Leiter des Olympiastützpunkt Rheinland: "Viele der betroffenen Sportler haben Angst"

Leiter des Olympiastützpunkt Rheinland : "Viele der betroffenen Sportler haben Angst"

Die Bonner Taekwondoka Yanna Schneider hatte an Heiligabend von ihrer Ausbotung für die Olympischen Spiele erfahren. Auch andere Bonner Sportler bemängeln fehlendes Fingerspitzengefühl. Darüber sprach GA-Redakteur Simon Bartsch mit dem Leiter des Olympiastützpunkt Rheinland Michael Scharf.

Herr Scharf, die Art und Weise, wie Yanna Schneider von ihrer Nichtnominierung erfahren hat, hat nicht nur die Athletin überrascht. Wir haben viele kritische Reaktionen, aber auch Informationen erhalten, dass andere Sportler ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Ist diese Umgangsweise im Leistungssport bekannt?
Michael Scharf: Es gibt immer wieder mal Fälle, wo Trainer oder Verbände ihre Sportler, nennen wir es mal suboptimal betreuen, informieren oder behandeln. Viele der betroffenen Sportler haben Angst, das offensiv zu kritisieren, da Sie ja von den Trainern und Verbänden abhängig sind, die Sie für Wettkämpfe beziehungsweise die Nationalmannschaft nominieren. Allerdings muss man auch feststellen, dass dies eine Anzahl von, ich würde mal sagen 15 Prozent der Athleten und Athletinnen betrifft, also nicht die Regel ist.

Krankt das Leistungssystem?
Scharf: Na, da muss man erst mal sagen, das ist Leistungs- und Wettkampfsport. Da geht es darum, besser zu sein, als der andere und das ist dann letztendlich, egal wie man es drehen und wenden will, nicht besonders sozial verträglich. Was ich schwierig finde ist, dass es immer noch genügend Trainer gibt, die von ihren jungen Sportlern verlangen, alles auf die Karte Leistungssport zu setzen anstatt sich für eine vernünftiges miteinander von Leistungssport und schulisch – beruflicher Ausbildung einzusetzen. Aber es ist schon richtig, dass gerade junge Athleten, das viel einschneidender erleben als erfahrene Athleten.

In Reaktionen auf unsere Berichterstattung wurde kritisiert, dass junge Sportler oft auf sich alleine gestellt wären. Sowohl, was berufliche Entscheidungen als auch finanzielle Mittel anginge. Auf der anderen Seite würden die "Medaillenjäger" besonders gefördert. Ist dieses Prinzip nicht zu kurzsichtig gedacht? Müssten nicht gerade die Hoffnungsträger für die Zukunft zunehmend unterstützt werden?
Scharf: Diese Kritik kann ich nicht teilen. Sportler, die eine duale Karriere anstreben, werden inzwischen vorbildlich dabei unterstützt. Ich sehe täglich, was die Laufbahnberater an exzellenter Beratungsarbeit leisten und über welches große Netzwerk an Kontakten sie inzwischen verfügen. Was die finanziellen Möglichkeiten angeht, da ist der deutsche Leistungssport – gerade auch im Vergleich zu anderen Nationen – für meine Begriffe eindeutig unterfinanziert. Das führt dann dazu, dass Verbände von den Sportlern immer häufiger Eigenanteile verlangen, weil sie für die Kosten von Trainingslagern und Wettkämpfen nicht aufkommen können. Richtig ist, dass die Verbände ihre knappen Ressourcen auf die Top Athleten konzentrieren und es da im Nachwuchsbereich erheblich weniger Förderung gibt. Das ist einer der Gründe warum wir 2011 ein Perspektiv Team hier am Olympiastützpunkt Rheinland eingerichtet haben. Ziel ist es unsere Sportler im Nachwuchsbereich mehr zu fördern, damit Sie die Chance erhalten an die Spitze zu kommen.

Droht bei einem solchen Umgang nicht eine Drop-Out-Problematik, also dem frühzeitigem Ausscheiden aus dem Leistungssport?
Scharf: Leistungssport ist gekennzeichnet durch Drop Out. Nur die körperlich und mental besten Sportler bleiben letztendlich dabei. Das ist so. Allerdings könnte man den ein oder anderen Drop Out mit etwas mehr Empathie seitens des Verbandes oder Trainers verhindern.

Wie kann man die Situation verbessern?
Scharf: Mehr Fördermittel, gerade auch für den Nachwuchs, und ein ehrlicher und transparenter Umgang miteinander. Dazu gehört auch, dass ich einen Umgang in „Wahrheit und Klarheit“ haben muss. Um auf Yanna Schneider zurückzukommen. Ich glaube, es wäre überhaupt kein Problem entstanden, wenn ihr am Ende des Trainingslagers kommuniziert worden wäre. „Du bist aus den und den Gründen nicht nominiert und daher habe ich mich für deine Kontrahentin entschieden.“ Das erfordert von den Trainern Haltung und innere Stärke, aber es letztendlich, so wie ich es sehe, der einzige Weg um die Sportler mitzunehmen.

Gerade junge Sportler nehmen zahlreiche Entbehrungen in Kauf - in einer Phase, in der man Ihnen wünschen würde, das Leben vielleicht ein wenig mehr zu genießen. Stattdessen lange Reisen, zahlreiche Wettkämpfe und beruflicher Stress. Auf der anderen Seite erfahren Sie aber einen Umgang mit wenig Fingerspitzengefühl. Mangelt es seitens der Verbände an Wertschätzung gegenüber der Athleten? Wie sieht es mit der Gesellschaft aus?
Scharf: Wie gesagt, wir kommen im Leistungssport aus einer Zeit, wo sich der oder die Stärkste durchsetzt. In Zeiten, wo wir viele Sportler hatten, gab es den gnadenlosen Kampf untereinander. Heute haben wir weniger Wettbewerb und einen erheblich höheren Anspruch an das Sozialverhalten. Da müssen sich einige Verbandsfunktionäre und Trainer noch gewaltig umstellen.

Wie könnte man die Athleten entlasten?
Scharf: Wir wollen in Deutschland das duale System von Sport und beruflicher Karriere. Da kann man letztendlich die Sportler vom reinen Umfang (etwa 30 Stunden Training die Woche) plus Schule/Uni oder Beruf, also in der Summe eine Belastung von etwa 60-70 Stunden die Woche, nicht entlasten. Wir müssen aber alle miteinander einen anderen Umgang miteinander finden. Ehrlich, transparent, wertschätzend und doch auch verbindlich und klar. Da haben wir im deutschen Sport noch viel Potential.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Sprung von Junioren-Titelträgern zu den Profis ein großer ist. Wie kann man diese Leistungssportler noch besser fördern?
Scharf: Die finanzielle und die individuelle Förderung müssen im langfristigen Leistungsaufbau optimiert werden. Dazu müssen die Verbände aber auch die Möglichkeit erhalten gute Trainer zu verpflichten. Wenn ich die aktuelle Gehaltsstruktur von vielen Stützpunkttrainern sehe, dann weiß ich, dass ich mit den Vorhandenen Gehaltsstrukturen keine herausragende Qualität bekommen kann.

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