Geliebt, verschmäht und bald restauriert: „Idolino“ aus dem Sinziger Schloss wird restauriert

Geliebt, verschmäht und bald restauriert : „Idolino“ aus dem Sinziger Schloss wird restauriert

Geliebt, verschmäht und bald restauriert: Der Marmor-„Idolino“ aus dem Sinziger Schloss sieht nach der geplanten Instandsetzung seinem Idealzustand entgegen.

Man weiß nicht, wann sie ins Sinziger Schloss kam, wohl aber, wann sie entstanden ist. Denn die aus reinweißem Marmor entsprungene Skulptur „Idolino“, Kopie eines antiken, heute im Archäologischen Museum Florenz stehenden Bronze-Vorbildes, trägt eine Beschriftung.

Danach hat sie 1897 „Professor Seeböck“ geschaffen. „Gemeint ist vermutlich der österreichische Bildhauer Ferdinand Seeboeck (1864–1952), der zu dieser Zeit ein Atelier in Rom unterhielt“, glaubt Olaf Pung. Auf Steinrestaurierung spezialisiert, betreibt der Diplomrestaurator gemeinsam mit seiner Ehefrau Stefanie, Schreinerin und studierte Innenarchitektin, in Thür eine Restaurierungswerkstatt. Unterstützt durch sie, wird er sich des Idolinos annehmen.

Der schöne Jüngling hat es bitter nötig. Ein Laie hätte bei seinem Material wegen der stumpfen vergrauten Oberfläche auf Gips tippen können. Doch als Restaurator Ferdinand Lawen 2003 die Malereien des Turmzimmers überarbeitete, sah er auf Anhieb: „Es ist Marmor, man erkennt es an der kristallinen Erscheinung der Bruchstellen.“ Tatsächlich widerfuhr „Idolino“ neben dem Vergrauen auch das Abbrechen seiner rechten Hand. Unsachgemäß wurde sie wieder angesetzt. Daumen, Zeigefinger und das letzte Mittelfingerglied dieser Hand fehlen indes ersatzlos.

Die fehlenden Teile wird Stefanie Pung nach Gipsabgüssen des Florentiner Originals im Akademischen Kunstmuseum Bonn in Plastilin modellieren. Ausgeführt werden die Ergänzungen schließlich in Marmor im Punktierverfahren und befestigt durch Dübel und Kunstharz.

Weil die schmuddelige Hautfarbe einem so anmutigen Jüngling schlecht zu Gesicht steht, erwartet ihn in Thür eine Generalreinigung. „In den allermeisten Fällen“, so Pung, „ist Wasser das beste Lösungsmittel, das wir haben.“ Da macht die Marmorskulptur keine Ausnahme. Der Einsatz eines Dampfreinigers zeigt am Kopf bereits ein großartiges Ergebnis. Hell und glänzend hebt sich die behandelte Stelle vom schmutzigen Rest ab. Das schürt die Erwartungen an die vollends gesäuberte „qualitativ hochwertige Kopie“.

So formuliert Olaf Pung seine Wertschätzung, die vor ihm die Schlossbewohner teilten. Vielleicht haben noch die Erbauer des Sommersitzes, Gustav Bunge (1821-1891) und seine Frau Adele (1828-1899), die Skulptur erworben. Es könnte auch deren älteste Tochter, Schlosserbin Johanna (1851-1934), gewesen sein, die 1872 den kunstsinnigen Bankier Ernst Koenigs heiratete. Jedenfalls stand die Figur seit Jahrzehnten im noblen Turmzimmer des Erdgeschosses, bis sie 2015 urplötzlich in Ungnade fiel.

So teilte Agnes Menacher, Leiterin des Heimatmuseums im Schloss, Ende Januar 2015 der Mitgliederversammlung des Sinziger Denkmalfördervereins betroffen mit, ohne Absprache mit ihr sei der „Idolino“ neben die Vitrine im Eingangsbereich versetzt worden. Seiner Wirkung beraubt, ungeschützt und ohne Sockel stand er da – wie Gerümpel, das nur im Weg ist. Zum Platzverweis kam es dem Vernehmen nach, weil im Turmzimmer, wo Trauungen stattfanden, ein Brautpaar Anstoß an dem unbekleideten Mannsbild nahm.

Nun hat die Stadt den Thürer Experten mit der Restaurierung des „Idolino“ beauftragt, und Bürgermeister Andreas Geron stimmte zu, den Jüngling nach seiner Auffrischung und Instandsetzung wieder im Turmzimmer aufzustellen. Dies entspricht wohl einer vollständigen Rehabilitation. Da die Trauungen seit einiger Zeit in den großen Saal verlagert sind, dürfte in Zukunft auch niemand mehr indigniert sein.

Man kann ihn ins rechte Licht drehen

Restaurator Pung fand übrigens über den Sockel aus grünem Brekzienmarmor heraus, dass in seiner Oberseite eine Drehplatte befestigt ist, mit der die Skulptur um die Vertikalachse gewendet werden kann. Stefanie Pung: „So kann man ihn jederzeit ins rechte Licht drehen, das klassischerweise immer von links kommt.“ Bis dahin dauert es noch etwas. Denn im Kultursaal, der dem Turmzimmer vorgelagert ist, werden ab Januar Böden versiegelt und Fenster überarbeitet.

Danach kann der zu neuem Glanz gelangte „Idolino“ per Hebegerüst und Flaschenzug wieder einen ihm gemäßen würdigen Platz im Turmzimmer einnehmen.

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