Die B9 historisch: Helden, Hauptstadt, hohe Tiere

Die B9 historisch : Helden, Hauptstadt, hohe Tiere

Wilde Tiere, die über einen Vorhang linsen, der vermutlich charismatischste US-Präsident der Geschichte und eine römische Badeanlage haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Dabei verbindet sie alle eins. Sie sind prägende Teile der B9-Historie.

Antike Rheintalstraße: Wir befinden uns in den Jahren 13 bis 9 vor Christus. Bonn ist von den Römern besiedelt. Ganz Bonn? Nein. Auf dem Gebiet der späteren Bundesstadt gibt es auch Siedlungen der Ubier, eines Volkes der Germanen. Aber es sind die römischen Legionäre, die einen Weg parallel zum Rhein ausbauen. Über diesen können die Römer ihre Truppen möglichst schnell verlegen. Noch heute ist der Verlauf der Adenauerallee nahezu identisch mit der antiken Rheintalstraße. Sie führt von Italien, über die Alpen, Straßburg, Speyer, Mainz, Koblenz, Remagen und Bonn bis nach Köln – die frühe Form der B9 ist geboren.
Nur noch wenige Spuren erinnern an diese Zeit. Doch es gibt sie, wenn auch nicht immer sichtbar. Bei Umbauarbeiten des Collegiums Albertinum in der Südstadt entdecken Arbeiter 1989 eine römische Badeanlage. Auch im Haus der Geschichte sind Zeugnisse der Römerzeit zu bewundern. Beim Bau des Museums stoßen Archäologen auf einen gut erhaltenen Kellerraum.
Hans-Hoyer von Prittwitz, wissenschaftlicher Referent im LVR-Landesmuseums Bonn, glaubt zu wissen, wie die B9 im ersten Jahrhundert aussah. Die Straße dürfe man sich nicht als durchgehend gepflasterten Weg vorstellen wie Römerstraßen gerne dargestellt werden. „Das hätte ja auch ein Vermögen gekostet“, so von Prittwitz. Stattdessen müsse man sie sich eher als einen lediglich befestigten und mit Gräben vor Unterspülung geschützten Weg vorstellen.

Historische Aufnahmen der B9

Hochkreuz: Streng blickt niemand Geringerer als John F. Kennedy auf das Monument, das da mitten auf der Kreuzung zwischen Godesberger Allee und Kennedyallee prangt. Mit ihren verschränkten Armen wirkt die Statue des ehemaligen US-Präsidenten, als wolle sie das Denkmal beschützen. Als das Hochkreuz vermutlich im 14. Jahrhundert erbaut wird, kann aber auch noch niemand ahnen, welchen Gefahren es ausgesetzt sein würde. Gemälde aus dem 18. und 19. Jahrhundert belegen die einst idyllische Lage des Wegekreuzes – gelegen an einer mit Linden bepflanzten Allee.
Heute ist von der Idylle nicht mehr viel zu sehen. Über zwei Spuren drängeln sich die Autos sowie die Straßenbahnen am südlichen Teil der Bonner B9 entlang. Auch daraus resultierten schwere Schäden an dem Denkmal. Immer wieder muss das Hochkreuz renoviert werden. Das einst beliebte Ausflugsziel wurde 1957 einige Meter versetzt und schließlich aufgrund der Schäden gegen eine Kopie ausgetauscht. Während das Original mittlerweile im Rheinischen Landesmuseum Bonn steht, ist die Kopie den Strapazen des Alltags ausgesetzt. Dafür hat sie aber mit Kennedy einen prominenten Beschützer.

Koblenzer Tor: Dass die Hauptverkehrsschlagader der Stadt direkt durch das Hauptgebäude der Bonner Universität führt, ist verwunderlich. Zugegeben: Als Kurfürst Clemens August von Bayern im 18. Jahrhundert das Schloss mit einem Galerieflügel zum Rhein hin verbreitern lässt, kann er noch nicht ahnen, dass auf der schmalen Straße einmal eine Blechlawine rollen wird. Erst mit der französischen Herrschaft am Rhein (1794-1814) beginnt ein großzügiger Straßenbau in der Region, den die preußische Regierung fortsetzt. Das Koblenzer Tor (früher: Michaelstor) ist heute zweifelsohne das Nadelöhr der B9. An dieser Stelle, an der sich die Adenauerallee durch den dreigeschossigen Torbau zwängt, hat sie noch die Maße der mittelalterlichen Einfallstraße, über die Händler auf Pferdewagen ihre Waren in die Stadt brachten, um sie auf dem Marktplatz zu verkaufen. Als die Stadtverwaltung 1948 zusätzlich einen weiteren Durchbruch durch das ehemalige Schloss vorschlägt, stößt sie allerdings auf Widerstand. Zum Glück gibt es heute ein zweites Tor, durch den der Verkehr stadtauswärts geleitet wird. Trotzdem ist das Nadelöhr „Koblenzer Tor“ geblieben. Das hat auch etwas Gutes: Hier, zwischen Hofgartenwiese und Stadtgarten, ist die B9 allenfalls ein schmaler Strom – dem Nadelöhr „Koblenzer Tor” sei Dank. Denn so avancierte der Stadtgarten inklusive des Alten Zolls zum grünen Studenten-Dorado.

Adenauerallee: Der 18. Oktober 1944 war ein schwarzer Tag in der Geschichte Bonns. Bei dem größten Bombenangriff auf die Stadt sterben über 300 Menschen. Der Zweite Weltkrieg verändert das Gesicht Bonns innerhalb weniger Minuten. Die damalige Bonner Altstadt liegt in Trümmern. Auf der Koblenzer Straße (heute: Adenauerallee) zieht sich das Band der Verwüstung bis etwa auf Höhe der Weberstraße. Königshof, Beethoven-Gymnasium, Ernst-Moritz-Arndt-Haus und private Villen werden zerstört. Die Bonner Universität brennt bis auf die Außenmauern nieder. Im Vergleich zu anderen deutschen Städten hält sich der Schaden jedoch in Grenzen. Dieser glückliche Umstand sollte Bonn Jahre später bei der Wahl der Bundeshauptstadt einen entscheidenden Vorteil einbringen.

Museum Koenig: Was ist naheliegender, als nach den historischen Eckpfeilern der B9 in einem Museum zu suchen. Im Haus der Geschichte? Klar. Aber ausgerechnet im zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig? Doch. Hier befindet sich die Wiege der Bonner Demokratie. Eines der wichtigsten Dokumente der Geschichte der Bundesrepublik wurde angeblich unter den Augen einer Giraffe verhandelt: das deutsche Grundgesetz. Im Lichthof des Museums Koenig findet am 1. September 1948 die Eröffnung des Parlamentarischen Rats statt. Dieses Gremium ist von den Alliierten eingesetzt worden, um das Grundgesetz auszuarbeiten. Neben den Vertretern der Alliierten wohnen auch die präparierten Tiere des Museums der Festivität bei. Abgedeckt, hinter Vorhängen. Nur die Giraffen sollen über die Gardinen gelugt haben.

Wenige Kilometer entfernt, von der B9 erreichbar, tagt in der Pädagogischen Akademie fortan der Parlamentarische Rat. Zwölf Monate nach der Einberufung, am 8. Mai 1949, verabschiedet das Gremium mit 53 gegen 12 Stimmen das Grundgesetz. Am 23. Mai 1949 wird es verabschiedet. Nachdem Bonn am 3. November 1949 endgültig zum „vorläufigen Sitz der Bundesorgane“ gewählt worden ist, erlebt die B9 in Höhe Adenauerallee (früher: Koblenzer Straße) einen rasanten Aufschwung. Das ist bitter nötig. „Die B9 war damals eine armselige Straße“, erinnert sich Heinrich Schöpe, der von 1975 bis 1989 Referatsleiter des Ministerialrats für den Ausbau Bonns zur Bundeshauptstadt war.

Innerhalb der nächsten Jahre werden zahlreiche Gebäude aus dem Boden gestampft, in die verschiedene Ministerien einziehen. Vorhandene Gebäude wie das 1860 fertiggestellte Palais Schaumburg oder die 1868 erbaute Villa Hammerschmidt fungieren als Dienstsitz des Bundeskanzlers oder des Bundespräsidenten. Trotz zwischenzeitlichem Baustopp wächst das Regierungsviertel kontinuierlich. „Das ging alles sehr schnell. Die Finanzierung war überhaupt kein Problem“, so Schöpe.

Haus der Geschichte – Museumsmeile: Das Haus der Geschichte ist per se eine gute Station für jeden Zeitreisenden. Das Museum enthält aber nicht nur Geschichte, es ist auch Geschichte: Es steht für ein neues Kapitel in der Historie der B9 mit der Überschrift „Museumsmeile”. Bereits in den siebziger Jahren plant der Bund, Kulturbauten in Bonn zu errichten. Ziel ist es, das Regierungsviertel für Besucher attraktiver zu machen. Die B9 bietet zu diesem Zeitpunkt ausreichend Platz.
Noch in den sechziger Jahren sind weite Teile der Friedrich-Ebert-Allee von Ackerfeldern umgeben. Unter anderem werden ab 1985 für rund 100 Millionen D-Mark zwei Kunstmuseen gebaut. „Das städtische Kunstmuseum ist aus heutiger Sicht ein bisschen groß geworden, dazu die Kunsthalle als Konkurrenz ist ein bisschen viel“, so Schöpe, der an der Konzeption beteiligt war.

Friedrich-Ebert-Allee: Magenta so weit das Auge reicht. Zugegeben: Heute muss man diesen Teil Sportgeschichte in einem anderen Licht sehen, doch vor 17 Jahren war Jan Ullrich einer der größten Protagonisten des Sports. Als Edelhelfer des Tourfavoriten Bjarne Rijs gestartet, gewinnt „Ulle“ 1997 als bislang einziger deutscher Radsportler die Tour de France. Damals möglicherweise zu recht unverdächtigt, wird der später geständige Dopingsünder an diesem 28. Juli 1997 von 20 000 Bonnern frenetisch gefeiert – auch auf der Friedrich-Ebert-Allee.
In Cabrios werden Jan Ullrich, Erik Zabel und Co. von der damaligen Telekom-Zentrale zum Rathaus gebracht, um sich dort ins Goldene Buch einzutragen. „Sie stehen in einer Reihe mit Adenauer, de Gaulle, Gorbatschow und dem Papst“, erklärte Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann. „Ich bin es gewohnt, dass die Champs-Elysees für uns freigemacht werden, aber dass für uns die Straßen in Bonn gesperrt werden müssen, hätte ich nicht gedacht“, wunderte sich der sportlicher Leiter der Telekom-Teams, Walter Goodefroot.
Einen weiteren bedeutenden Staatsmann hatte Diekmann in ihrer Auflistung vergessen. 34 Jahre vor Ullrich war der wohl beliebteste US-Präsident der Geschichte unter dem Beifall der Bonner über die Friedrich-Ebert-Allee chauffiert worden – allerdings in die andere Richtung. John F. Kennedy hatte die damalige Hauptstadt besucht.

Museumsplatz: Mit mehr als 900 Millionen verkauften Tonträgern gehört Sir Elton John zu den erfolgreichsten Interpreten der Welt. Am 7. Juni 2005 bejubeln 4500 Bonner den britischen Popstar auf dem Museumsplatz – weitere Stars sollten ihm folgen.
1997 wird die Fläche zwischen Bundeskunsthalle und Kunstmuseum Bonn zum Bonner Musik-Mekka. Künstler wie ZZ Top, Alice Cooper oder REM gaben sich auf dem Museumsplatz die Ehre. Nach 14 Jahren ist Schluss, die Konzertreihe wird eingestellt und verlegt. Von der einstigen Römersiedlung ist nicht viel geblieben. In einer Hinsicht hat die einstige Römersiedlung also sogar etwas mit dem widerspenstigen gallischen Dorf gemein. Auch an der B9 wird die Musik am Ende verbannt.

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