Vladimir Alejo vom BSC: Wenn das Leben anderes vorhat

Vladimir Alejo vom BSC : Wenn das Leben anderes vorhat

1999 kam Vladimir Alejo mit den kubanischen Fußballern zum BSC. Er blieb als Einziger - und arbeitet heute als Grundschullehrer und Pastor. "Hey, Vladi", sagt der Steppke strahlend, "ich hab' heut' Geburtstag." "Wie alt", fragt Vladi. "Neun", antwortet der Steppke. "Glückwunsch", gratuliert Vladi, "ich bin gestern 40 geworden."

Wahnsinn, Vladimir Alejo geht auch schon ins fünfte Lebensjahrzehnt. Als er 1999 aus Kuba nach Bonn kam, war er 27. Im besten Fußballalter. Er hatte einen großen Traum und wollte Profi werden in Deutschland. Daraus wurde nichts, aber Alejo blieb dennoch. Heute ist er Sportlehrer an einer Grundschule - und Pastor. Eine schöne kleine Geschichte mit vielen Wendungen, die aber auch nur Bestandteil einer großen Geschichte ist.

Die kleine Geschichte spielt an diesem Morgen in der Freien Christlichen Grundschule in Oedekoven. Alejo ist gerade mit sehr lebendigen Kindern vom Sportunterricht aus der nahe gelegenen Turnhalle gekommen und versucht einigermaßen erfolglos, diesen Sack Flöhe ins Schulgebäude zu lotsen. "Hey, Vladi. Hey, Vladi." Jeder will was von ihm. Auch Tochter Janice (9) und seine Schwester, die gerade aus Havanna zu Besuch ist. Drinnen verteilt seine Schwiegermutter das Mittagessen an die "Pänz". Ruhe herrscht erst in einem abgelegenen Geräteraum. Dort erzählt Alejo dann von der großen Geschichte: "Ja, ja, der BSC. Von denen kriege ich noch drei Gehälter." Gut zehn Jahre später lacht er darüber.

Die große Geschichte begann Ende 1998 und ist ziemlich verrückt. Sie handelt von einem fußballverrückten Unternehmer, einem notorisch verrückten Verein und einem gänzlich verrückten Plan. Hans Viol, damals noch Vorsitzender des Bonner SC, wollte die komplette kubanische Nationalelf in der Oberliga Nordrhein für den BSC auflaufen lassen. Ein verwegenes Vorhaben, das so ziemlich alle Medien zwischen Vancouver und Vechta interessierte. Karibik, Kuba, Castro, Kicker - das elektrisierte.

Doch es rief auch Skeptiker auf den Plan. Schnell war von Sklavenhandel und Wettbewerbsverzerrung die Rede. Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes, ein ausgewiesener Kuba-Freund, dessen humanitäre Hilfe für die Zuckerinsel immer wieder in den Medien auftauchte, war zunächst durchaus angetan. Doch irgendwann fragte er sich, ob die Sache überhaupt statthaft sei. Jedenfalls zog Antwerpes von heute auf morgen seine Zustimmung zur Einreise der Kubaner per Touristenvisum zurück. Der DFB und sogar der Weltverband Fifa hatten sich da schon längst mit Viols revolutionären Ideen auseinandergesetzt. Ja, tatsächlich, die mächtigen Herren der Fifa berieten im April 1999 in Lagos (Nigeria) höchstselbst die Causa Kuba. Ihr Fazit: "Das entspricht nicht den guten Sitten." Der kleine BSC, der mächtige Sportverbände in Marsch gesetzt hatte, stand von da an auf verlorenem Posten.

Einige Kubaner spielten einige Male tatsächlich für den BSC. Auch Alejo. Doch die Karibik-Kicker hatten ihre Probleme mit der rauen Oberligaluft. Schnell wurden die großen Pläne immer kleiner, ehe sie schließlich im Ordner "Zu viel gewollt" verschwanden.

Was blieb? Vladimir Alejo. Und Yomber Aguado. Die beiden Nationalspieler verliebten sich während ihres Bonn-Aufenthalts, überwanden alle Schwierigkeiten, heirateten und durften Kuba verlassen. "Yomber habe ich zuletzt von drei Jahren in Berlin getroffen", sagt Alejo. "Er hat damals in Leipzig gelebt und gerade eine Ausbildung zum Physiotherapeuten gemacht. Ich glaube, es geht ihm gut."

Auch Vladimir Alejo geht es heute gut. Sehr gut sogar. Mit seiner Frau Anita ist er nach wie vor zusammen, Jeremy (13) und Janice machen ihm Freude, seine beiden Jobs ebenso, er ist deutscher Staatsbürger. Aber der Anfang in Deutschland war schwer.

Nachdem sich Viols Pläne mit den kubanischen Fußballern als unrealistisch herausgestellt hatten, musste auch Alejo in die Heimat zurück. Obwohl er in Bonn bereits Lebensgefährtin und Kind hatte. Es dauerte Monate, bis er endlich ausreisen durfte. Und als er in Bonn durchstarten wollte, bremste ihn eine Operation am Kreuzband aus. Davon sollte er sich nie mehr erholen - fußballerisch.

"Als wir 1999 nach Bonn kamen, war ich topfit", erzählte er einmal. "Damals hätte ich 2. Bundesliga spielen können." Wer mehr als 30 Länderspiele für sein Land absolviert hat, darf so etwas behaupten. Doch den großen Fußball verfolgte Alejo fortan nur noch als Zuschauer.

Da saß die junge Familie nun auf dem Brüser Berg. Die 80-Quadratmeter-Wohnung war zwar für kubanische Verhältnisse ein Palast, aber es fehlte eine Perspektive. Alejo lernte zwar schnell und gut Deutsch, aber er fühlte sich nicht heimisch. Zu viel "aber" in einem Leben, das eigentlich ganz anders geplant war. Vladimir Alejo wunderte sich damals über viele Dinge. Das Wetter. Die Menschen. "Einmal wollte ich einer Oma in den Bus helfen", erzählte er während eines früheren Treffens. "Aber sie hat ihre Hand zurückgezogen. Keine Ahnung, warum." Vielleicht wollte er es auch nicht wissen.

Ein wenig Heimat fand er in diesen Tagen bei einer evangelischen Kirchengemeinde, in der mehrheitlich Spanier verkehrten. Dreimal pro Woche fuhr er dorthin. Dort musste er nicht um deutsche Worte ringen. Dort lebte er seinen Glauben, denn schon in Kuba - im Land des Santeria-Kults - war er Christ gewesen. Und plötzlich war da doch eine Perspektive. Valdimir Alejo beschreibt das Unvermittelte sehr bildlich, indem er formuliert: "Gott hat mich gerufen."

2005 erfolgte die Ordination zum Pastor, seit 2009 betreut er eine Gemeinde im hessischen Wetzlar. Bis vor zwei Wochen tat er das von Bonn aus, inzwischen hat er jedoch in Wetzlar ein kleines Appartement gemietet und pendelt ständig hin und her. Donnerstags und freitags unterrichtet er in Oedekoven, die Familie lebt ohnehin noch auf dem Brüser Berg. "Wenn Janice nächsten Sommer mit der Grundschule fertig ist, ziehen wir vielleicht alle nach Wetzlar", sagt Alejo.

Wenn man so will, ist der ehemalige Fußballprofi jetzt ein Religionsprofi. Nicht nur, weil er eine Gemeinde betreut, auch weil er missioniert. "Einmal war ich in der Dominikanischen Republik, zweimal in Kamerun und schon dreimal in Kuba", erzählt er. Die Reise in die alte Heimat ist dabei stets eine Reise in die Vergangenheit. "Ich treffe da immer wieder mal einen alten Mitspieler. Und ganz langsam merkt man auch, dass das Leben ein bisschen freier geworden ist in Havanna. Aber vieles ist noch so wie zu meiner Zeit."

Nur der alte Chevrolet, Baujahr 1951, ist nicht mehr da. Den kaufte seine Oma 1976 und ließ ihren Enkel damit regelmäßig durch Havanna cruisen. Alejo liebte dieses Auto: "Wahnsinn, der hatte noch zu 60 Prozent Originalteile. Eigentlich wollte ich ihn nach Deutschland rüberholen, aber das war dann doch zu teuer. Jetzt ist er verkauft."

Obwohl Alejo heute als Seelsorger arbeitet, ist er immer Sportler geblieben. In der Schule arbeitete er zunächst ehrenamtlich, ehe sein Sport-Diplom aus Havanna hier anerkannt wurde. "Das war ein Wunder", sagt er - ganz in pastoraler Diktion.

Das Knie erlaubt ihm zwar nicht mehr, selbst gegen den Ball zu treten, doch die Bundesliga verfolgt der ehemalige Nationalspieler sehr aufmerksam im Fernsehen. Dass er Bayer Leverkusen die Daumen drückt, dafür ist der BSC verantwortlich: "Die haben uns mit der ganzen Mannschaft mal zu einem Bundesligaspiel nach Leverkusen gebracht. Bayer hat einen tollen Fußball gespielt, außerdem kannte ich Landon Donovan von einigen Länderspielen gegen die USA."

Als der 27-Jährige Vladimir Alejo damals in der Bayarena saß, gönnte er sich einen Traum. "Hier willst du auch mal spielen", habe ich mir gedacht. Aber dann streikte das Knie. Dann rief Gott. Und jetzt ruft Janice. Sie muss zum Klavierunterricht.

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