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FVM-Präsident zur Corona-Krise: „Unsere Vereine brauchen Orientierung“

Interview mit Präsident des Fußballverbandes Mittelrhein : „Unsere Vereine brauchen Orientierung“

Der FVM-Präsident Bernd Neuendorf spricht im Interview mit dem GA über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Amateurfußball in Bonn und der Region.

Das Coronavirus hat die Bevölkerung kalt erwischt. Auch der Fußball ist massiv von der Pandemie betroffen. Nicht nur der Profifußball, die Amateurvereine blicken mit Sorge in die Zukunft. Mit dem Präsidenten des Fußballverbandes Mittelrhein (FVM), Bernd Neuendorf, sprach Simon Bartsch.

Die DFL ist für ihren Umgang mit der Krise und ihre doch späte Entscheidung, Spiele abzusagen, massiv kritisiert worden. Teilen Sie die Kritik?

Bernd Neuendorf: Auch der DFL und den Proficlubs geht es darum, in dieser Lage verantwortungsbewusst zu handeln. Niemand geht leichtfertig mit der Situation um. Aber natürlich sind die Vereine der 1. und 2. Liga auch Wirtschaftsunternehmen, die wie jeder andere Betrieb bestrebt sein müssen, den Schaden zu begrenzen. Es fehlen Einnahmen aus Fernsehgeldern, Ticketverkauf und Sponsoring. Es geht nicht nur um die Profis, sondern um tausende Menschen, die bei den Clubs und deren Partnern und Zulieferern beschäftigt sind. Insofern kann ich gut nachvollziehen, dass nach Möglichkeiten Ausschau gehalten wird, wie die Saison beendet werden kann. Notfalls auch vor leeren Rängen. Ich beneide die Verantwortlichen nicht, habe aber volles Vertrauen in die Arbeit von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert.

Wann war für Sie klar, dass auch auf Verbandsebene der Spielbetrieb eingestellt werden muss?

Neuendorf: Wir erleben eine unglaubliche Dynamik. Und man muss die Lage von Tag zu Tag neu bewerten. Nach den ersten Corona-Fällen im Kreis Heinsberg hatten wird dort den Spielbetrieb bereits Ende Februar ausgesetzt. Als dann aber immer mehr Infektionen in NRW bekannt wurden, war für mich klar, dass gehandelt werden musste. Das Risiko war einfach zu hoch. Die Politik hat das genauso gesehen und die Fußballplätze in NRW zunächst bis zum 19. April gesperrt. Das haben wir sehr begrüßt.

Experten geben zu, von der rasanten Ausbreitung überrascht worden zu sein. Hat Sie die Entwicklung auch überrascht?

Neuendorf: Ich glaube, wir alle haben vor drei oder vier Wochen noch nicht geglaubt, dass sich eine Pandemie entwickelt. Niemand hat es für möglich gehalten, dass derart drastische Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Situation unter Kontrolle zu behalten. Wir alle stehen dieser Entwicklung mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Bestürzung gegenüber. Für viele Menschen stellen sich existenzielle Fragen.

Einigen Amateurvereinen brechen wichtige Sponsoren weg. Möglicherweise werden Mitgliederbeiträge nicht mehr gezahlt, da ja kein Training oder keine Spiele stattfinden. Befürchtet der Verband ein Vereins- oder Ligensterben?

Neuendorf: Die Situation für die rund 1100 Vereine in unserem Verbandsgebiet ist definitiv schwierig. Ich weiß aber auch, dass die Verantwortlichen in vielen Vereinen derzeit alles auf den Prüfstand stellen und sich Gedanken machen, wie Kosten reduziert werden können. Das geschieht aus großer Verantwortung für das Fortbestehen der Clubs. Ich spüre keine Resignation, sondern eher eine Trotzreaktion. Deshalb gehe ich fest davon aus, dass am Ende der Krise so viele Vereine im FVM organisiert sein werden wie zu Beginn.

Gibt es Pläne, wie man Vereinen helfen kann?

Neuendorf: Das Gemeinnützigkeitsrecht setzt enge Grenzen. Eine direkte finanzielle Unterstützung der Vereine ist demnach ausgeschlossen. Ganz wichtig ist aber, dass der FVM jetzt seiner Rolle als Dienstleister konsequent nachkommt. Unsere Vereine brauchen Orientierung. Welche Hilfsprogramme gibt es? An wen kann ich mich wenden? Da sind wir als Verband gefragt.

Wie geht es mit der Saison und auch im FVM weiter? Können geplante Veranstaltungen wie das FVM-Pokalfinale oder Jugendcamps durchgeführt werden?

Neuendorf: Das können wir als Amateurfußballverband nicht seriös beantworten. Und wir sollten hierüber auch nicht spekulieren, sondern auf die Erkenntnisse der Wissenschaft vertrauen und die Entscheidungen der Politik abwarten. Wenn Platzanlagen gesperrt sind, gibt es keinen Fußball. Es ist klar, dass die Gesundheit der Menschen absoluten Vorrang hat.

Gehen dadurch Einnahmen verloren?

Neuendorf: Ja, natürlich. Schauen wir auf das Bitburger-Pokalfinale im Sportpark Nord: Vermarktung und Ticket-Verkauf stellen für den FVM und auch für die beiden Finalisten eine wichtige Einnahmequelle dar. Da stehen ganz erhebliche Mittel zur Disposition, denn das ist unser sportliches Top-Event. Darüber hinaus brechen auch die Einnahmen aus stornierten Lehrgängen weg. Hinzu kommen Einbußen aus der temporären Schließung der Sportschule. Bis zum Sommer fehlt bereits ein niedriger Millionenbetrag. Und niemand kann sagen, wie lange die Krise noch anhält.

Der Verband erhält von den Vereinen der 1. und 2. Liga einen prozentualen Anteil an dem Erlös der Eintrittskarten. Nun wurden bereits einige Spiele nicht ausgetragen. Welcher Schaden entsteht dadurch für den Verband?

Neuendorf: In der Tat zahlen die Bundesligisten eine Solidarabgabe an die jeweiligen Amateurfußballverbände. Diese speist sich aus den Eintrittsgeldern der jeweiligen Heimspiele. Und natürlich machen sich die Spielabsagen und Geisterspiele bei uns schon heute bemerkbar. Wir reden über einen Betrag im unteren sechsstelligen Bereich. Das ist viel Geld für den FVM.

Welche Auswirkungen hat das?

Neuendorf: Wir müssen schauen, auf welche Aufgaben wir kurzfristig verzichten können. Mit Blick auf die Vereine ist aber klar, dass wir unseren Service und unsere Beratung uneingeschränkt aufrechterhalten wollen. Gerade jetzt haben die Vereine hier hohen Bedarf. Für einen Teil des Personals der Sportschule haben wir uns gemeinsam mit dem Betriebsrat darauf verständigt, Kurzarbeit zu beantragen, da die Sportschule per Erlass geschlossen ist.

Was würde ein kompletter Ligaabbruch bedeuten?

Neuendorf: Wir gehen Schritt für Schritt vor und spielen jetzt alle denkbaren Szenarien durch. Es ist definitiv zu früh, um bereits jetzt zu sagen, welche Maßnahmen zu welchen Konsequenzen bei den Amateuren und beim Verband führen würden. Da sind komplizierte Fragen zu klären, auch rechtliche. Da bitte ich um Verständnis und das nötige Vertrauen. Wir gehen gemeinsam mit unseren Fußballkreisen verantwortungsvoll an die Sache heran und verfallen nicht in hektischen Aktionismus.

Wo kann der Verband am ehesten sparen?

Neuendorf: Wir prüfen natürlich intensiv unser Leistungsangebot. Das ist zwar eine permanente Aufgabe, aber in dieser Situation in ganz besonderer Weise unsere Pflicht. Andererseits sind wir im Gespräch mit dem DFB, dem Landessportbund NRW und der Politik. Das Thema ist dort längst überall angekommen und mein Eindruck ist, dass man überall zur Unterstützung bereit ist. Wir müssen gemeinsam das Überleben der Amateure und des gemeinnützigen, nicht kommerziellen Fußballs sichern. Mit Blick auf die Vereine können übrigens auch die Kommunen etwas tun: Die Gebühren, die Vereine für die Nutzung kommunaler Sportanlagen entrichten müssen, könnten in der derzeitigen Lage durchaus ausgesetzt werden.