20 Jahre Baskets

Die Geschichte der Telekom Baskets Bonn

2007 bis 2009

2007 Das dritte reale Baskets-Märchen

Die Saison 2007/2008 steht ganz im Zeichen der Hallen-Fertigstellung.  Zahlreiche Bau-Nebenkosten versuchen die Baskets aus Bordmitteln zu stemmen, um die Kredithöhe in Grenzen zu halten. Entsprechend eng ist der Teametat geschnürt. Dennoch geschieht die Sensation.

Seitdem Koch am sportlichen Baskets-Ruder sitzt und Andreas Boettcher als Sport-Manager fungiert, herrscht wieder Ruhe im Teambereich. Der Club kann in stürmischen Hallenbau-Zeiten auch keine weitere Front gebrauchen. Aber Koch hat ob des kleinen Etats keinen leichten Job. Einziger Vorteil: Koch hat noch nicht die Deutschenquote von heute vor der Brust.

Ronnie Burrell und der Ur-Rhöndorfer Johannes Strasser von RheinEnergie Köln sind die einzigen Neuverpflichtungen, die die Fans kennen. Weitere sind: Jeremiah Davis (1. Liga Polen), Moussa Diagne, ein Rookie von der Furman University (USA), Patrick Flomo vom Zweitligisten TuS Herten, Senior-Center Bernd Kruel (Skyliners Frankfurt), Winsome Frazier (1. Liga Ungarn). Weiter dabei: Bowler und natürlich Artur Kolodziejski; das einstige Eigengewächs war 2005/06 zurückgekehrt. Auch Fabian Thülig, das Talent aus der eigenen Jugend, schnuppert jetzt Erstliga-Luft. Mitten in der Saison verletzt sich Jason Conley, für ihn wird Edward Basden nachverpflichtet.

 

Die Baskets werden Hauptrunden-Siebter, sind das 11. Mal in 12 Erstliga-Jahren für die Playoffs qualifiziert. Was danach passiert, lässt sich nicht besser beschreiben als mit Socés legendärem Vier-Worte-Satz über die „Virus-zum-Vize-Saison“: „Wir haben Wunder gemacht.“ Headcoach Koch landet im 3. Viertelfinale (20. Mai) gegen die Artland Dragons einen 77:76-Auswärtssieg. Der letzte Spielzug zwischen Bowler und Davis ist bei YouTube verewigt und tritt eine Begeisterungswelle wie 1999 in Bonn los.

Die Euphorie erreicht auch die Hallen-Baustelle. „Eigentlich“ ist der Telekom Dome ja fertig, heißt es. Für eine Finalserie könnte man ihn notfalls und irgendwie einsatzbereit bekommen, aber wer hält eine Finalteilnahme bei den vielen Verletzten schon für wahrscheinlich? Das Unwahrscheinliche ist am Abend des 5. Juni 2008 Realität: Bonn bezwingt Frankfurt 3:2 (72:75, 73:57, 48:58, 79:60, 75:74). Stadt, Polizei und Baskets arbeiten Hand in Hand: Der Telekom Dome, binnen Minuten sind 6000 Tickets verkauft, wird spontan mit dem 1. Finale BonBerlin eingeweiht. Was für ein aufregender Tag. Als Fans, Sponsoren und Baskets ihr neues Zuhause betreten, rollen Freudentränen. Und direkt nach dem Anpfiff steht fest: neue Halle, alte Stimmung – nur (noch) wesentlich lauter. Der Baskets-Sieg (78:69) über Berlin verkommt vor lauter Staunen fast zur Nebensache.

Am 17. Juni 2008 feiert Alba Berlin seine achte und bis heute letzte Meisterschaft – ausgerechnet im neuen Telekom Dome. Die Baskets erhalten „Silber“ um den Hals gehängt. Das vierte seit 1997.

2008 Eine starke Saison endet im Schockzustand

Wenn ein Team das Finale, wie die Baskets 2007/08, erreicht, steigern dessen Akteure ihren Marktwert und erhalten verlockende Angebote. So bleibt der Spitzen-Basketball ein Wanderzirkus: Burrell, Basden, Davis und Conley verlassen deshalb Bonn, es kommen: EJ Rowland, Brandon Bowman, Routinier Vincent Yarbrough aus Bamberg, der Shotblocker Ken Johnson und mit Alex King ein deutscher Spieler aus Frankfurt. Wichtige Kräfte bleiben: Flomo. Strasser, Kolodziejski, Bowler, Frazier, Diagne. Cheftrainer Koch hat eine Mannschaft komponiert, die ligaweit als „Wundertüte“ gilt. Kontinuierlicher System-Basketball oder alles, was man damit verbindet, ist diesem Team eher fremd, individuelles Können und spektakuläre Aktionen sind dagegen ihr Markenzeichen.

Ja, im Basketball kann fast alles passieren. In beide Richtungen. Die Saison 2008/09 verlief furios: Vierter der Hauptrunde, Ulm im Viertefinale mit 3:0 weggeputzt, und dann wurde im Halbfinale gar ein Trauma besiegt. Nie konnte Bonn den mehrfachen Meister Alba Berlin seit 1997 in einer Playoff-Serie schlagen, aber diesmal am 11. Juni 2009 – in einem entscheidenden fünften Halbfinale – schockten die Telekom Baskets 14 800 Zuschauer in der ausverkauften O2-World: Zwei Dreier von Winsome Frazier von nahe der Mittellinie, da wirkte Vincent Yarbroughs gleich hinterher geworfener Dreier fast wie „ein Sargnagel“ für Berlins Finalteilnahme. „Bonn ist völlig Amok“, sprudelte es aus Stefan Koch heraus, dem damaligen TV-Live-Reporter. Bonn gewann die Serie 3:2.

Nun wartete EWE Oldenburg im Finale. Beide Teams agierten unter einer hohen Erwartungshaltung und entsprechend nervös. Jedes Team hatte zuvor beide Heimspiele verloren: 2:2. Am 25. Juni 2009 das fünfte Finale in Oldenburg. Bonn führt nach Patrick Flomos Dunking 55:46. Auf der Bonner Museumsmeile, wo die Fans das Match live auf einer Großleinwand verfolgten, reiften Meistergefühle. Endlich mal Gold – nach viermal Silber. Wer am Radio saß, hatte Pech: Spannungsschwankungen. Erst um 21.03 Uhr war Radio Bonn-/Rhein-Sieg wieder zu hören – ungefähr auch die Zeit, als Spannungsschwankungen im Baskets-Spiel auftauchten: viele Fehlwürfe von der Freiwurflinie.

 

Trotzdem führte Bonn 23 Sekunden vor dem Abpfiff mit 70:67, dazu zwei zugesprochene Freiwürfe. Bei neun von zehn Basketballspielen ist bei dieser Ausgangslage „der Drops gelutscht“ – für die führende Mannschaft. Nun würde der Sack zugemacht, denkt man sich nicht nur auf der Museumsmeile, als EJ Rowland an die Freiwurflinie schritt. Aber: Rowland setzte den ersten daneben, den zweiten auch. Nerven.

Frazier kam rein mit der Anweisung, nicht zu foulen. Oldenburgs Playmaker Jason Gardner, zwei Spielzeiten zuvor noch im Bonner Team, zog zum Korb: 70:69 – aber Frazier hatte die Anweisung vergessen und gefoult. Das bedeutete Bonus-Freiwurf. Gardner trifft zum 70:70. Danach: Ein riskanter Einwurf von Johannes Strasser wurde abgefangen, Bonn foulte daraufhin Je’Kel Foster. Der verwandelte einen von zwei Freiwürfen. 71:70. Noch vier Sekunden. Einwurf Rowland, Foster spritzte dazwischen. Baskets-Präsident Wolfgang Wiedlich erhielt Sekunden danach in Oldenburg eine SMS aus der Heimat. Inhalt: „Die Meile liegt in Tränen“ – die Museumsmeile. Aber nicht nur die.

Spielerköpfe verschwanden unter Handtüchern. Nicht-öffentliche Tränen. Cheftrainer Koch war konsterniert. Center-Schwergewicht John Bowler maträltierte mit hängendem Kopf seinen Kaugummi. Alle mussten – trotzdem – zur Siegerehrung. Wieder Meisterschafts-Silber. Für den Club war es das fünfte: 1997, 1999, 2001, 2008 und – jetzt – 2009. Das Umhängen der Medaillen war ein Über-sich-ergehen-lassen. Die Halle grölte: „We are the Champions.“

Cheftrainer Koch stand unter Schock, brachte kein Wort hervor. Aber er musste: Pressekonferenz. „Wir haben die Meisterschaft durch individuelle Fehler verschenkt“, sagte Koch mit Leichenbittermiene – „einfach verschenkt. Schlimmer geht’s nicht.“ Er starrte in sein Glas mit der Apfelschorle. Schlaue Frage aus dem Journalisten-Plenum: „Was nimmt man aus einem solchen Spiel mit?“ Koch: „Nix. Was soll man da mitnehmen?“
Zwei Tage später. Vize-Meisterehrung im Rathaus. Keiner hatte Lust darauf, aber Pflicht ist Pflicht. Wiedlich hatte für den Fall der Fälle ein Feuerwerk bestellt. Er veranlasste, dass die Raketen am Boden blieben. Immerhin 700 Fans waren gekommen.

Als die Mannschaft auf der Rathaustreppe erschien und danach auf einer darunter aufgebauten Bühne mit Zeltdach, fing es in Strömen an zu regnen. Dem Live-Interviewer fielen noch ein paar Fragen ein, die am Eingemachten vorbeischlichen, und standhafte Fans applaudierten im Sturzregen das letzte Mal in der Saison 2008/09. Am nächsten Tag war im General-Anzeiger zu lesen: „Der Himmel weint.“

Das Internat Hagerhof trumpft auf

Immerhin: Das von Martin Otto trainierte Mädchen-Team des Hagerhof ist im Mai am Ziel - Deutscher Schulmeister durch ein 54:39 über das bis dahin ebenfalls ungeschlagene Team des Sport-Gymnasiums Chemnitz. Nach 2000 und 2002 bei den Jungen ist dies bereits der dritte DM-Titel des von Michael Laufer geleiteten Basketball-Internats Hagerhof in Bad Honnef.

2009 "Ense" kommt nach Bonn

Nach zwei Vize-Titeln in Folge baut Koch notgedrungen um, weil Rowland und Bowman dem großen Geld folgen. Das soll kein Nachteil sein: Mit Jared Jordan siedelt ein Amerikaner von Litauen nach Deutschland um – ein Playmaker, der das buchstäblich auch ist. Dann wechselt ein BBL-Oldie nach Bonn, der in gegnerischen Hallen extrem unbeliebt ist und in Bonn auch: Chris Ensminger. Mit 36 Jahren ein alter Haudegen unter den Körben. Wie werden die Fans reagieren? Sie vollziehen bald eine 180-Grad-Drehung – und werden „Ense“, ein harter Arbeiter als Center, wegen Leistung und Einsatz ehren! Und es kommt Bryce Taylor aus der 1. Liga Italiens, der via Berlin eines Tages beim FC Bayern München landet. Viele unnötige Spiele werden verloren, aber auch echte Highlights geboten. 2009/10 endet mit dem Aus gegen Bamberg im Viertelfinale.