Sportveranstaltungen: Richtungswechsel im Sport fürs Klima

Sportveranstaltungen : Richtungswechsel im Sport fürs Klima

Für Athleten und Ausrichter zählt neben Torverhältnis und Zielzeit immer häufiger auch die Ökobilanz: Durch Mehrwegbecher oder stromsparende Beleuchtung soll der CO2-Ausstoß gesenkt werden. Für Vereine gibt's Zuschüsse

Wimbledon, Tour de France oder Leichtathletik-WM in Katars Hauptstadt Doha – es sind nur einige der Sportevents in diesem Jahr, zu denen zahlreiche Athleten, Trainer, Betreuer, Journalisten und Fans aus der ganzen Welt anreisen werden. Dabei stellen die Sportler allerdings nicht nur positive Rekorde auf. Die Anreise per Auto und Flugzeug, der Stromverbrauch und die Müllberge lassen den CO2-Ausstoß in die Höhe schnellen.

Laut einer Studie der Bonner Klimaschutzberatung CO2OL und des Deutschlandfunks produziert ein einziger Bundesligaspieltag rund 120 Tonnen CO2. Um diesen Wert auszugleichen, müsste eine Fläche von 48 Fußballfeldern begrünt werden. Mit Kombitickets aus Eintrittskarte und Fahrschein für den öffentlichen Nahverkehr wollen einige Veranstalter Zuschauer dazu bewegen, das Auto am Spieltag stehen zu lassen und stattdessen mit Bus und Bahn anzureisen. Internationale Turniere wie Fußballweltmeisterschaften erzielen noch deutlich höhere Werte und produzieren mehrere Tausend Tonnen Treibhausgase – mehr als drei Viertel davon verursacht allein der Verkehr.

Das Thema Klimaschutz im Sport haben die großen Verbände mittlerweile erkannt, so hat sich die Fifa mit der Kampagne „GreenGoal“ bei der Ausrichtung der Männer- und Frauen-Fußball-WM 2006 und 2011 in Deutschland grüne Ziele gesetzt: In allen Stadien wurden die Getränke in Pfandbechern ausgegeben, ein Mülltrennungssystem eingeführt sowie der Wasser- und Stromverbrauch verringert.

Ökobilanz verbessern

Aber auch regionale Veranstalter wollen zunehmend ihre Ökobilanz verbessern. Mit weniger Müll, mehr Ökostrom und regional-saisonaler Wettkampfversorgung soll ein Schritt in Richtung Klimaschutz unternommen werden – so empfiehlt es zumindest die Energie-Agentur des Landes NRW, die einen Leitfaden für „klimaneutrale“ Lauf- und Sportevents herausgegeben hat. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) listet ebenfalls Möglichkeiten auf (siehe Text unten): Angefangen bei stromsparender Stadionbeleuchtung, über Müllvermeidung bis hin zu einer Wasserbegrenzung bei den Duschen für die Teilnehmer.

Eine Veranstaltung gilt als „klimaneutral“, wenn „zunächst alle Möglichkeiten der CO2-Reduktion vor Ort ausgeschöpft und zusätzlich die nicht vermeidbaren Emissionen durch entsprechende regionale oder überregionale Klimaschutzprojekte kompensiert werden“, heißt es in dem Leitfaden. Wie viel Treibhausgase ein Event voraussichtlich produzieren wird, können Ausrichter auf der Internetseite der Energie-Agentur mittels eines CO2-Eventrechners grob schätzen lassen.

„Es ist das erste Mal, dass wir uns intensiver damit auseinandersetzen“, sagt Sebastian Becker vom Veranstalterteam des Köln Marathons. Auf Basis eines TÜV-Umweltzertifikats haben die Veranstalter die Bereiche mit dem größten CO2-Ausstoß ermitteln lassen. Von den 150 Tonnen, die das Event in den vergangenen Jahren durschnittlich verursacht hat, sollen in diesem Jahr etwa 40 Tonnen CO2 eingespart werden – mit Hilfe von drei Neuerungen.

Auszeichnung aus Holz

Erstmals werden die Läufer im Ziel am Dom nicht mehr eine Medaille aus Metall um den Hals gehängt bekommen, sondern eine Auszeichnung aus Holz. Bislang wurden die Medaillen aus Zink in Südafrika gefertigt. Stattdessen wird für die neuen Medaillen Holz in Ungarn geerntet und in Wuppertal weiterverarbeitet. Auf diese Weise sollen 20 Tonnen CO2 eingespart werden. Auch für die Teilnehmer-T-Shirts wird der Rohstoff Holz eingesetzt. Die neue Bekleidung wird aus Holzfasern und Biobaumwolle in Europa gefertigt. Der Stoff soll extrem weich und gleichzeitig atmungsaktiv sein.

„Das zweite große Thema ist eine konsequente Mülltrennung“, erklärt Pressesprecher Jan Broniecki. Die soll sowohl an den Verpflegungsstationen als auch später im Zielbereich im Verpflegungsdorf umgesetzt werden. Gleichzeitig soll der Umfang an Abfall insgesamt verringert werden. Schließlich fallen bei sportlichen Großveranstaltungen etwa 20 Tonnen Müll an.

In Köln wird daher ein Viertel aller Trinkbecher durch wiederverwendbare Mehrwegbecher des Energieversorgers und Sponsors Rhein-Energie ausgetauscht – rund 100 000 Stück. Die restlichen 300 000 Becher sollen nicht mehr aus Plastik, sondern aus recyclingfähiger Pappe bestehen. Allein im vergangenen Jahr wurden entlang der Strecke 1,5 Tonnen Plastikbecher ausgegeben. Auch beim Bonner Marathon geben die Helfer bereits Becher aus Pappe aus, auf Plastikbecher wird verzichtet.

Mehrwegbecher anreichen

Die Mehrwegbecher sollen die Läufer in der Domstadt zum Großteil im Zielbereich gereicht bekommen, um ihnen die Rückgabe zu erleichtern, aber auch an einer Verpflegungsstation entlang der Strecke soll es das neue Modell geben. Die Becher werden gesammelt, gespült und wieder verwendet. Damit das System funktioniert, müssen die Läufer die Trinkgefäße in Fangnetze werfen. Auch die restlichen Pappbecher sollen nicht mehr auf der Straße landen, sondern in die Sammelvorrichtungen geworfen werden. Dafür werden etwa 100 große Netze entlang der Strecke angebracht, sechs bis acht pro Station. Was gut fürs Klima ist, soll so die Veranstaltung zudem optisch aufwerten und die Becherberge am Straßenrand verschwinden lassen. „Wir sind zu 100 Prozent auf die Mithilfe der Teilnehmer angewiesen“, erklärt Becker. Das Mehrwegkonzept haben die Veranstalter bereits beim Kölner Bastei-Lauf im März getestet – mit Erfolg. „Es ist ein Prozess, den wir gestartet haben und der uns über viele Jahre begleiten wird“, sagt Broniecki.

Auch bei Formaten wie dem „Hidden Run“, den der Marathon-Veranstalter für eine streng limitierte Teilnehmerzahl anbietet, soll zukünftig auf Nachhaltigkeit geachtet werden. Bei dem Laufevent wird eine kleine Gruppe an einen vorher unbekannten Ort gebracht, um einen Lauf zu absolvieren. In den vergangenen Jahren führte die Tour unter anderem nach Stockholm, Paris oder an den Comer See. Im vergangenen Jahr ging es statt mit dem Flugzeug zumindest mit dem Bus ans Reiseziel: Texel.

Für einen Verzicht auf Plastik haben sich auch die Veranstalter des Bonn Triathlons in diesem Jahr entschieden. Zum ersten Mal wurden keine Plastikbeutel mehr für die Wechselkleidung ausgegeben. Stattdessen sollten die Teilnehmer ihren eigenen Stoffbeutel mitbringen. „Wir hatten nur positives Feedback“, sagt Joachim Sommershof, Organisator und Vorsitzender des Polizei-Sportvereins Bonn Triathlon. Rund 1200 Plastikbeutel hat der Verein so einsparen können. Auch die Becher, die die Sportler während des Wettkampfs gereicht bekommen, sind biologisch abbaubar. Sie bestehen aus Bio-Maisstärke und werden von den Stadtwerken Bonn (SWB) gestellt und auch am Wasserwagen eingesetzt. „Sie sind für Sportler aber nicht ganz ideal, weil man sie nicht biegen kann“, so Sommershof.

Komplett ohne Müll auskommen

Komplett ohne Müll kommt hingegen die Erfindung eines britischen Start-ups aus, das Flüssigkeiten in auflösbare und essbare Algenbeutel abfüllt. Die etwa golfballgroßen Päckchen wurden mit einem Sportgetränk als Wettkampfverpflegung beim diesjährigen London Marathon im April getestet.

Auch an dauerhaften Veranstaltungsorten lässt sich in puncto Klimaschutz nachbessern. So hat der 1. FC Köln im Rahmen des Projektes „Ökoprofit“, das gemeinsam von der Stadt Köln und regionalen Unternehmen betrieben wird, sein Stadion klimafreundlicher gemacht. Durch Bewegungsmelder und LED-Leuchten soll künftig Strom gespart werden. Und beim Duschen müssen die Fußballprofis mit weniger Wasser zurechtkommen: Durchlaufbegrenzungen in den Bädern sollen den Wasserverbrauch senken.

Schließlich soll es irgendwann ein 1:0 fürs Klima gegeben, bis dahin bemüht sich der Sport zumindest um ein Unentschieden.

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