Neue Fronten im Jemen: Regionale Konflikte überschatten Mekka-Pilgerfahrt

Neue Fronten im Jemen : Regionale Konflikte überschatten Mekka-Pilgerfahrt

Für viele Muslime gehört es zur wichtigen Aufgabe, einmal an der Hadsch teilzunehmen, doch: Viele Regierungen ignorieren den historischen Aufruf Mohammeds zur Versöhnung. Währenddessen sind neue Fronten im Jemen entstanden.

Schon im Morgengrauen kletterten Pilger in weißen Gewändern auf einen felsigen Hügel außerhalb der heiligen Stadt Mekka: Mehr als zwei Millionen muslimische Wallfahrer aus aller Welt besuchten am Samstag den sogenannten Berg Arafat, um der Abschiedspredigt des Propheten Mohammed zu gedenken und Gottes Segen zu erflehen. Die jährliche Zusammenkunft auf dem Hügel gehört zu den Höhepunkten der Pilgerfahrt Hadsch, die zu den fünf Säulen des Islam gehört und die am ersten Tag des islamischen Opferfestes am Sonntag mit der traditionellen Steinigung des Teufels weiterging.

Mohammed hatte in seiner Predigt zur Einheit der Muslime aufgerufen - doch am Friedensfest eskalieren Konflikte in der islamischen Welt. Im Jemen zeigen sich Risse in der Koalition zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). In Syrien verstärkt Präsident Baschar al-Assad seine Angriffe auf die Rebellenhochburg Idlib. Und der Iran stichelt gegen den US-Verbündeten und Hadsch-Gastgeber Saudi-Arabien.

Jeder Muslim soll nach Möglichkeit einmal im Leben an der Hadsch teilnehmen. Daneben zählen das Glaubensbekenntnis, die Armenfürsorge, die fünf täglichen Gebete und das Fasten im Ramadan zu den Grundpflichten der Gläubigen.

Als Mohammed vor rund 1400 Jahren seine Ansprache an die Gläubigen hielt, schärfte er ihnen der Überlieferung zufolge ein, dass sich alle Muslime als Brüder fühlen sollten. Die Botschaft wirkt bis heute fort: Pilger am Berg Arafat sprachen am Wochenende von einem unvergesslichen Erlebnis. Man müsse dabei gewesen sein, um es zu verstehen, sagte ein algerischer Wallfahrer laut Medienberichten.

Viele Regierungen im Nahen Osten ignorieren allerdings den Aufruf zur Versöhnung. In Libyen etwa unterstützen rivalisierende muslimische Staaten verschiedene Gruppen im neu aufgeflammten Bürgerkrieg. Seit Monaten schaukelt sich der regionale Machtkampf zwischen den sunnitischen Golf-Staaten wie Saudi-Arabien und den VAE auf der einen und dem schiitischen Iran auf der anderen Seite hoch. Als Partner der Golf-Monarchien drohen die USA mit Militärschlägen gegen Teheran.

Auch während der Hadsch ging der Streit weiter. Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei rief die Pilger in Mekka auf, sich gegen den Plan der USA für eine Beilegung des israelisch-palästinensischen Konfliktes zu stellen. Alle Muslime müssten helfen, das Ränkespiel des "Feindes" zu durchkreuzen, schimpfte Khamenei in einer Botschaft an die Pilger.

Khameneis Aufruf wurde laut staatlichen iranischen Medien während einer Versammlung iranischer Pilger bei der Hadsch verlesen. Die Führung in Teheran setzte sich damit über einen Appell der saudischen Gastgeber an die Wallfahrer hinweg, die Politik zu Hause zu lassen und sich auf die religiöse Einkehr zu konzentrieren. Spannungen zwischen Saudis und Iranern bei der Hadsch sind ein besonders sensibles Thema: 1987 starben bei Zusammenstößen zwischen iranischen Pilgern und saudischen Sicherheitskräften mehr als 400 Menschen.

Nicht nur der Streit mit dem Iran überschattete die diesjährige Wallfahrt. Während sich die Pilger am Wochenende auf den Weg zum Berg Arafat machten, nahm auch der Konflikt im saudischen Nachbarland Jemen eine neue Wendung zum Schlimmeren. Schon jetzt sind etwa 24 Millionen Menschen - vier von fünf Bewohnern des Jemen - im ärmsten Land des Nahen Ostens auf humanitäre Hilfe angewiesen. Nun könnte sich die Lage noch weiter zuspitzen.

Seit vier Jahren kämpft eine saudisch geführte Allianz im Jemen gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen. Doch in den vergangenen Tagen gingen Einheiten der Allianz in der Hafenstadt Aden gegen Kämpfer vor, die mit den VAE verbündet sind - obwohl die VAE gleichzeitig zum Bündnis der Saudis gehören. Der neue Konflikt innerhalb der Allianz macht es den Vereinten Nationen noch schwerer als schon bisher, den Krieg im Jemen zu beenden.

Auf verlorenem Posten steht die Weltorganisation auch in Syrien, wo die Assad-Regierung ihren Angriff auf Idlib fortsetzt, eine Region mit drei Millionen Menschen und mehreren Zehntausend Rebellen. Am Sonntag eroberten Regierungstruppen die Stadt Al-Habeet im Süden der Provinz.