Hitze in der Stadt: In diesen Bonner Stadtteilen ist es besonders heiß

Hitze in der Stadt : In diesen Bonner Stadtteilen ist es besonders heiß

In Bonn ist es schon heute in Sommernächten acht Grad wärmer als auf dem Land. In den kommenden 40 Jahren soll sich dieser Effekt noch verstärken. Das hat nicht nur Folgen für die Bürger, sondern auch für die Stadtplaner.

Bonn hat neuerdings Ähnlichkeit mit Australien. Ringsum grün und mittendrin ein tiefrotes Zentrum. Zumindest auf dem Stadtplan von Joachim Helbig sieht Bonn so aus. Der Abteilungsleiter Umweltvorsorge und -planung bei der Stadtverwaltung beugt sich mit seiner Mitarbeiterin Jessica Müller über diese besondere Karte. Sie zeigt die Stadt im Hochsommer, morgens früh um 4 Uhr.

Um diese Zeit ist es in Wochen wie diesen statistisch gesehen am kühlsten. Und dann wird deutlich: Die Stadt hat ein Problem mit der Hitze. Denn während in Randbereichen wie Röttgen, Ückesdorf oder dem Süden von Ippendorf kalte Luft von den Hängen und aus den Seitentälern des Kottenforstes die aufgeheizten Stadtteile erfrischt, staut sich die Hitze etwa in Neu-Tannenbusch, Duisdorf, Beuel, Bad Godesberg und in der Innenstadt wie in einem Glutofen.

In vielen Stadtvierteln – allen voran das Bonner Zentrum – liegt die minimale Nachttemperatur in Sommernächten mit stabiler Hochdrucklage mehr als sieben Grad höher als auf dem unbebauten Land. Selbst Freiflächen wie rund um den Annaberger Hof im Kottenforst, die sich am Tag ebenfalls wie ein Backofen erwärmen, liefern dagegen in der Nacht wichtige Kaltluftreserven für die Stadt.

Die Klimakarten für Tag und Nacht in Bonn sind jüngst als Teil des Forschungsprojektes ZURES entstanden. Die Abkürzung steht für Zukunftsorientierte Vulnerabilitäts- und Risikoanalyse zur Förderung der Resilienz von Städten und urbanen Infrastrukturen. Gefördert vom Bundesforschungsministerium arbeiten dabei seit 2016 die Universität Stuttgart, die TU Dortmund und die UN University Bonn beispielhaft in den Projektstädten Bonn und Ludwigsburg an Erkenntnissen zur Anpassung an steigende Temperaturen und den Klimawandel.

Herausforderung für Stadtplaner

In Bonn ist das aus mehreren Gründen von aktueller Bedeutung. „Einerseits bilden Ennert und Venusberg eine gewisse natürliche Kessellage, die die Kaltluftzufuhr einschränkt“, erklärt Helbig. Andererseits werde in der nach allen Prognosen weiter wachsenden Stadt dringend mehr Wohnraum gebraucht. Forderungen nach Nachverdichtung und Schließung von Siedlungslücken stehen im Raum. Gleichzeitig müssen sich alle Immobilieneigentümer und Einwohner auf steigende Temperaturen einstellen. Eine lokale Klimaprognose der Universität Duisburg-Essen aus dem Jahr 2011 rechnet im Vergleich der Dekaden 1991 bis 2001 und 2051-2061 mit einem Anstieg der heißen Tage mit mehr als 30 Grad von durschnittlich 7,8 auf 20,9 im Jahr. Eine Klimaprognose der Region Köln-Bonn e. V. rechnet mit fortschreitendem Klimawandel immerhin mit 18 Hitzetagen im Jahr.

Die Zahl der Sommertage mit mehr als 25 Grad soll sich nach den Berechnungen der Essener sogar von 37,1 auf 70,3 Tage annähernd verdoppeln. Und auch die Nächte werden wärmer. Die Zahl der Tropennächte verzehntfacht sich statistisch von 0,1 auf 1,0. Das sind wichtige Kenngrößen, denn das Klima sorgt bei Menschen verstärkt in Phasen mit mehreren aufeinander folgenden heißen Tagen in Kombination mit Tropennächten für gesundheitliche Probleme. Dann ist nicht nur die Wärmebelastung am Tag ex-trem, sondern auch in der Nacht, sodass die Erholungswirkung durch mangelnden Schlaf leidet.

Was bedeutet es für die Bauleitplanung, dass die heißen Tage in gerade in den verdichteten Bereichen mehr werden? Wo müssen Grünflächen erhalten, Kaltluftkorridore bewahrt oder geschaffen werden? Wo gilt es, Flächen zu entsiegeln? Wo leben besonders viele Kinder bis zum Vorschulalter oder alte Leute, die anfällig für Hitzestress sind? Und wo kann andererseits ohne größere Negativeffekte noch gebaut oder aufgestockt werden?

Auf diese Fragen soll ZURES Antworten geben. Für die beiden Karten wurde das Stadtgebiet mit Lasersensoren überflogen und dreidimensional vermessen. Grün- und Straßenflächen und weitere Daten flossen in die Berechnung ein. Am Ende entstand an den Rechnern der Firma Geo-Net in Dresden und Hannover eine Modellierung, die Hitzefallen und Kältepole in einem Raster von zehn mal zehn Metern zeigt. Dazu wurden neben der Temperatur Größen wie Feuchte, Wind und Strahlungsintensität berücksichtigt. Vergleichbares gibt es in Deutschland bislang nur für die Hauptstadt Berlin.

Eine zentrale Erkenntnis: Die Klimamodellierer haben den Rhein als Klimafaktor völlig überschätzt. „Wir hätten einen gewissen Strömungseffekt erwartet, der die Ufer am Rhein kühlt“. Auf der Nachtkarte sind die bebauten Bereiche am Strom hingegen tiefrot. Tatsächlich geht am Ufer oft ein Wind, aber kein kalter. „Als großer Wasserkörper heizt sich der Rhein tagsüber auf. Nachts gibt er die Hitze teilweise wieder an die Luft ab“, erklärt Helbig.

Kühlung aus den Hanglagen

Kühlung kommt dagegen vor allem von den Hanglagen. Wer am Fuß des Ennert gebaut hat, ist in Punkto Hitze erfrischend gut dran. Im Westen sorgen fast ausschließlich die Täler von Katzenlochbach im Norden und Godesberger Bach im Süden für Belüftung. Helbig glaubt: „Würde man dort einen kompletten Bauriegel reinstellen, wäre das mit Sicherheit keine gute Idee.“ Andererseits gibt es Bauflächen im flachen Norden der Stadt wie das projektierte Baugebiet Rosenfeld, die vermutlich verhältnismäßig wenig am Luftaustausch in der Stadt ändern werden.

Bei der Karte mit den Tageshöchstwerten um 14 Uhr ist die Datengrundlage eine andere. Hier wurde die gefühlte Abweichung von der statistischen Mitteltemperatur in Bonn von 13,7 Grad zur größten Mittagshitze bei einer stabilen Hochdrucklage ohne Wolken abgebildet. In der Randbebauung zum Umland steigen die gefühlten Werte an solchen Tagen auf 30 und mehr Grad. In dicht bebauten Kernzonen und auf den großen Straßen können die Werte aber auch locker auf gefühlte 43 Grad und mehr anwachsen. Man spricht in diesem Fall bereits von einer extremen Wärmebelastung.

„Hier wird es darauf ankommen, Räume zu schaffen, an denen ein Aufenthalt noch möglich ist“, sagt Löffler. Beschattung und Begrünung seien ein wichtiger Aspekt. Auch Wasserflächen könnten mit ihrem Verdunstungseffekt zur Luftkühlung beitragen. Denn Freiflächen allein sorgen eben nicht für eine kühle Brise. Auf Äckern und offenen Wiesen kann es tagsüber ähnlich unerträglich werden wie in der City. In Teilen der Rheinaue werden an solchen Tagen Temperaturen ebenfalls um die 40 Grad empfunden.

Aus den gewonnenen Daten soll im nächsten Schritt bis 2019 eine konkrete Hinweiskarte entstehen, aus der auch Laien dann Erkenntnisse über lokale Schwachpunkte ablesen können. Denn bei aller Genauigkeit sagt die Karte beispielsweise nichts über vorspringende Gebäude oder verbaute Materialien. Dabei leitet Holz etwa Wärme ganz andere als Beton oder Metall. Helbigs Bilanz: „Die Karte zeigt vielmehr, wo kleinräumigere Gutachten erforderlich sind.“

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