Kölner Haie: Christian Ehrhoff: „In der NHL bist du eine Ware“

Kölner Haie : Christian Ehrhoff: „In der NHL bist du eine Ware“

Interview: Christian Ehrhoff spricht über seine Zeit in Amerika, seine Ziele mit den Haien und das anstehende Spiel gegen Krefeld.

Herr Ehrhoff, Sie sind vor dem Spiel gegen Ihren Heimatclub ein gefragter Mann. Das ist heute Ihr vierter Interviewtermin. Ist das Interesse der Medien in Deutschland vergleichbar mit dem in Nordamerika?

Christian Ehrhoff: In der NHL gibt es nach jedem Spiel und nach jedem Training Interviews in der Kabine. Das ist schon anders als hier. Wobei es auch Unterschiede gibt.

Inwiefern?

Ehrhoff: In Los Angeles kommen nur vier oder fünf Journalisten nach dem Training in die Kabine, in Vancouver sind es auch schon mal 30.

Ist die Kabine in Vancouver dementsprechend größer?

Ehrhoff: Nein, da geht es dann eben etwas enger zu.

Die San Jose Sharks haben Sie 2001 gedraftet. Warum hat sich Christian Ehrhoff in der NHL durchgesetzt?

Ehrhoff: Als junger Spieler muss man sich durchbeißen. Die Konkurrenz ist riesig. Da laufen 50 Spieler rum, also zwei komplette Teams. In den Trainingsspielen muss man Leistung zeigen und sich empfehlen.

Sie haben schon in der Jugend Extraschichten nach dem Training eingelegt.

Ehrhoff: Ohne Arbeit geht es nicht. Ich war immer ehrgeizig und wollte besser werden. Wenn sich eine Einladung zu einem Geburtstag und das Training zeitlich überschnitten haben, habe ich das Training vorgezogen.

Woher kommt Ihr Ehrgeiz?

Ehrhoff: Der ist angeboren. Ich hasse es sogar, bei Gesellschaftsspielen zu verlieren.

War es schwer, sich privat in den USA zu akklimatisieren?

Ehrhoff: Von der Sprache her war es problemlos. Und meine Frau war von Anfang an dabei. Außerdem spielte Marco Sturm in San Jose und später auch Marcel Goc. Es hilft, Menschen um sich zu haben, mit denen man sich versteht, die dieselbe Sprache sprechen, die ähnliche Dinge durchgemacht haben.

Sie haben sich in der San Francisco Bay Area sehr wohlgefühlt, mussten dann 2009 aber unerwartet wechseln.

Ehrhoff: Ja, das kann man sich nicht aussuchen. Ich bin nach sechs Jahren bei den Sharks nach Vancouver getauscht worden.

Gegen Ihren Willen?

Ehrhoff: Als NHL-Profi ist man eben auch eine Ware.

Wie lief der Tausch ab?

Ehrhoff: Im Sommer 2009 bin ich früher aus Deutschland wieder angereist, um noch mehr zu trainieren. Morgens nach dem Krafttraining wurde ich ins Büro des Managers gerufen. Dort wurde mir emotional mitgeteilt, dass sie mich getauscht haben. Sie wollten Dany Heatley aus Ottawa verpflichten und mussten deshalb unbedingt Geld für den Salary Cap frei machen. Es hat dann Brad Lukovich und mich erwischt.

Wie haben Sie das Ihrer Frau beigebracht?

Ehrhoff: Ich habe sie angerufen und ihr gesagt, dass ich getauscht worden bin. Ich hatte im Jahr zuvor einen neuen Dreijahresvertrag unterschrieben. Wir hatten ein Haus gekauft und am Abend zuvor noch ein riesiges Schwimmbecken erworben, das wir mit Wasser haben volllaufen lassen.

Das Wasser musste wohl wieder raus?

Ehrhoff: Ja, wir sind noch am Mittag desselben Tages nach Vancouver geflogen, um uns Wohnungen anzuschauen. Haus und Schwimmbecken haben wir wieder verkauft.

In Vancouver lief es sehr gut. Sie sind von den Fans zweimal mit der Babe-Pratt-Trophäe für den besten Verteidiger des Jahres ausgezeichnet worden.

Ehrhoff: Vancouver ist einfach eine tolle Stadt, und wir durften dort 2010 die Olympischen Spiele erleben. Sportlich hat es mich noch mal nach vorne gebracht. Wir hatten ein Super-Team mit den Sedin-Zwillingen, die auch als Menschen unglaublich sind. Bei den Canucks hatte ich meine erfolgreichste Zeit und stand 2011 im Finale.

Der Stanley Cup-Sieg ist Ihnen aber verwehrt geblieben. Sie haben die Serie trotz einer 3:2-Führung gegen Boston verloren. Wie sehr schmerzt das noch?

Ehrhoff: So etwas vergisst man nicht, das war ein harter Schlag. Es ist der Traum eines jeden Hockeyspielers, den Cup zu gewinnen. Am Ende der Serie hatten wir einfach zu viele Verletzte und Boston mit Tim Thomas einen unglaublich starken Torwart.

Zuletzt waren Sie in Chicago und hätten für diese Saison einen Vertrag in Boston unterschreiben können. Warum sind Sie nicht zu den Bruins gegangen?

Ehrhoff: Ich wollte es noch einmal wissen, nachdem ich beim World Cup of Hockey ein gutes Turnier gespielt hatte. Boston wollte mich aber nur als siebten Verteidiger verpflichten. Nach vier Städten in drei Jahren habe ich mich dann mit Rücksicht auf die Familie entschlossen, zurück nach Deutschland zu kommen.

Ihren bislang einzigen Titel haben Sie 2003 mit Krefeld gewonnen. Nach der gewonnenen Serie gegen Köln haben Sie auf dem Eis mit dem Camcorder die Jubelszenen gefilmt. Wie oft schauen Sie sich den Film an?

Ehrhoff: Das weiß ich gar nicht mehr. Wenn es diesen Film gibt, dann liegt er in einer Kiste in unserem Haus in Krefeld.

Es war aber ein besonderer Moment in Ihrer Karriere.

Ehrhoff: Es war sogar bislang der beste Moment. Man macht so viel durch mit den Jungs und geht durch Höhen und Tiefen. Dafür belohnt zu werden und zu spüren, wie der Druck abfällt, ist unbeschreiblich. Für mich war es auch deshalb so besonders, weil ich aus Krefeld stamme und der Club davor 52 Jahre lang keinen Titel gewonnen hatte. Die ganze Stadt stand Kopf.

Wie sehr vermissen Sie dieses Gefühl?

Ehrhoff: Ich war 20 und habe gedacht, das geht so weiter. Man merkt schnell, dass dem nicht so ist. Für Darryl Shannon, mit dem ich 2003 zusammengespielt habe, war es auch der erste Titel – und er war schon Mitte 30. Er hat zu mir gesagt, ich solle es genießen, denn man wisse nie, ob weitere Titel folgen. Meine Sehnsucht ist groß.

Deshalb sind Sie nach Köln gekommen?

Ehrhoff: Die Haie haben ein sehr gutes Team. Wenn wir in die Playoffs kommen, dort unser bestes Hockey spielen und etwas Glück haben, ist alles möglich.

Das erste mögliche Duell mit Ihrem Heimatclub haben Sie verletzt verpasst. Am Freitag ist es in Krefeld nun aber so weit.

Ehrhoff: Die Situation ist nicht einfach für mich. Ich verstehe, dass die Krefelder Fans traurig darüber sind, dass ich nicht gekommen bin. Meinen Kindern habe ich vorsorglich verboten, zu dem Spiel zu gehen. Mein Herz hört aber nicht auf, für Krefeld zu schlagen, wenn ich ausgepfiffen werde. Es wird schmerzen, aber ich kann die Fans verstehen. Vorher werde ich sicher nervös sein. Letztendlich muss ich mich zusammenreißen und das Ganze als „business as usual“ sehen. Wir wollen die Punkte holen.

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