„Es bleibt ein Kampf“: Interview mit SSB-Vorsitzendem Michael Scharf

„Es bleibt ein Kampf“ : Interview mit SSB-Vorsitzendem Michael Scharf

Michael Scharf gibt im Mai 2019 den Vorsitz des Stadtsportbundes in Bonn ab. Wir wollten von ihm wissen, wie es danach weitergeht und wie es um den Olympiastützpunkt Rheinland in Köln steht.

Sie hatten sich eine Person aus der Wirtschaft als Nachfolger für den SSB-Vorsitz gewünscht. Ute Pilger ist das nicht. Was zeichnet sie aus?

Michael Scharf: Sie hat sich im Rahmen der Bäderdebatte einen sehr guten Namen in Bonn gemacht. Sie kennt sich in den Sportstrukturen aus, übrigens auch in den Leistungssportstrukturen. Sie arbeitet unheimlich was weg. Sie kennt die Vereine. Sie kennt das Ehrenamt. Erstklassige Wahl.

In welchem Zustand hinterlassen Sie den SSB?

Scharf: In einem hervorragenden Zustand, weil aus den Mitarbeitern wirklich eine Mannschaft geworden ist. Bernd Seibert, Elmar Heide-Schoenrock, Michael Nickels, um nur einige zu nennen. Es gibt halt eine neue Führung, mehr nicht. Die Situation ist heute viel besser als vor sechs Jahren, als wir angetreten sind. Die Sportförderung ist auf einem guten Niveau mit 1,6 Millionen Euro, wir haben den Sportentwicklungsplan, der Kontakt zur Politik ist gut. Sehr viele Felder sind gut bestellt.

Dennoch bleiben wichtige Aufgaben.

Scharf: Natürlich. Die Bäderfrage und die Sanierung der Sportanlagen. Was die Bäder angeht, brauchen wir endlich Zahlen. Da muss eine Summe von 80, 90 Millionen Euro beim Städtischen Gebäudemanagement eingestellt werden.

Und die Sportanlagen?

Scharf: Ich denke, da gibt's einen Sanierungsstau von über 200 Millionen. Die werden natürlich nicht auf einmal eingestellt, aber wir brauchen eine erkleckliche Summe, damit Halle für Halle nach einem Plan saniert werden kann.

Wie viel?

Scharf: 50 Millionen fürs Erste. Das würde bedeuten, dass man nicht nur eine Sportentwicklungsplanung macht und die Ergebnisse dann ins Regal stellt, sondern handelt.

Wo soll das Geld herkommen?

Scharf: Es bleibt ein Kampf mit anderen Bereichen, weil die Ressourcen in der Stadt endlich sind. Aber unsere Sportanlagen sind aus den 60er und 70er Jahren. Dem muss man sich jetzt stellen. Was uns Mut machen sollte, ist die Abarbeitung der Fußballplätze. Da ist eine Prioritätenliste erarbeitet worden, und heute sind fast überall Kunstrasenplätze.

Erfüllt der Sportentwicklungsplan die Erwartungen?

Scharf: Ich bin zufrieden, nicht zuletzt mit der Beteiligung. Es haben ja unheimlich viele Vereine mitgemacht. Bonn war da vorbildlich. Normal ist eine Beteiligung der Vereine von zehn Prozent, bei uns waren es weit über 30 Prozent. Alle großen Vereine haben mitgemacht. Es ist eine sehr bürgernahe Diskussion geführt worden.

Welches sind die zentralen Fragestellungen, die sich daraus ergeben?

Scharf: Wir müssen uns fragen, ob der Sportverein noch die Nummer eins ist und wie wir die Menschen wieder in den Verein bekommen. Sport wird heute auch in Fitnessstudios und selbstorganisiert im öffentlichen Raum betrieben. Das alles muss zusammengeführt werden. Der SSB hatte darauf schon mit seinem Angebot „Sport im Park“ reagiert. Im Sommer macht man ein niederschwelliges Einstiegsangebot um die Ecke. Und wenn die Menschen dann im Winter weitermachen wollen, verweist man auf die Vereine. Mit „Sport im Park“ ist Bonn ein Vorreiter in NRW.

So gesehen sind die Ergebnisse nicht neu.

Scharf: Es zählt ja gegenüber der Stadt nicht nur die Meinung des Stadtsportbundes. Ein Gutachten gibt dieser Meinung mehr Autorität. Auch Sie und ich hätten schon vorher gewusst, dass 80 Prozent der Bonner Sporthallen sanierungsbedürftig sind. Jetzt ist es auch testiert, die Beliebigkeit ist weg.

Wie steht Bonn im Vergleich zu anderen Städten?

Scharf: Im Durchschnitt. Aber manche Städte, etwa Düsseldorf, waren schlauer und haben das Problem schon vor Jahren angepackt. In Bonn wird es jetzt drauf ankommen, sich den Themen zu stellen und nicht nur zu sagen: Interessante Ergebnisse im Sportentwicklungsplan, aber wir haben kein Geld.

Sie sind im Dezember nach Duisburg zum Landessportbund gegangen, um dort die neu geschaffene Stelle als Leistungssportdirektor anzutreten. Hat sich nach drei Monaten schon ein präzises Jobprofil herausgeschält? Was machen Sie genau?

Scharf: Die erste Phase, die Zusammenführung der drei Olympiastützpunkte Rheinland, Rhein-Ruhr und Westfalen unter das Dach des LSB, ist abgeschlossen. Das war ein Mammutprojekt. Jetzt geht es in den nächsten beiden Jahren darum, wie man diese drei Außenstellen mit der Zentrale verbindet. Das fängt mit ganz banalen Sachen an wie einem gemeinsamen Eingangsstempel oder einem Briefbogen. Dann kommen inhaltliche Fragen wie Personalentwicklung und Qualitätsmanagement.

In gewisser Weise haben Sie Ihren alten Arbeitgeber kastriert. Der OSP Rheinland ist ja nicht mehr so selbstständig wie zuvor. Wie gehen die Ex-Kollegen in Köln damit um?

Scharf: Die sind nicht mehr für das Personal verantwortlich, aber die regionale Leistungssportsteuerung liegt nach wie vor bei ihnen. Die OSP werden ja auch entlastet, was die Verwaltung angeht. Insofern werde ich dort nicht als derjenige angesehen, der kastriert hat. Wir haben auf Augenhöhe diskutiert. Der Kontakt ist nach wie vor hervorragend. Die Kollegen haben gemerkt, dass wir diese Neu-Organisation im Rahmen der Leistungssportreform brauchen, um wirklich zukunftsfähig zu sein.

Stichwort Leistungssportreform: Der Bund gibt künftig 65 Millionen Euro mehr für die Leistungssportförderung. Kommt davon auch etwas in den Landessportbünden an?

Scharf: Nein, das geht vor allem an die Spitzenverbände, um dort Traineranstellungen zu ermöglichen. Und auch, um Trainer halten zu können. Viele sind uns doch in den vergangenen Jahren von anderen Nationen weggekauft worden. Ich denke, wenn Bundestrainer künftig 70.000 oder 80.000 statt 40.000 Euro verdienen können, ist das attraktiv.

Die Leistungssportreform soll sich im Medaillenspiegel auswirken. Wann wird man das bei Olympia merken?

Scharf: Es wäre schlimm, wenn man das nicht merken würde. Aber es wird dauern. Für Tokio 2020 kommt das alles zu spät. Ich gehe davon aus, dass es 2024 in Paris erste Anzeichen gibt. 2028 in Los Angeles greift es dann richtig. Sollten allerdings alle Nationen aufrüsten, verpufft die Maßnahme.

2026 erreichen Sie das klassische Rentenalter von 65 Jahren. Michael Scharf wäre dann ein zufriedener Mann, wenn ….

Scharf: ... der Stadtsportbund nach wie vor von der Politik akzeptiert wird und in einem Haus des Sports gemeinsam mit der Verwaltung die Geschicke des Sports steuert. Wenn der Landessportbund der Taktgeber und die Stimme des Sports in NRW sowie der zentrale Ansprechpartner der Landesregierung ist. Wenn die Modernen Fünfkämpfer immer noch Weltklasse sind.

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