgasen pro Jahr seit 1992 hätte Deutschland es bis 2052 geschafft, seine internationalen Zusagen einzuhalten – und heute keinen Klimaschutz-Stress. Deutschland wäre heute ein Vorbild als Industrienation, eben das Land einer Klimakanzlerin. Statt dessen drohen bis 2030 Milliarden-Strafgelder an die EU.

Deutschland verfehlt sein Klimaziel 2020, obwohl es 2011 eine vielbeachtete Energiewende ausgerufen hatte. Doch die endete als „Energieparadoxon“: trotz Energiewende keine Emissionswende, weil Verkehr und Landwirtschaft nicht behelligt wurde. Statt dessen wächst der Individual- und Güterverkehr auf den Straßen, die treibhausgasintensive Massentierhaltung für das 1,95-Euro-Schnitzel floriert wie eh und Billigflieger boomen.

Klimapolitischer Offenbarungseid

Nach der Europawahl stand die etablierte Politik, jahrelang von SPD und CDU repräsentiert, unter Schock. So sehr, dass der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen am Wahlabend in seltener Offenheit sagte: „Aus irgendeinem Grund ist das Klimathema plötzlich zu einem weltweiten Thema geworden.“ Und dann sagte Armin Laschet (CDU) noch: „Das Thema Klima gibt es schon seit 20 Jahren und noch vor zwei Jahren hat es der Wähler gar nicht so wichtig genommen, indem er die Grünen zur kleinsten Fraktion im Bundestag gemacht hat.“ Seine Antwort fand Latschet gewitzt, aber damit war der klimapolitische Offenbarungseid nach dem Urnengang erst richtig perfekt. Denn Laschets Sätze bedeuten zweierlei: Der Klimawandel ist so lange kein Thema, wie die Grünen keine Wahlerfolge feiern, und die wissenschaftlichen Erkenntnisse spielen eigentlich gar keine Rolle.

Der rote Faden dieser Haltung lässt sich bis zur Klimakonferenz in Paris zurückverfolgen, als Tausende Diplomaten ihren Beschluss bejubelten, wonach alle Staaten sich verpflichten, eine Erhöhung der durchschnittlichen Erdtemperatur auf „deutlich unter zwei Grad Celsius“ zu begrenzen. Das klang nach der Rettung der Welt, war aber nur die halbe Wahrheit. Denn der UN-Weltklimarat hatte die Politik zuvor aufgeklärt, dass das 2,0- und erst recht das 1,5-Grad-Ziel mit konventionellem Klimaschutz in verdaulichen Spardosen gar nicht mehr zu schaffen sei. Es war für rationale Beobachter ohnehin gespenstisch geworden: Seit 25 Jahren stand die Klimauhr schon auf „Fünf vor Zwölf“ (der GA berichtete). Danach hatte sich das Treibhausgas-Risiko nicht etwa vergrößert, sondern war nur stehengeblieben. War das möglich? Natürlich nicht

Der große Betrug

Der große Betrug an der Öffentlichkeit sollte weitergehen und sie nicht erfahren, dass die Weltrettung nur noch mit harten Bandagen möglich ist – mit Kunstgriffen, die sich hinter Kürzeln wie CCS oder BECCS verbergen. Im Klartext: Das CO2 muss aus Kohlemeilern unter die Erde geleitet, weiteres CO2 aus der Lufthülle entfernt werden. Wer das Nimby-Problem (Not in my backyard/Nicht in meinem Hinterhof) kennt oder die Endlossuche nach einem Atommülllager in Deutschland verfolgt, ahnt, warum die Politik Teile der Klimawahrheit verschweigt.

Doch das tatsächliche Erdklima-Bulletin ist im Internet-Zeitalter nicht zu verstecken. Den Ernst der Lage verglich der Wirtschaftsnobelpreisträger Joe Stiglitz kürzlich im britischen „Guardian“ mit einem „Dritten Weltkrieg“, weil „unser Leben und die ganze Zivilisation auf dem Spiel stehen, genau wie im Zweiten Weltkrieg“. Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg scheint dieses Bulletin auswendig gelernt zu haben. Die Aspergerin kennt nur Schwarz oder Weiß, nur Falsch oder Richtig, was ausreichend gegen Kuschelsätze aus der Politik immunisiert. So entstand aus einer „Keimzelle mit Pappschild“ in Stockholm die Weltbewegung „Fridays for Future“, die sich auf wundersame Weise im Stakkato einer Bakterienkultur vermehrt. Seit der 1. Weltklimakonferenz ist die CO2-Weltemission um 60 Prozent gestiegen. Und nur das zählt für Thunberg & Co., deren Kalkül Laschets Logik folgt: Wenn die Politik die Zukunft der nächsten Wählergeneration nicht ernst nimmt, muss sie irgendwann die vielen (bald wählenden) Thunbergs ernst nehmen.

"Mut zur Unpopularität"

Vor 39 Jahren schrieb der Bonner Meteorologe Hermann Flohn, damals ein Weltschwergewicht seiner Zunft, das wegweisende Manifest „Regieanweisung eines Wissenschaftlers“. Der Energieumsatz der Menschheit erreiche bald eine Größenordnung natürlicher Klimaschwankungen. „Noch ist Zeit, vielleicht 10 oder 20 Jahre“, um zu reagieren, jedoch bedürften „politische Entscheidungen – ohne Rücksichtnahme auf Zeiteinheit und Wahlperiode – (...) eine weitschauende und doch realistische Sicht“ sowie „den Mut zur Unpopularität“. Daraus ist nichts geworden. Eher kam es so, wie der australische Biologe Tim Flannery vorhersagte: „Es ist meine Überzeugung, dass alle Anstrengungen von Regierungen auf null hinauslaufen, solange nicht der Bürger die Initiative ergreift.“ Auf eine „graswurzelartige Weltbürgerbewegung“ hoffte auch Hans Joachim Schellnhuber, der ehemalige Klimaberater der Bundesregierung. Nun ist diese in Anfängen da und der Druck auf die Politik gestiegen. Es bewegt sich etwas.

Kanzlerin Angela Merkel versucht einen Weg aus der Sackgasse. Beim Petersberger Klimadialog betonte sie, dass Deutschland 2050 klimaneutral sein muss. Aber: Klimaneutralität bedeute, so Merkel, nicht, dass gar keine Treibhausgase mehr freigesetzt werden dürfen. Und das dabei anfallende CO2? Merkel sprach von „Aufforstung“ und „Speichern“. Dahinter verbergen sich eben BECCS und CCS. Allmählich werden die Begriffe in die öffentliche Kommunikation eingeführt, jedoch (noch) nicht mit dem Eingeständnis, dass CO2-Entsorgungstechnologien auch deshalb benötigt werden, um das Versäumte beim Klimaschutz nachzuholen. Nur so ließe sich die Klimauhr tatsächlich wieder auf „Fünf vor Zwölf“ stellen.

Es gibt jedoch ein Problem: Diese technologischen „Klima-Retter“ existieren bisher nur in Klimamodellen, nicht in der realen Welt, auch steht ihre Serienreife nicht unmittelbar bevor.

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