Mediziner kritisiert Gewichtsoptimierung im Leistungssport

Gesundheitsrisiko beim Leistungssport : Sportmediziner sieht Gewichtsoptimierung kritisch

Durch Gewichtsoptimierung versuchen manche Sportler, das Beste aus sich heraus zu holen. Ein Mediziner der Sporthochschule Köln sieht solche Arbeit kritisch und bezieht sich auch auf Konstanze Klosterhalfen.

In den Tiefen des Internets findet man sie noch, die Bilder einer strahlenden Mary Cain. Jener Mittelstreckenläuferin, die einst als Wunderkind die Laufszene aufmischen sollte, die als kommender US-Sportstar gehandelt wurde. Cain strahlt über das ganze Gesicht, makellos die weißen Zähne, die Hände ungläubig an der Stirn, die Augen den Freudentränen nahe. Diese Bilder gehören der Vergangenheit an – zumindest was den Laufsport angeht. Die einstige WM-Kaderathletin läuft nicht mehr – jedenfalls nicht auf höchstem Niveau.

In die Schlagzeilen geriet Cain in den vergangenen Wochen dennoch. Die US-Amerikanerin rechnete in einem emotionalen Video unter anderem mit dem Nike Oregon Project (NOP) ab. Dem Sportprogramm, dem auch das deutsche Jahrhunderttalent Konstanze Klosterhalfen aus Königswinter angehörte und das im Oktober aufgelöst wurde. Unter NOP-Cheftrainer Alberto Salazar trainierte Cain ab 2013. „Ich wollte die schnellste Läuferin der Welt werden“, sagt die heute 23-Jährige. „Stattdessen wurde ich körperlich und psychisch missbraucht. Von einem System, das Alberto erdacht und Nike gebilligt hat.“ Cain erzählt, dass sie aufgefordert worden sei, abzunehmen, das Gewicht zu reduzieren. Und das mit Mobbingmethoden.

„Wenn man sich die Athleten des NOP so anschaut, fällt schon auf, wie gewichtsoptimiert dort gearbeitet wird“, sagt Professor Wilhelm Bloch vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Sporthochschule Köln. „Als Mediziner betrachte ich diese Arbeit natürlich schon sehr kritisch. Man befindet sich hart an der Grenze zur Anorexia athletica, also zur Magersucht von Sportlern. Rein medizinisch ist dieser Gewichtsverlust schon sehr riskant.“ Denn Unterernährung oder Magersucht führen zu erheblichen gesundheitlichen Problemen.

Risiko einer Osteoporose steigt

Cain schildert, dass über drei Jahre lang ihre Periode ausgeblieben sei und sie gleich fünf Knochenbrüche erlitten habe. „Das Aussetzen der Periode ist ein Zeichen für eine Veränderung des Hormonhaushalts. Das ist von der Natur auch so gewollt“, sagt der Sportmediziner. „Es schützt die Unterernährten vor einer Schwangerschaft. Das hätten die Betroffenen früher nicht überlebt.“ Der abgesenkte Östrogenspiegel führe allerdings auch zu einer Veränderung der Knochendichte. „Das Risiko einer Osteoporose steigt. Während der Karriere passiert da nicht viel, aber in einem Alter von 40, 45 Jahren steigt das Gefahrenpotenzial beispielsweise eines Oberschenkelhals- oder Wirbelbruchs“, so Bloch weiter. Zwar würde die Periode bei normaler Ernährung zurückkehren, „ein Knochen baut sich aber nicht so schnell wieder auf.“ Die Spätfolgen seien nicht absehbar.

Um die ehemaligen Athleten des NOP kursieren in den sozialen Medien immer wieder Anspielungen zum Thema Magersucht. „Es gibt bei diesen Athleten deutliche Anzeichen, dass da etwas hormonell nicht stimmt. Beispielsweise die flaumartige Behaarung auf Armen oder Wangen, die den Körper vor Kälte schützt“, sagt Professor Bloch.

Alarmglocken gehen an

Auch Konstanze Klosterhalfen wurde schon auf das Thema angesprochen. Dem „Spiegel“ sagte sie vor gut einem Jahr, dass es dieses Gerede gebe, seitdem sie Leistungssport betreibe, weil sie eben groß und schlank sei. „Aber wenn man nicht genug isst, hätte man ja gar nicht die Energie, um auf so einem hohen Niveau Sport zu machen oder nach einer hohen Belastung schnell zu regenerieren. Das würde nicht funktionieren.“ Auf GA-Anfrage zu dem Thema verwies Klosterhalfens Management auf einen Artikel im Magazin „Spiegel“ mit dem Hinweis, es gebe keine weitere aktuelle Stellungnahme dazu.

„Ich muss da schon durch die medizinische Brille schauen“, sagt Bloch. „Und wenn ich das äußere Erscheinungsbild sehe, da gehen bei mir schon sämtliche roten Alarmglocken an.“ Laut des Berichts im „Spiegel“ wiegt Klosterhalfen bei einer Größe von 1,74 Metern 48 Kilogramm. Das bedeutet einen Body-Maß-Index (BMI) von 15,9. Ab einem BMI unter 16 gelten Menschen als „stark untergewichtig“. Bloch fordert eine BMI-Grenze bei den Läufern ähnlich der der Skispringer. Diese liegt bei 21. Der Mediziner weist auf die Idee hinter den Methoden des NOP hin. „Es geht um die perfekte Gewichtsoptimierung. Natürlich hat ein leichter Mensch weniger zu tragen“, so Bloch.

„Die Sportler aus dem NOP waren ja alle erfolgreich. Also scheint das System zu funktionieren.“ Mit welchen Mitteln ist jedoch nicht vollständig geklärt. Anschuldigungen wegen ominöser Schilddrüsenbehandlungen stehen im Raum. „Eine Veränderung der Schilddrüsenhormone führt zu einem veränderten Stoffwechsel. So kann tatsächlich schneller Fett herunter gebrannt werden“, erklärt Bloch. „Ein solcher Eingriff in den Hormonhaushalt ist ein hochgradig riskantes Spiel. Eine Hyperthyreose, also eine Überfunktion der Schilddrüse, kann zu ernsten Herzproblemen, zum Beispiel Rhythmusstörungen, aber auch zum Koma führen.“

Leistungsgedanke steht im Vordergrund

Eine Gesundheitsgefährdung, die Sportler genauso wie bei einer Unterernährung billigend in Kauf nehmen. „Die Athleten sind ja nicht dumm. Sie wissen genau, was sie tun. Allerdings bildet sich ein anderes Selbstverständnis. Der Leistungsgedanke steht im Vordergrund“, so Bloch. „Es geht darum, das Leistungsoptimum zu erzielen.“

Ein Aspekt, den auch Sven Hannawald kennt. Der ehemalige Skispringer, der sich ebenfalls immer wieder den Gerüchten einer Magersucht ausgesetzt sah, sagte 2014 dem „Donaukurier“: „Wenn es Löcher im Reglement gibt, geht man als Profi den extremen Weg, weil man den Erfolg möchte. Profisport ist keine Hobbyveranstaltung. Du gehst den Weg, weil du weißt, dass es nicht dein ganzes Leben so läuft.“ Hannawald litt später unter Depressionen. So wie Mary Cain. Die US-Läuferin spricht in dem Video von Suizid-Gedanken. Und noch etwas ist in dem Spot zu sehen: Sie kann wieder lachen.