Vor Prüfungen : Keine Angst vor der Angst

Stress und Prüfungsangst – das kennen so gut wie alle Studierenden. Besonders, wenn es auf wichtige Klausuren oder Abschlussprüfungen zugeht, liegen die Nerven schnell blank. Der schlimmste Fall: ein Blackout.

Was im Körper passiert und wie Betroffene damit umgehen, erläutern Diplom-Psycho᠆login Sophie Bärmann und Dr. Melanie Koch vom Kölner Studierendenwerk. Mit ihnen sprach Iris Howe.

Prüfungsangst kennt jeder – doch was ist das eigentlich?

Sophie Bärmann: Prüfungsangst ist die Angst, die an Situationen gekoppelt ist, in der jemand seine Leistungsfähigkeit und fachlichen Kenntnisse unter Beweis stellen muss. Eng damit verknüpft sind die Sorge vor Bewertung und einem möglichen Versagen. Wie bei allen Angstreaktionen handelt es sich ursprünglich um eine automatische Schutzreaktion des Körpers. Sie hilft bei tatsächlicher oder vorgestellter Gefahr, unseren Körper auf Kampf oder Flucht vorzubereiten.

Was passiert konkret im Körper?

Melanie Koch: Auf der körperlichen Ebene wird Prüfungsangst durch das autonome Nervensystem, kurz ANS, umgesetzt. Bei Phobien kommt es zu einer außerordentlichen Aktivierung des sympathischen Nervensystems, einem Subsystem des ANS. Im Gegenzug verringert sich die Aktivität im Parasympathikus, demjenigen Teil des ANS, der im Organismus für Regeneration und Erholung zuständig ist. Wird das sympathische Nervensystems aktiv, schlägt unter anderem das Herz schneller, der Blutdruck steigt, die Atmung wird schneller und flacher, wir schwitzen, die Muskeln spannen an und unsere Aufmerksamkeit fokussiert. Aber: Nimmt die Angst überhand, wird der Sympathikus so stark aktiviert, dass die kognitiven Funktionen herunterfahren. Im Extremfall führt das zu einem Blackout. Sehr starke Angst kann sogar derartig lähmen, dass das gelernte Wissen gar nicht mehr abrufbar ist.

Wer leidet unter Prüfungsangst?

Bärmann: Sie kann jeden treffen. Psychologen gehen davon aus, dass die Angst keine Persönlichkeitseigenschaft ist, aber bestimmte Merkmale die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass diese auftreten kann. Unterschieden wird zudem zwischen tiefenpsychologischen beziehungsweise psychoanalytischen und kognitiven Erklärungsmodellen. Erstere betonen den neurotischen Anteil von Prüfungsangst. Er wird in der Übertragung von Beziehungserfahrungen mit den Eltern auf die Prüfer gesehen. Das kognitive Modell hingegen zielt auf die dysfunktionale Einschätzung der Prüfungssituation durch den Prüfling: Sowohl bereits gemachte als auch antizipierte schlechte Erfahrungen werden dabei als Auslöser festgestellt. Außerdem sind meist Personen betroffen, die sich tendenziell eher von Furcht vor Misserfolg statt von Hoffnung auf Erfolg leiten lassen.

Welche Fälle und Situationen erleben Sie häufiger in der Beratung?

Koch: In der Beratungsarbeit erleben wir häufig, dass Prüfungsangst mit Belastungen in weiteren Lebensbereichen verknüpft ist. Für einen Studierenden in einer finanziell schwierigen Situation kann eine Prüfung etwa enorm an Bedeutung gewinnen, wenn von ihrem Bestehen abhängt, wie lange er noch weiter studiert und solange kein Geld verdient. Auch Probleme wie Unsicherheiten in Bezug auf die eigene Identität, die Zukunft sowie traumatische Erlebnisse können dazu führen, dass sich Ängste leichter aufbauen. Nicht zuletzt verursachen auch Perfektionsstreben und ein sehr hoher Leistungsanspruch enormen Stress.

Wann kommen die Studenten im Normalfall zu Ihnen?

Bärmann: Wenn es gut läuft, frühzeitig. Die Regel ist leider eher, wenn schon etwas schief gegangen ist. So erleben wir immer wieder, dass jemand dringend eine Beratung benötigt, da er beim ersten Klausurversuch durchgefallen ist, und der nächste Termin naht. Es gibt aber ebenso Studenten, die diese Angst bereits seit ihrer Schulzeit haben. Eine besondere Situation ist zudem oft der Abschluss. Dann geht es um tieferliegende Themen wie Identität, Orientierung und Zukunft.

Wie lernen Betroffene, mit ihrer Angst umzugehen?

Koch: Es hilft zu wissen, dass Angst eine normale Körperreaktion ist. Es geht darum, sie anzunehmen und zu lernen, mit ihr umzugehen. Darum ist es wichtig, die Augen nicht vor ihr zu verschließen. Denn Angst kann tückisch sein: 
Je mehr sie ignoriert wird, desto stärker wird sie. Wird sie jedoch 
angenommen, helfen erlernte 

Strategien mit ihr umzugehen und ihr die Macht zu nehmen. Wichtig ist, die übermäßige Aktivität im Sympathikus zu verringern. Dabei helfen alle Formen der Entspannung. Wer runter kommt, kann seinen Ängsten kurzfristig besser begegnen und wird langfristig stressresistenter. Atemübungen etwa erzielen hier einen guten Effekt. Viele Krankenkassen bieten Präventionskurse an, zudem gibt es gute Online-Angebote. Ebenso wichtig ist es, negative Gedanken und Katastrophenfantasien bei Seite zu schieben. Schlechte Gedanken sollen durch neue, konstruktive ersetzt werden. Das gelingt durch den Aufbau mentaler Bilder, die Stabilität und antizipierten Erfolg beinhalten.