Interview: Alex Feuerherdt über Übergriffe gegen Schiedsrichter

Interview mit Schiedsrichterbeobachter : „In anderen Sportarten ist der Respekt gegenüber Schiedsrichtern größer“

Der gebürtige Bonner Publizist Alex Feuerherdt war viele Jahre in Bonn und Köln als Schiedsrichter tätig. Heute ist er für den Fußballverband Mittelrhein sowie den DFB als Schiedsrichterbeobachter, aber auch Lehrwart tätig. Im Interview spricht er über Gewalt gegenüber Schiedsrichtern.

Herr Feuerherdt, Sie waren viele Jahre als Schiedsrichter selber tätig, sind regelmäßig als Schiedsrichterbeobachter auf den Plätzen des Verbandes unterwegs. Hat die Gewalt gegenüber Schiedsrichtern zu genommen?

Alex Feuerherdt: „Wenn man rein von den statistischen Daten ausgeht, ist die Zahl an Gewalttaten gegen Schiedsrichter nicht signifikant gestiegen. Allerdings gab es früher auch keine flächendeckenden Erhebungen. Aus Gesprächen mit Schiedsrichtern geht aber hervor, dass der Eindruck entstanden ist, dass die Intensität der Gewalt zugenommen hat. Sicherlich spielt die größere Aufmerksamkeit auf solche Fälle eine große Rolle. Da sie über die sozialen Medien auch schneller und weiter verbreitet werden.“

Was hat sich denn im Vergleich zu Ihrer aktiven Zeit konkret verändert?

Feuerherdt: „Die Wertschätzung der Schiedsrichter hat sich verändert. Früher brauchten die Unparteiischen nicht einer Flasche Wasser hinterherlaufen. Sie haben sie gestellt bekommen, man hat sich um sie gekümmert.“

Mangelt es an Respekt gegenüber den Unparteiischen?

Feuerherdt: „In anderen Sportarten ist der Respekt gegenüber Schiedsrichtern größer. Zum Beispiel im Rugby werden Schiedsrichter als Götter angesehen. Beim Judo werden Trainer oder Kämpfer bestraft, wenn sie nur einen Mucks von sich geben. Beim Fußball ist das anders.“

Als ehemaliger Fußballspieler kann ich mich an zahlreiche Spiele erinnern, wo Schiedsrichter Spieler übel beleidigt worden sind. Wenn man sich die Zahlen anschaut, wundert man sich allerdings, dass es dann im Verhältnis wenige sind. Wo fängt für Sie Gewalt an?

Feuerherdt: „Der Gewaltbegriff muss natürlich hinterfragt werden. Auch verbale Entgleisungen gehören dazu. Beleidigungen dürfen nicht einfach als Folklore abgetan werden. Man darf sich an so etwas nicht gewöhnen. Wenn man sich zum Beispiel die Gelben und Roten Karten gegen Trainer anschaut – diese Debatte hat eine Schieflage bekommen. Die Trainer fühlen sich in ihren Emotionen eingegrenzt. Wenn man es genau betrachtet, liegt aber meistens ein unsportliches Verhalten vor und das muss geahndet werden.“

Nun ist es am vergangenen Wochenende aufgrund der Vorkommnisse in Köln zum Schiedsrichter-Streik gekommen. Die Spiele wurden dennoch ausgetragen. Hat der Streik seinen Zweck erfüllt?

Feuerherdt: „Als Schiedsrichter-Lehrwart in Köln war der Streik natürlich auch mein Streik. Wir haben uns die Auswertung für 2018/2019 angeschaut. Es gab zehn tätliche Übergriffe gegen Schiedsrichter sowie 56 Beleidigungen und Bedrohungen. Und das sind nur die dokumentierten Fälle. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Da viele Vorgänge ihren Weg in den Spielbericht nicht finden, wenn die Schiedsrichter sich nicht trauen, sie einzutragen, weil sie bedrängt werden, es nicht zu tun. Wir müssen ein Zeichen setzen. Wir wollten ja nicht, dass der Spieltag einfach verlegt wird. Wir wollten den Vereinen, den Teams zeigen, wie es ist, wenn sie keinen neutralen, ausgebildeten Schiedsrichter haben."

Was haben Sie für ein Feedback erfahren?

Feuerherdt: „Die Resonanz war sehr gut. Vereine haben Fotos auf Facebook gepostet und geschrieben, dass sie uns unterstützen, andere, dass es ohne uns nicht geht. Viele Schiedsrichter haben uns geschrieben, wie richtig und wichtig sie diesen Streik finden.“

Der Streik ist vorbei, das Zeichen gesetzt. Was muss oder kann als Nächstes passieren?

Feuerherdt: „Jetzt muss sich einfach etwas ändern. Im Berliner Verband gibt es nach dem dortigen Schiedsrichterstreik vor einigen Wochen nun konkrete Maßnahmen. Zum Beispiel einen Schiribeauftragten in jedem Verein, der sich um die Schiedsrichter kümmert, ihnen das Gefühl gibt, wertgeschätzt zu werden. Es wird auch eine Ordnerpflicht geben. Es werden künftig Sperren nach Gelb-Roten und Roten Karten umgesetzt. Berlin ist da einfach weiter. So etwas würde ich mir für Köln wünschen.“

Aber ein ehrenamtlicher Ordner wird nicht verhindern können, dass eine Meute den Schiedsrichter jagt.

Feuerherdt: „Man wird nicht alles verändern können, es wird immer wieder mal Gewalt gegen Schiedsrichter geben, aber es wäre schon viel damit getan, wenn man den Schiedsrichtern gegenüber eine andere Einstellung hätte, wenn sich das Klima ihnen gegenüber verbessern würde. Sie sind kein notwendiges Übel, sondern gehören genauso zum Spiel wie die Spieler.“

In meiner Zeit sind die Unparteiischen hin und wieder überheblich oder arrogant aufgetreten. Vermutlich trägt diese Präsenz nicht gerade zur Deeskalation bei.

Feuerherdt: „Ich versuche den Schiedsrichtern, sehr deutlich zu machen, welche Rolle sie auf dem Platz einnehmen. Arroganz gegenüber den Spielern ist nicht das richtige Mittel. Das fängt beispielsweise bei den Ermahnungen an. Wie soll ein Spieler denn auf die eine Frage wie „Haben wir uns verstanden?“ reagieren? Möglicherweise ist Arroganz eine Art Unsicherheit, um etwas zu kompensieren. Manchmal ist sie auch übersteigertes Selbstbewusstsein.“

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