Vermischtes - Schlaflos auf der eisigen Felsnadel

Vermischtes - Schlaflos auf der eisigen Felsnadel

Die Münchner Brüder Franz und Toni Schmid bezwingen die gefährliche Nordwand des Matterhorns

Besorgt suchen die Blicke die steile Wand ab. Nirgends, aber auch nirgends ist ein Plätzchen zu entdecken, das Unterschlupf bieten könnte. Endlich eine schmale Felsnadel, nicht einmal einen halben Quadratmeter groß - da müssen Franz und Toni Schmid aus München die Nacht verbringen. Mitten in der Nordwand des Matterhorns. Vorn am Seil sucht Franz nach dem Weg auf das winzige Plateau, von unten schleicht die Dunkelheit heran. Plötzlich ein Knall, das Felsstück, auf dem Toni steht, bricht und jagt sich überschlagend hinab ins Nichts. Toni stürzt mit.

Bevor das Seil abrollt und den Bruder mitreißt, umarmt Toni mit blitzschnellem, instinktiven Zugriff einen felsigen Wulst. Verzweifelt klammern die Hände sich an den Stein. Er hält durch, bis sein Bruder ihm hilft. Mühsam erreichen sie den verschneiten Lagerplatz, der diesen Namen nicht verdient. Sie binden sich selber, die Steigeisen und die Pickel an zuvor eingeschlagene Haken, stülpen sich den Schlafsack aus Gummibatist über und verbringen zehn Stunden schlaf- und reglos dicht aneinandergedrängt im oberen Drittel der Wand. 4150 Meter hoch.

Niemand vor ihnen hat jemals die Nordwand des Matterhorns bestiegen. Den Gipfel schon: Am 14. Juli 1865 stiegen der Engländer Edward Whymper und sechs Gefährten über den Schweizer Grat auf die Spitze der grandiosen Felspyramide. Der Abstieg kostete vier von ihnen das Leben.

Wie viele Gescheiterte vor ihnen haben Franz und Toni Schmid die Nordwand des Bilderbuch-Berges im schweizerischen Oberwallis schon länger im Kopf, als sie am 31. Juli 1931 kurz nach Mitternacht aufbrechen. Die Wand gilt als unbezwingbar. Unglaublich steil, im mittleren Drittel nahezu vertikal, ganzjährig vereist. Und der Fels bröckelt, nur das Eis hält ihn noch zusammen. Das ganze Jahr über bricht Gestein ab und donnert, vermischt mit Schnee und Eis, auf den Gletscher. Steinschlag im Minutentakt! Unmöglich, daß Menschen diesen rotierenden Geschossen standhalten.

Doch die Brüder Schmid haben Glück. An diesem Julitag hält der Berg Ruhe. Mit dem Fahrrad sind der 22jährige Toni und der vier Jahre ältere Franz von München in die Schweiz geradelt, viele Pässe hinunter, aufwärts ebensooft geschoben. Beide klettern, seit sie 16 sind, zwei erfahrene und durchtrainierte Alpinisten. Die Anziehungskraft der Nordwand und die Gier, sie zu bezwingen, hat sie in dunkler Nacht über den glucksenden Gletscher und dann mühselig hoch und höher getrieben. "Unendlich langsam", wie Toni Schmid 1932 in der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins schreibt. Deshalb auch das eisige Nachtlager.

Am Morgen des 1. August spricht nicht einmal Toni, der Sonnyboy, auch nur ein überflüssiges Wort. Sie sind naß, durchfroren, die Hände bluten von den vielen Eis- und Steinsplittern, die beim Einschlagen der Sicherungshaken abspringen. Und der Aufstieg wird nicht leichter, im Gegenteil.

Nun müssen sie quer über ein unsicheres Schneeband. Weil sie sich scharf auf die Seilmanöver konzentrieren, bemerken sie gar nicht, daß das Wetter umschlägt. Im Handumdrehen schlagen Kaskaden von Schnee und Hagelkörnern auf sie ein, Blitze über Blitze, die Eispickel summen, als wollten sie ein Klagelied anstimmen. Doch Franz und Toni klettern weiter. Sie wissen, daß sie nirgendwo anders hinkönnen als auf den Gipfel.

Um 14 Uhr stehen sie oben, 4478 Meter hoch! Kaum erschrocken, daß das Unwetter sie beinahe hinabfegt, nur heilfroh, dieser grausamen Wand entronnen zu sein.

Ohne Einsehen röhrt der Sturm. Sie haben keine Wahl: Durch das eisige Getöse steigen sie über den Hörnligrat zur Solvayhütte ab. Wie Tote fallen sie auf die Pritschen. Sie schlafen bis zum nächsten Mittag und, weil der Sturm unvermindert heult, wie taub weiter bis zum nächsten Morgen. An diesem 3. August 1931 glitzert die Sonne am tiefblauen Himmel. Beim Abstieg versinken sie - hungrig und sehr erschöpft - bis zu den Knien in Neuschnee. Und dann empfängt sie Zermatt mit unbeschreiblichem Jubel.

Für die Erstbesteigung der Nordwand erhalten sie im Sommer 1932 in Los Angeles die Goldene Olympiamedaille. Toni Schmid erlebt die Auszeichnung nicht mehr: Am 16. Mai 1932 stürzt er an der Nordwand des Wiesbachhorns mit einem Gefährten in den Tod.