Kultur - Dem Andenken eines Engels

Kultur - Dem Andenken eines Engels

Alban Bergs Violinkonzert, ein Requiem für Manon Gropius

Alma Mahlers Tochter aus ihrer zweiten Ehe mit dem Architekten und Bauhausgründer Walter Gropius muß eine engelsgleiche Erscheinung gewesen sein. Von den Freunden der Familie wurde sie dafür bewundert und geliebt. In seinen Memoiren beschreibt der Dirigent Bruno Walter, daß Manon Gropius in ihm das mystische Gefühl der Ferne geweckt habe.

Einen ähnlich überirdischen Eindruck hat das Mädchen wohl auch auf den Komponisten Alban Berg gemacht: Als Manon erst 19jährig am 22. April 1935 an den Folgen einer Kinderlähmung starb, war er zutiefst erschüttert. Der Tod des Mädchens wurde für den Komponisten zum eigentlichen Anlaß, mit der Arbeit an einem Violinkonzert zu beginnen. Es sollte ein Requiem für Manon werden. In einem Kondolenzbrief schrieb Berg der trauernden Mutter, er wolle nicht dort Worte finden, wo die Sprache versage: "Aber dennoch: eines Tages - noch bevor dieses fürchterliche Jahr zu Ende sein wird - mag Dir und Franz (gemeint ist ihr damaliger Mann Franz Werfel, Anm. d. Red.) aus einer Partitur, die dem Andenken eines Engels geweiht sein wird, das erklingen, was ich fühle und wofür ich heute keinen Ausdruck finde."

Zwar hatte Berg bereits im Februar durch den Geiger Louis Krasner einen Auftrag für die Komposition erhalten, doch bislang konnte ihn nicht einmal die von Krasner gebotene Summe von 1 500 Dollar bewegen, die Arbeit an seiner neuen Oper "Lulu" zu unterbrechen. Und das, obwohl Berg das Geld angesichts seiner mißlichen finanziellen Situation dringend benötigte.

Im Schaffen Alban Bergs ist die Verankerung persönlicher Erlebnisse in der Komposition nicht ungewöhnlich. So basiert etwa die "Lyrische Suite" für Streichquartett auf einem verschwiegenen Programm. Erst mehr als 40 Jahre nach Bergs Tod wurde bekannt, daß der Komponist in den sechs Sätzen des Werkes die Geschichte seiner Liebe zu Hanna Fuchs-Robettin (geb. Werfel) schildert, die mit einem Papierindustriellen in Prag verheiratet war. Auch das Violinkonzert ist seinem Inhalt nach mehr als eine Widmung. Berg entwirft im ersten Teil des Konzerts das Porträt des jungen Mädchens und beschreibt im zweiten ihren tragischen Tod. Die Solovioline stellt gleichsam die drammatis persona dar.

Willi Reich, ein Freund Bergs, hat nach Fertigstellung der Komposition in einer detaillierten Analyse viele programmatische Hinweise gegeben. Der offenbar von Berg autorisierte Aufsatz erschien am 31. August 1935 - dem Geburtstag Alma Mahlers - im Neuen Wiener Journal. Reich kommt darin etwa auf das Allegretto-Scherzo zu sprechen, "das die Vision des lieblichen Mädchens als anmutigen Reigen festhält, der bald zart-verträumten Charakter, bald den urwüchsigen einer Kärntner Volksweise annimmt".

Neben der Kärntner Volksweise "Ein Vogerl auf'm Zwetschgenbaum" verwendet Berg noch ein zweites, vielsagendes Zitat im abschließenden Adagio. Dabei handelt es sich um die notengetreue Wiedergabe des Bach-Chorals "Es ist genug", der als Grundlage einer Variationenreihe dient. Bei der Abschrift des Chorals hat Berg die Noten nur auszugsweise mit Text unterlegt, die ausgewählten Stellen sind freilich sehr vielsagend: Neben dem Anfang "Es ist genug" notierte er die Verse "Ich fahr ins Himmelshaus" und "mein großer Jammer bleibt darnieden".

Berg hat seiner Komposition eine Zwölftonreihe zugrundegelegt, die durch ihre Terzschichtungen viele tonale Bildungen zuläßt, so daß Forscher dafür den Begriff der "Reihentonalität" geprägt haben. Die Verschmelzung von Reihentechnik und latenter Tonalität macht freilich auch die besondere Qualität des Violinkonzerts aus. Durch dieses auf sehr kunstvolle Weise eingesetztes Mittel erreicht Berg eine aus der romantischen Tradition gespeiste emotionale Tiefe, mit der er seinem Vorbild Gustav Mahler sehr nahe kommt.

Das Violinkonzert ist zweifellos Alban Bergs populärstes Werk für den Konzertsaal geworden und nach Meinung vieler Musikkenner sogar das wichtigste des 20. Jahrhunderts. Dazu hat natürlich sowohl die Entstehungsgeschichte beigetragen als auch Bergs eigenes tragisches Ende. Denn das Violinkonzert sollte sein letztes vollendetes Werk und damit sein eigenes Requiem werden: Am 24. Dezember 1935 starb der Komponist 50jährig an einer Blutvergiftung.