Katharina Gerhard: Bonner Schiedsrichterin pfeift erste Liga in Taiwan

Katharina Gerhard : Bonner Schiedsrichterin pfeift erste Liga in Taiwan

Katharina Gerhard aus Bonn leitet in Fernost Fußballspiele der ersten Herren- und Frauenliga. In Bonn studiert die 21-Jährige Jura und pfeift sonst für die Sportfreunde Ippendorf.

Es ist Sonntag, der 23. Juni, 19 Uhr Ortszeit. In den Katakomben des Municipal Stadiums von Taipeh, der Hauptstadt Taiwans, stehen die Erstliga-Mannschaften der Taipei Red Lions und der Taiwan Sports University (Ntupes) zum Einlaufen bereit. Draußen geht gerade ein heftiger Monsun nieder, der Rasen im Vorzeigestadion der Metropole steht quasi komplett unter Wasser. Doch an eine Absage verschwendet keiner auch nur einen Gedanken – sehr zur Verwunderung des in diesem Falle weiblichen Referees aus Deutschland.

Katharina Gerhard heißt die Schiedsrichterin, die die beiden Mannschaften aufs Feld führt. Die 21 Jahre alte Jurastudentin aus Bonn, die für die Sportfreunde Ippendorf pfeift, weilt im Rahmen ihres Studiums in Fernost. „Ich glaube, ich war die Einzige, die Bedenken hatte. Aber für die Taiwanesen sind diese Bedingungen offenbar nichts Außergewöhnliches“, erzählt Gerhard, die dank einer Kooperation der juristischen Fakultäten das Wintersemester 2018/19 und das Sommersemester 2019 an der National Taiwan University verbracht hat, und lacht. „Ich bin noch nie so viel gerannt wie in dieser Partie“, sagt sie. „Der Ball blieb immer wieder im Wasser liegen und flog einfach nicht ins Aus. Es gab überhaupt keine Unterbrechungen.“

Die Bonner Studentin erledigt ihren Job beim 3:3 (2:3)-Unentschieden trotz der schwierigen und für deutsche Verhältnisse irregulären Bedingungen zur absoluten Zufriedenheit aller Beteiligten – und das, obwohl sie einen Kicker der Lions sogar nach einer „Notbremse“ schon in der 33. Minute des Feldes verweisen muss. Doch vor großen Aufgaben und hohen Hürden hat sie sich noch nie gescheut: Nicht umsonst zählt sie mit ihren gerade 21 Lenzen bereits zu den Unparteiischen der 2. Frauen-Bundesliga und ist als Assistentin auch in der 1. Frauen-Bundesliga im Einsatz.

Für das vergangene Jahr allerdings ließ sie sich studienbedingt vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) beurlauben, wollte indes auch in Taiwan – „Ich möchte unbedingt Chinesisch lernen“ – nicht auf ihr Hobby verzichten. Doch der Weg bis in die 1. Liga war nicht einfach, angefangen von der Arbeitserlaubnis, die erforderlich war, um überhaupt die Genehmigung zu erhalten, Spiele leiten zu dürfen. „Über Umwege habe ich dann einen taiwanesischen Fifa-Schiedsrichter kennengelernt, der beim Verband ein gutes Wort für mich eingelegt hat“, berichtet sie. „Immer wieder bin ich beobachtet worden, habe mich hochgedient wie auch in Deutschland.“

Anfangs pfiff sie in der sogenannten Ausländerliga, „das ist in etwa vergleichbar mit unserem Kreisliga-C-Niveau in Bonn“, sagt Gerhard. Doch, wen wundert's, rasch ging es steil nach oben. Am Ende standen für die 21-Jährige fünf Begegnungen in der Frauen-Eliteliga zu Buche – und eben das besagte Match in der Herren Primary League.

Von der Frauenliga zeigt sich die Bonnerin im Nachhinein jedoch am meisten angetan. „Diese Klasse genießt dort eine riesige Wertschätzung. Wir sind sogar regelmäßig zur Champions-League-Hymne und mit Fahnenträgern eingelaufen.“

Doch nicht nur die sportlichen Erlebnisse haben Katharina Gerhard beeindruckt, auch Land und Leute haben tiefe Spuren in ihr hinterlassen. „Es ist unglaublich, wie nett und wie gastfreundlich die Menschen dort sind“, sagt sie und berichtet von einem Taxifahrer, der auf der Fahrt seine Früchte mit ihr teilte, vom Besuch auf dem Nachtmarkt in Taipeh und vom Teepflücken auf einer Teefarm. „Fahrräder werden nicht abgeschlossen, Handys kannst du offen liegen lassen, wenn du beispielsweise ins Fitnesscenter gehst, das Trampen funktioniert ohne Probleme, du fühlst dich nie unsicher“, schwärmt die Bonnerin, die auch die „traumhaften Landschaften“ Taiwans genossen hat.

Verständigungsprobleme gab's während der gesamten Zeit nicht. „Die meisten Leute sprechen Englisch“, berichtet sie. „Wenn du dann noch ein paar Brocken Chinesisch kannst, sind sie glücklich. Und sonst geht's eben mit Händen und Füßen.“

Für die 21-Jährige ist klar: „Das war eine tolle Lebenserfahrung. Ich werde auf jeden Fall noch mal hinfahren, egal ob zum Urlaub oder vielleicht zu einem Praktikum.“ Und wenn's möglich ist, will sie dann auch wieder einige Fußballspiele pfeifen – den nötigen Respekt hat sie sich ja bereits erarbeitet.

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