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Nuklearkatastrophe von Tschernobyl stoppte 1986 Fußball in Bonn

Nuklearkatastrophe von Tschernobyl : 1986 stoppte eine unsichtbare Bedrohung den Fußball in Bonn

Schon vor 34 Jahren ruhte in Bonn und der Region wegen äußerer Umstände der Ball. Damals war kein Virus der Grund, sondern die Katastrophe von Tschernobyl. Die führte im lokalen Fußball sogar zu einem Rechtsstreit.

Stille herrscht auf dem Areal an der Mörikestraße. Kein Kindergeschrei, kein dumpfes Titschen des Balles, keine Pfiffe des Schiedsrichters. Nur ein paar Vögel unterbrechen mit ihrem Gesang die Ruhe. Der rechteckige Fußballplatz, auf dem sonst reger Betrieb herrscht – verwaist. Ein verschlossenes Eisengittertor versperrt den Haupteingang, quer über den kleinen Seitenpfad zur Andreas-Schönmüller-Sportanlage ist ein Absperrband gezogen, daneben ein Schild mit der Aufschrift „Dieser Sportplatz ist bis auf Weiteres geschlossen“.

Die Sportstätte in Dransdorf ist derzeit wahrlich kein Einzelfall. Überall in Bonn, der Umgebung, ja ganz Deutschland sind die Fußballplätze wegen der Coronavirus-Pandemie derzeit gesperrt. Der Sport steht still. Ein ähnliches Bild hat es in der Bundesstadt schon einmal gegeben – vor fast genau 34 Jahren. Auch damals wurden die Sportanlagen offiziell zugemacht, auch damals wegen einer unsichtbaren Bedrohung. Nur hieß die nicht Virus, sondern radioaktive Strahlung.

„Da herrschte doch totales Chaos“, erinnert sich Toni Hartmann an das späte Frühjahr 1986. Im ukrainischen Tschernobyl war es am 26. April zur Explosion eines Reaktors im dortigen Atomkraftwerk gekommen, es war die bis dahin schlimmste Atomkatastrophe weltweit. Eine radioaktive Wolke trieb in den Folgetagen gen Nord- und Westeuropa und sorgte auch hierzulande, Tausende Kilometer entfernt vom sowjetischen Unglücksreaktor, für eine hohe Strahlenbelastung.

„Die Informationen der Bundesregierung waren katastrophal“, sagt Hartmann, der 35 Jahre lang unter anderem als Jugendobmann für den Fußballkreis Bonn aktiv war. „Erst hieß es, alles okay, macht euch keine Sorgen. Dann musste die ganze Milch vernichtet werden.“ Und dieses Chaos erreichte auch den Bonner Fußball.

Anfang Mai schien der Tschernobyl-GAU die Bonner noch nicht zu tangieren, in der Luft wurden nur geringfügig erhöhte Strahlenwerte gemessen. Doch nach stärkeren Regenfällen stiegen die Bodenwerte enorm an. Und die Politik reagierte: Kinder sollten nicht mehr in den Sandkasten, Schulsport nur noch drinnen stattfinden. Die Stadt Bonn vertagte die für den 8. Mai anvisierte Eröffnung der Freibadsaison im Hardtbergbad. Und gab den Rat an alle Besucher von „Rhein in Flammen“, sich dringend zu duschen und die getragene Kleidung zu reinigen.

Schließlich traf es auch den Fußball. Im Fußballkreis Bonn standen an Christi Himmelfahrt und dem darauffolgenden Sonntag die letzten Meisterschaftsspiele der Saison an. Doch einige Städte wie Bornheim schlossen ihre städtischen Anlagen, die Stadt Bonn gab die dringliche Empfehlung zur Aussetzung der Spiele. Der Fußballkreis sagte daraufhin erst alle Jugend- und tags drauf auch alle Seniorenspiele für das lange Wochenende ab, auch Training wurde untersagt. Nachgeholt werden sollten die Spiele zwei Wochen später.

Und schon ging der Ärger los. Zahlreiche Vereine, darunter der SV Buschdorf, beschwerten sich wegen der Verlegung. Die Buschdorfer, denen nur noch ein Sieg zum Aufstieg in die Kreisliga A fehlte, hatten Terminprobleme. „Genau in der Woche haben wir unsere Mannschaftstour nach Mallorca gebucht“, klagte der damalige SV-Trainer Wolfgang Hommelsheim im General-Anzeiger über den neuen Spieltermin am 1. Juni. Eine Stornierung hätte die Mannschaft 7500 Mark gekostet.

Und schon am Himmelfahrtstag ging das Chaos weiter. Denn plötzlich sprach die Stadt nicht mehr von Verboten sondern nur von Anregungen. Der Fußballkreis nahm die Absage des Spieltags am Sonntag zurück, immerhin 19 Partien fanden in den Kreisklassen kurzfristig wieder statt. Darunter auch das Duell des SV Buschdorf gegen den SC Widdig. Die Hommelsheim-Elf siegte 8:1, war Meister der Kreisliga B1 und konnte nach Mallorca fliegen.

Im Kreis Sieg trieb die Tschernobyl-Episode übrigens noch groteskere Blüten. Denn wegen der Platzsperre in Oberlar kam es sogar zu einem Gerichtsstreit zwischen der Stadt Troisdorf und dem ortsansässigen TuS. „Wir hatten für den 11. Mai ein Freundschaftsspiel abgeschlossen und haben trotz des Verbots gespielt. Die Nachrichten waren ja alle so widersprüchlich“, berichtet Alfons Weißenfels, damals Vorsitzender des TuS Oberlar. Die Stadt reagierte ungehalten. „Der damalige Beigeordnete Walter Mende hat daraufhin unsere Platzanlage für das eine Woche später geplante große Pfingstturnier der Alten Herren und der Jugend gesperrt“, erklärt Weißenfels.

Der TuS zog vor das Landgericht und erwirkte eine einstweilige Verfügung. „Und tatsächlich kam am Pfingstsamstag um 12 Uhr ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung zum Sportplatz und brachte uns den Schlüssel. Wir standen schon mit Würstchen und Kuchen am Eingang“, sagt Weißenfels. Auch die Hauptverhandlung gewannen die Oberlarer, die Platzsperre wurde als pure Willkür dargestellt.

Hilfe bekam der TuS, der sich das Gerichtsverfahren aus eigenen Mitteln nicht hätte leisten können, dabei übrigens aus Aachen. „Ein gewisser Egidius Braun, damals noch Schatzmeister des Fußball-Verbandes Mittelrhein, hat uns finanzielle Unterstützung angeboten“, berichtet Weißenfels. Jener Braun, der später Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wurde und vor allem wegen seines sozialen Engagements in die Geschichte des Verbandes einging.

Es war eine Solidarität zwischen Verband und Vereinen, die sich auch in Coronazeiten viele wünschen.