Millitär-Gruß Affäre beschäftigt auch Fußball in Bonn und der Region

Kreisligen in Bonn und der Region : Wie Amateur-Vereine mit der „Militär-Gruß“-Affäre umgehen

Die „Militär-Gruß“-Affäre von türkischen Nationalspielern ist auch im Amateur-Fußball ein Thema. Im Kreis Recklinghausen etwa wurden gegen drei Clubs Sportgerichtsverfahren eingeleitet. Wie gehen Vereine und Spieler in Bonn und der Region mit dem Thema um?

Es war nur eine kleine Handbewegung und doch eine inhaltsschwangere Geste, die weltweit für Entrüstung gesorgt hat. Im Pulk zusammenstehend machten die Spieler der türkischen Fußball-Nationalmannschaft, nachdem sie im EM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich das 1:1 erzielt hatten, den Militärgruß, als Zeichen der Solidarität mit den türkischen Soldaten. Angesichts der Großoffensive der türkischen Armee gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien, die zahlreiche Tote und Verletzte auch in der Zivilbevölkerung fordert, hagelte es Kritik am Salut der Fußballer. Aber auch Zustimmung - und sogar Nachahmung.

Denn die Affäre hat mittlerweile auch die Kreisligen in Deutschland erreicht. Der bayrische Fußballverband (BFV) kündigte nach zwei Vorfällen im Amateurfußball im Freistaat an, Sportler, die einen Militärgruß zeigen, vor das Sportgericht zu bringen. Der Fußballkreis Recklinghausen hat bereits gegen drei Clubs Sportgerichtsverfahren eingeleitet, deren Spieler mit dieser Geste Solidarität für die türkische Armee gezeigt hatten. "Der Fußball lässt sich weder für Provokation noch für Diskriminierung missbrauchen", stellte Manfred Schnieders, Vizepräsident des Fußball- und Leichtathletikverbands Westfalen (FLVW), klar. Doch weitere Aktionen von Nachahmern werden auch am kommenden Wochenende befürchtet.

In Bonn und an der Sieg ist es bisher ruhig geblieben. "Das ist zum Glück bei uns überhaupt kein Thema", sagt Kaiss Ahmadi, Trainer beim B-Kreisligisten FC Sankt Augustin, über Diskussionen rund um den Konflikt in Nordsyrien. Dabei spielen in seiner Mannschaft Türken, Syrer und auch Kurden zusammen. Friedlich und freundschaftlich. "Wir wollen Fußball spielen und Spaß haben. Alle halten zusammen. Wir haben viele verschiedene kulturelle Hintergründe und tragen die Politik nicht in den Sport", sagt Ahmadi. Auch auf die Idee, ein Tor womöglich mit einem Militärgruß zu feiern, sei keiner gekommen. "Die Jungs laufen zur Eckfahne, alle springen aufeinander", berichtet der 41 Jahre alte Coach.

Ähnlich sieht es auch beim Verein Türkischer Arbeitnehmer Bonn (VTA) aus. "Wir sind ein Multi-Kulti-Club. In unserer Satzung steht sogar fest verankert, dass Religion und Politik im Sport nichts zu suchen haben", erklärt der Vorsitzende Bülent Bugdaci. Dennoch muss er von einem Vorfall aus dem Training des A-Kreisligisten berichten. Ein Spieler mit türkischen Wurzeln habe den Gruß gezeigt, woraufhin ihn ein kurdisch-stämmiger Mitspieler darauf hingewiesen habe, dass in dem Konflikt auch Unschuldige getötet würden. "Wir werden das im Vorstand besprechen und dann dem Spieler klarmachen, dass er das in Zukunft unterlassen soll", sagt Bugdaci.

Multi-Kulti: Beim Duell Ippendorf gegen MSV Bonn stehen Spieler aus vielen Nationen auf dem Platz. Foto: Horst Müller

Dabei kann der VTA-Boss die Aufregung um den Salut der türkischen Nationalspieler nur bedingt nachvollziehen. "Es ist kein Zeichen gegen die Kurden. Das wird absolut missverstanden. Vielmehr zeigen sich die Spieler mit den Soldaten solidarisch - ihren Landsleuten, Freunden, Verwandten, die da jetzt kämpfen müssen", erklärt Bugdaci. Zumal auch andere Sportstars, wie etwa der französische Weltmeister Antoine Griezmann, regelmäßig salutierend ihre Tore bejubelten.

Fatih Gül, der türkische Coach des A-Kreisligisten SF Troisdorf 05, "kann dieses Thema nicht mehr hören. Es nervt nur und gehört nicht in den Sport", erklärt er. Die ganze Diskussion führe nur dazu, dass Menschen sich voneinander distanzierten und Freundschaften auseinanderdrifteten. Besonders enttäuschend sei für ihn, "dass wir Türken mittlerweile für alles und jedes die Sündenböcke sind. Ich halte mich aus der Politik heraus. Die Türkei ist doch nicht nur Präsident Recep Tayyip Erdogan; dort leben 80 Millionen Menschen", stellt er klar.

In Güls Mannschaft spielen Türken und Kurden zusammen. "Ich habe noch nie irgendein Problem damit gehabt. Wir hatten vor einiger Zeit eine Reihe von kurdischstämmigen Flüchtlingen im Team. Es geht doch um die Menschen; sie stehen im Vordergrund. Bei mir wird es niemals Vorurteile gegen irgendeinen aufgrund seiner Herkunft geben, nicht im Sport und nicht privat", betont Gül.

Aktion für Ippendorfs Trainer Dogan nicht nachvollziehbar

Wenig Verständnis für die türkischen Nationalspieler und noch weniger hiesige Nachahmer hat Idris Dogan, Trainer von A-Kreisligist SF Ippendorf. "Wir reden von Krieg. Da zu salutieren, ist mehr als unangebracht. Und ich kann es absolut nicht nachvollziehen, wie man seinen Nationalstolz hier in Deutschland so ausdrücken muss", sagt Dogan, der selbst Deutscher ist, aber türkische und kurdische Wurzeln hat. In seiner Mannschaft, die aus Spielern zahlreicher Nationalitäten besteht, gebe es gar keine Diskussionen, sich dem Salut anzuschließen. "Das würde ich auch niemals zulassen", sagt Dogan energisch. Aber außerhalb des Fußballs habe er traurige Erfahrungen gemacht. "Es ist unglaublich. Da streiten und beschimpfen sich Freunde und Verwandte von mir im Internet wegen dieser Aktion", berichtet Dogan.

Für den hiesigen Fußball hat der Coach des verlustpunktfreien A-Liga-Spitzenreiters einen Wunsch: "Ich hoffe, dass das zumindest in Bonn nicht die Runde macht. Und wenn, dann sollen die Beteiligten entsprechend hart bestraft werden." In Recklinghausen werden sich die salutierenden Spieler demnächst wohl vor dem Verbandssportgericht wiederfinden.

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