Interview mit Sporthilfe-Chef Michael Ilgner: Warum der deutsche Sport dringend eine Reform benötigt

Interview mit Sporthilfe-Chef Michael Ilgner : Warum der deutsche Sport dringend eine Reform benötigt

Sporthilfe-Chef Michael Ilgner spricht über Geld sammeln und ausgeben, Josef Neckermann und Briefmarken - und sagt, dass der deutsche Sport dringend eine Reform benötigt um wettbewerbsfähig zu bleiben

Sonntag, Telekom Dome, die Telekom Baskets erwarten Alba Berlin. Es ist einer von 200 Terminen, die Michael Ilgner im Jahr absolviert. Der Vorsitzende der Deutschen Sporthilfe ist auf Einladung der Telekom im Rahmen eines paralympischen Aktionstages nach Bonn gekommen. Tanja Schneider sprach mit Ilgner über Geld einsammeln und Geld ausgeben, Josef Neckermann und Briefmarken.

Herr Ilgner, wir konstruieren mal: Im Flugzeug sitzt jemand neben Ihnen, der Sie nicht kennt und fragt: Und, was machen Sie so?

Michael Ilgner: Wir sammeln Geld für Sportler und geben es für ihre Förderung wieder aus.

Jetzt ist der Sitznachbar neugierig und will es genauer wissen...

Ilgner: Ich bin Vorsitzender der Deutschen Sporthilfe und arbeite mit einem Team von Frankfurt heraus in der gesamten Bundesrepublik. Mit Hilfe von vielen Förderern aus Wirtschaft und Gesellschaft und von weiteren Institutionen sammeln wir dieses Geld und arbeiten zusammen mit allen großen deutschen Sportverbänden daran, es so effizient wie möglich an die besten deutschen Talente und Spitzensportler zu verteilen. Sodass im Endeffekt nahezu 100 Prozent der Mitglieder einer deutschen Olympia- oder Paralympics-Mannschaft einmal durch die Sporthilfe gefördert wurden.

Das haben nicht alle nötig.

Ilgner: Das stimmt. Profi-Fußballer, -Handballer, und -Basketballer gehören beispielsweise irgendwann nicht mehr dazu, aber selbst Dirk Nowitzki wurde in seiner Jugend von der Sporthilfe gefördert.

Wie arbeitet die Sporthilfe?

Ilgner: Die Stiftung hat rund 40 Mitarbeiter. Die wichtigste Aufgabe ist, die Athleten zu betreuen und ihnen das Gefühl zu geben, dass die Sporthilfe als Fels in der Brandung neben ihnen steht. Wir fördern nach unseren Werten „Leistung. Fairplay. Miteinander“, das heißt, die Besten am besten fördern, aber nicht für Erfolg um jeden Preis.

Wie sieht das konkret aus?

Ilgner: Wir fördern perspektivisch. Also nicht nur, wenn ein Erfolg da ist, und wenn er ausbleibt, nicht mehr fördern. Der größte Teil der Mitarbeiter ist damit beschäftigt, sich um die Athleten zu kümmern und ihnen neben der finanzielle Auszahlung beratend zur Seite zu stehen. Zum Beispiel zu speziellen Förderprogrammen, wann man sie bekommt und wie man sie beantragen muss. Oder in unseren inzwischen signifikant ausgebauten Programmen zur Vereinbarkeit von Sport und beruflicher Ausbildung. Wir glauben, dass es in Deutschland immer noch großen Bedarf gibt, die finanzielle Förderung auszubauen, aber wenn wir es nicht gleichzeitig schaffen, den größten Talenten eine Perspektive nach dem Sport zu bieten – und schon währenddessen aufzubauen – , dann werden wir es in Zukunft schwer haben, die größten Talente im Leistungssport zu halten.

Wie funktioniert die Bewertung oder Einordnung der Sportler?

Ilgner: Die förderungswürdigen Sportler werden von den Spitzensportverbänden vorgeschlagen, bei uns sind dann Athleten-Manager für einzelne Sportverbände zuständig und betreuen die Athleten vom Eintritt in die Förderung bis zum Austritt. Der Verband schlägt Sportler zur Förderung vor, unser Gutachter-Ausschuss, in dem ehemalige Athleten wie die Speerwerferin Steffi Nerius oder der Judoka Frank Wieneke, aber auch Innenministerium und DOSB vertreten sind, entscheidet entlang unseres Förderkonzepts über die Förderhöhen der einzelnen Athleten oder die Finanzierung zusätzlicher Maßnahmen.

Ein Treffen im Jahr ist wenig, oder?

Ilgner: Da geht es nur ums Gesamtkonzept, ansonsten beraten die Gutachter unterjährig über weitere Einzelfälle. Es kann nicht einmal im Jahr alles entschieden werden. Da gibt es Wechsel, zum Beispiel in einem Ruderboot oder einer Mannschaft. Wir wollen den Verbänden im Großen und Ganzen Planungssicherheit geben, aber auch Kapazität für individuelle Fälle haben.

Hat sich auch die Anerkennung für die Sporthilfe gewandelt?

Ilgner: Wir sind heute eine professionelle Organisation, die den Anspruch hat, mit Weltunternehmen so zu arbeiten, dass wir wie ein effizientes Unternehmen wahrgenommen werden, und nicht als gemeinnützige Institution, die ein Stück weit bemitleidet wird. In unserem Aufsichtsrat sitzen unter anderem DAX-Vorstände, die zu recht den Anspruch auf professionelle Strukturen in der Sporthilfe stellen.

Woher kommt das Geld der Sporthilfe?

Ilgner: Da sind einmal unsere Nationalen Förderer Lufthansa, Mercedes-Benz, Deutsche Bank, Deutsche Post und Deutsche Telekom sowie unser Premiumpartner Deutsche Fußball Liga. Die konzentrieren wir auf bestimmte Förderbereiche. So nutzen wir die Fördergelder der Telekom zur Unterstützung der paralympischen Athleten, die Deuutsche Post übernimmt die Nachwuchsförderung. Insofern gibt es immer einen direkten Link zwischen Geld einnehmen und ausgeben. Zudem kommt Geld von institutionellen Förderern.

Was bedeutet das?

Ilgner: Förderer, die nicht jedem zur Verfügung stehen. Damit meine ich etwa die Glücksspirale und die Sportlotterie. Da es das Lotteriemonopol in Deutschland gibt, ist das kein freier Markt, in dem man sich einfach so positionieren kann. Einen Förderer kann man sich so suchen, einen institutionellen Förderer zu bekommen, ist schwieriger. Zu dieser institutionellen Förderung gehören zum Beispiel auch die Zuschlags-Briefmarken für den Sport, die das Finanzministerium herausgibt und die Post vertreibt.

Von der Gründung der Sporthilfe 1967 bis 1988 war Versandhauskönig und Dressurreiter Josef Neckermann Ihr Vorgänger und das Gesicht der Sporthilfe. Was ist denn heute noch von Neckermann übrig?

Ilgner: Mehr als man denkt, und doch ist es ganz anders. Eigentlich war jede gute Idee schon mal da, sie muss nur an den Zeitgeist angepasst sein. Die Idee, beim Ball des Sports an einem Abend die Größen aus Wirtschaft und Gesellschaft zusammen zu bringen um sich gegenseitig in die Pflicht zu nehmen, hat sich grundsätzlich nicht verändert. Und doch ist der Ball des Sports heute ein ganz anderer. Glücksspirale und Briefmarke machten damals über 90 Prozent des Volumens aus, das hat sich deutlich verschoben.

Die Partner aus der Wirtschaft sind mithin deutlich wichtiger geworden?

Ilgner: Ja, dieser Bereich hat sich in den letzten Jahren am radikalsten verändert. Auch als Antwort darauf, dass sich die Erträge aus Briefmarken und Glücksspirale signifikant nach unten entwickelt haben. Dort hatten wir noch 2006 fast fünf Millionen Euro pro Jahr, im letzten Geschäftsjahr waren es noch gut 600 000.

Wie teilt sich die Förderung heute auf?

Ilgner: Die institutionelle Förderung bringt etwa ein Drittel. Etwa zwei Drittel kommen von den Nationalen Förderern, von unserem Ball, dessen reiner Benefizerlös bei etwa 750 000 Euro liegt, und von Einzelspendern.

Wie hoch ist das Gesamtvolumen und wie viel kommt von den Einzelspendern?

Ilgner: Im letzten Jahr hatten wir die Rekordsumme von 15,2 Millionen Euro Fördervolumen insgesamt, das lag noch vor einigen Jahren bei neuneinhalb bis zehn Millionen. Insofern haben wir die Rückgänge inzwischen überkompensiert. Die Einzelspenden machen zirka eine Million pro Jahr aus.

Wie sehen die Zahlen denn auf Sportlerseite aus? Sind die mitgewachsen?

Ilgner: In den Siebziger Jahren, als noch deutlich weniger Athleten gefördert wurden, war der Effekt für den Einzelnen sehr viel höher. Da waren 90 Prozent des Budgets Sporthilfe-Förderung, heute sind es im Schnitt vielleicht noch 50 bis 60. Es gibt aber heute Zusatzprogramme, insbesondere vor olympischen oder paralympischen Spielen. Wir fördern heute wesentlich differenzierter als noch vor ein paar Jahren.

Inwiefern?

Ilgner: Es gibt ja nicht DEN Sportler. Ich war beispielsweise Wasserballer. Eine Wasserballmannschaft zielgerichtet zu fördern, braucht ganz andere Auswahlprozesse als für Diskuswerfer oder Turner oder Kanuten. Die einen müssen täglich zusammen trainieren, andere müssen nach Asien, Ausdauertraining hier, Techniktraining dort...

Aber zwischen olympisch und paralympisch machen Sie keinen Unterschied?

Ilgner: In Summe nicht, aber da wäre es erst recht falsch, mit dem Ansatz der kompletten Gleichbehandlung ran zu gehen. Denn bei einem sehbehinderten Läufer etwa geht es ja auch darum, einen Begleitläufer zu fördern, den der olympische Athlet gar nicht hat. Wir fördern Olympioniken und Paralympioniken wiederum eins zu eins gleich, was Medaillenprämien angeht. Einfache Gleichmacherei ist nicht differenzierte Gerechtigkeit. Das gilt hier vielleicht umso mehr.

Wenn man das so hört, sind 40 Mitarbeiter nicht viel...

Ilgner: Nein, wir versuchen, ein effizientes Unternehmen zu sein und lassen uns auch entsprechend regelmäßig überprüfen. Jeder, auch der Fünf-Euro-Spender, muss sicher sein, dass wir mit dem Geld treuhänderisch umgehen und es effizient an die Athleten weitergeben. Vermutlich könnte ich die doppelte Anzahl an Mitarbeitern rechtfertigen, um noch differenzierter zu fördern, aber das Geld fehlt dann an den Budgets, die wir auszahlen. Das ins Gleichgewicht zu bringen, ist letztlich meine Aufgabe – zusammen mit den Kollegen aus der Geschäftsleitung.

Zum Anforderungsprofil Ihres Jobs gehört vermutlich, nicht zufrieden zu sein...

Ilgner: Absolut richtig. ich bin niemals zufrieden. Ich glaube, das habe ich aus dem Sport mitgenommen. Ich habe als Wasserballer immer gedacht: Ich möchte einmal in der Nationalmannschaft spielen. Einmal die Nationalhymne am Beckenrand hören. Als ich das geschafft hatte, wollte ich zur EM, dann zu Olympischen Spielen. Im Nachgang hat das den Nachteil, dass ich manchen Erfolg nicht genügend genossen habe.

Aber bei der Sporthilfearbeit hilft es...

Ilgner: Ich sehe es als meine Aufgabe, insbesondere in der Situation, in der die Leistungssportförderung derzeit ist, konstruktiv unzufrieden zu bleiben. Wir müssen zeigen, was möglich wäre, wenn wir in der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Politik ein paar neue Akzente setzen würden.

Machen andere das besser?

Ilgner: Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ländern, die ähnliche Gesellschaftssysteme und Wirtschaftskraft haben und mit denen wir konkurrieren, wie Frankreich, England oder Japan, – nur als Beispiel – in den letzten 50 Jahren keine Olympischen Spiele mehr gehabt. Oder andere Sonderprogramme, die dazu geführt hätten, dass man sich noch einmal besonders einsetzt, Strukturen aufbricht oder neue Maßnahmen ergreift. Es ist wichtig, dass der Sport an einer Reform weiterarbeitet, sonst werden wir international immer mehr den Anschluss verlieren.

Man muss investieren?

Ilgner: Wenn Deutschland schimpft, dass es zu wenige Medaillen gibt, muss man Deutschland auch erklären, woher die Medaillen eigentlich kommen. Was rauskommt, hängt sehr stark davon ab, was man vorher reinsteckt. Das aufzuzeigen, gehört zu unseren wesentlichen Aufgaben.

Und dennoch steht Deutschland ganz gut da.

Ilgner: Ja. in der Nationenwertung sind wir im Sommer und im Winter in Summe weit vorne mit dabei. Aber der Wettbewerb ist härter geworden und ausdifferenzierter: Die Dänen setzen etwa im Sommer auf Bahnradsport und Badminton, die Niederländer im Winter auf Eisschnelllauf. Wir versuchen die gesamte Bandbreite abzubilden. Das passt zum gesellschaftlichen Wert des Sports in Deutschland. Insgesamt ist der deutsche Sport erfolgreich, aber er droht an Boden zu verlieren.

Zurück ins Flugzeug. Wo fliegen Sie denn hin?

Ilgner: Da sage ich mal: London. Ich freue mich tatsächlich darauf, meinen britischen Kollegen in Kürze zu treffen. Und ansonsten bin ich froh, dass ich über Ostern ein paar Tage mit der Familie Skifahren konnte – ohne Flug.

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