Interview: Lutz Thieme zieht Bilanz als Chef der SSF Bonn

Interview : Lutz Thieme zieht Bilanz als Chef der SSF Bonn

Der scheidende Vorsitzende der SSF Bonn, Lutz Thieme, spricht im Interview über virtuelles Tischtennis und Training via Cloud. Der 51-Jährige wurde zum Vorsitzenden des Landessportbundes Rheinland-Pfalz gewählt.

Herr Thieme, wie geht's den SSF?

Lutz Thieme: Danke, gut. Letztes Jahr haben wir die Zehntausendermarke bei den Mitgliedern geknackt. Wir haben mit der Stadt einen Sportstättenvertrag, der uns den Sportpark Nord bis 2027 sichert. Die Strukturen sind gesund.

Wo stehen die SSF damit im deutschen Mitglieder-Ranking?

Thieme: Weiß ich gar nicht, aber in Nordrhein-Westfalen sind wir unter den ersten zehn, wenn man die Clubs der Fußball-Bundesliga rausnimmt.

Was ist das Besondere daran, einen Verein dieser Größenordnung zu führen, etwa im Gegensatz zum SV Wachtberg?

Thieme: Der Großverein ist heterogener. Die eine Abteilung ist mit Breitensport zufrieden, die andere will Leistungssport – zum Beispiel unsere Schwimmer, Volleyballer, Triathleten oder Modernen Fünfkämpfer. Als Vorstand müssen Sie da die Waage halten und letztlich auch nur eingeschränkt eine eigene Agenda entwickeln. Das machen schon die Abteilungen, dort wird die eigentliche Arbeit geleistet. Als Vorstand müssen sie ertragen, wenn Abteilungen einen Weg gehen wollen, den Sie selbst nicht gehen würden. Sonst springen die Ehrenamtlichen ab. Sie brauchen da eine gewisse Zurückhaltung und dürfen nicht in jeden Prozess eingreifen.

Fällt das nicht schwer?

Thieme: Ich höre immer wieder, dass Großvereine Schwierigkeiten haben, Ehrenamtliche zu gewinnen, wenn nach unten zu viel reinregiert wird. Vor allem, wenn Hauptamtliche das tun. Bei den SSF sind Vorstandsämter Ehrenämter, das hilft in der Zusammenarbeit mit den Abteilungen. Der Maschinenraum, das sind die Ehrenamtlichen in den Abteilungen.

Aber mit Sascha Pierry haben Sie einen hauptamtlichen Geschäftsführer und 34 weitere Hauptamtliche.

Thieme: Sonst geht es bei einem Verein dieser Größenordnung nicht. Darunter sind aber auch einige Teilzeitkräfte. Wir brauchen Schwimmmeister, Hallenwarte, pädagogische Kräfte für unsere offene Ganztagsschule, Kursleiter und Leute in der Verwaltung. Die eigentliche Entscheidungsgewalt liegt aber beim Vorstand.

Demnach haben die SSF keine Probleme, Ehrenamtliche zu finden?

Thieme: Man hat nie genug. Aber wir sind gut aufgestellt, auch weil wir Leute direkt ansprechen.

Kann man sagen, Sie finden Ehrenamtler, weil sie die Leute mitbestimmen lassen?

Thieme: So kann man das formulieren.

Sie haben einen Geschäftsführer, einen Vorstand – was macht da eigentlich noch das Präsidium?

Thieme: Das Präsidium ist ein Anker des Vereins in der Gesellschaft. Es berät, hat aber nichts zu entscheiden. Wir haben Menschen gesucht, von denen wir glauben, dass sie uns gedanklich und inhaltlich weiterbringen.

Inwieweit sind die SSF noch in der Bonner Gesellschaft verankert? Früher gab's Feste, Bälle, Honoratioren. Sind die SSF noch ein gesellschaftlicher Faktor oder mehr ein Dienstleister?

Thieme: Wir sind kein Dienstleister und können beispielsweise nicht mit Fitnessstudios konkurrieren. Wir sollten uns auch nicht auf diesem Markt bewegen. Wir sprechen Menschen an, die gemeinsam mit anderen Sport treiben und das auch selbst in die Hand nehmen wollen. Unsere Stärke ist der Gemeinschaftsgedanke. Der Fokus liegt nicht mehr auf dem Lametta für die Außenwirkung. Wir haben ja auch keinen einzigen bezahlten Sportler. Der Fokus liegt auf dem Menschen, der zu uns kommt.Wir vergessen nur manchmal, darüber zu reden.

Inwiefern?

Thieme: Na ja, der BSC zum Beispiel kann das viel besser. Ich merke das nicht zuletzt an meiner Person. Seit ich LSB-Vorsitzender bin, kommen laufend Anfragen der Medien. Als SSF-Vorsitzender wollte niemand was von mir – erst jetzt, da ich bald aufhöre. Dabei sind Vereine wie die SSF viel wichtiger für die Menschen vor Ort als der Landessportbund.

Vielleicht liegt das auch daran, dass die SSF nicht mehr für Leistungssport stehen. Dass da kein Leuchtturm mehr ist, kein Schwimmer, der WM-Medaillen holt.

Thieme: Kann sein. Ich hätte gerne Leuchttürme, aber sie müssen vernünftig finanziert sein. Der Vorstand müsste irgendwo irgendwem etwas wegnehmen. Da ist mir die Solidarität innerhalb des Vereins wichtiger. Beispiel Schwimmer: Wenn die an die nationale Spitze wollen, müssen sie ein-, zweimal am Tag trainieren. Sind die Leistungsschwimmer im Becken, können andere nicht auf diese Bahnen. So gesehen, sind Leistungssport und Breitensport Konkurrenten um Sportstätten und Geld. Außerdem, finden Sie mal Sponsoren...

Sind Sie mal auf große Unternehmen zugegangen, um für einen wie den Schwimmer Max Pilger so etwas wie eine Patenschaft auf die Beine zu stellen?

Thieme: Ja.

Erfolglos?

Thieme: Ja.

Sind die SSF, wie sie jetzt da stehen, zukunftsfest?

Thieme: Eigentlich ja, aber die Digitalisierung wird uns noch mehr ereilen. Das betrifft nicht nur die Digitalisierung der Geschäftsprozesse, also Dateien statt Karteikarten, sondern auch die Digitalisierung des Sporttreibens. Da gucke ich noch nicht einmal auf eSports. Ich denke zum Beispeil an die Rolle von Übungsleitern. Wie verändert es die Arbeit von Übungsleitern, wenn die Daten eines Sporttreibenden sofort auf einer Datenbrille und online verfügbar sind, ein Algorithmus Trainingspläne erstellen und diese mit Hilfe von Maschinenlernverfahren ständig verbessern kann? Ginge ja alles heutzutage, da Fitnesstracker schon in Sportklamotten verbaut werden. Man muss sich dann aber letztlich fragen, ob der Verein noch seine Rolle als Kommunikationsplattform behält.

Welche Bereiche wird die Digitalisierung also durchdringen?

Thieme: Ich sehe drei: die Geschäftsprozesse, den Fitnessbereich und auch Wettkampfformen. Wer mal virtuelles Tischtennis gespielt hat, bekommt vielleicht eine Ahnung davon. Elektromarkt, nicht teuer, kann jeder probieren. Da setze ich mir dann eine Virtual-Reality-Brille auf und kann in Meckenheim gegen einen in Bonn Tischtennis spielen. Ich bewege mich sogar dabei, es ist also nicht nur virtuell. Was macht das mit unserem Wettkampfsystem? Brauche ich überhaupt noch eine Sportstätte? Das hört sich vielleicht extrem futuristisch an, ist aber gar nicht mehr so weit weg. Der Sportverein muss sich dann fragen, welche Antworten er auf solche Entwicklungen hat.

Das könnte ja alles aus einem Geschäftsstellenraum heraus betrieben werden.

Thieme: Genau, ich biete dann nur noch eine Plattform.

Wie werden denn die SSF im Jahr 2050 aussehen?

Thieme: Oh.

Spinnen Sie doch mal rum.

Thieme: Okay, ich glaube, ein Teil wird klassisch sein. Dass sich Menschen treffen, sich austauschen, miteinander Sport treiben. Vielleicht kommen andere hinzu, die nicht vor Ort sind, etwa über Hologramme. Die Daten dazu werden in einer Cloud verfügbar sein, die auch den Sportlebenszyklus abbildet. Sie können darin nachverfolgen, wie schnell, wie weit und mit wie vielen Höhenmetern Sie vor zehn Jahren im Siebengebirge gelaufen sind, aber auch, wo und wofür Sie sich engagiert haben. Wir werden Algorithmen haben, die die Ansprechbarkeit von potenziellen Ehrenamtlichen voraussagen. Vielleicht können wir sogar die soziale Interaktion, die derzeit die Sportvereine prägt, eines Tages digital abbilden.

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