Kommentar: Behindert worden

Kommentar : Behindert worden

Ich lasse mich nicht behindern - lautet das Lebensmotto von Markus Rehm. Jetzt ist es passiert. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) verweigert dem Deutschen Meister im Weitsprung die Teilnahme an den Europameisterschaften.

Das ist nicht richtig, weil es inkonsequent ist. Man hat ihn bei der DM starten lassen, er hat gewonnen. Die logische Konsequenz konnte nur die Nominierung für Zürich sein. Ob ihn der Weltverband IAAF dann tatsächlich zur EM zugelassen hätte, steht auf einem anderen Blatt.

Das Gutachten, auf dessen Basis entschieden wurde, ist ein Schnellschuss, die Formulierungen in der Begründung sind vage. Von einem möglichen Katapulteffekt der Karbon-Feder ist da die Rede. Möglich ist nicht sicher. Bei einer weitreichenden Entscheidung wie dieser muss erwiesen sein, dass Rehm keinen Vorteil durch seine Prothese hat.

Den DLV-Granden dürfte der beeindruckende Auftritt des 25-Jährigen in Ulm den Schweiß auf die Stirn getrieben haben. Wäre ein behinderter Sportler bei einer deutschen Meisterschaft Sechster geworden, hätte das dem Verband ein Fleißkärtchen in Sachen Inklusion eingebracht. Aber der unterschenkelamputierte Rehm sprang gut. Viel zu gut. Das Dilemma war da. Mit einem umfassenden Gutachten hätte der DLV der Diskussion um die Vergleichbarkeit behinderter und nichtbehinderter Athleten und dem Sport deutlich mehr geholfen als mit seiner halbherzigen Startzulassung, die den Eindruck erweckt, dass der DLV mehr an sich als an Rehm und seine Konkurrenten gedacht hat.

Die Versäumnisse und die Inkonsequenz des Verbandes muss jetzt Rehm ausbaden - stellvertretend für viele andere, denen er ein Vorbild ist. Wenn er sich entgegen seiner ursprünglichen Ansage jetzt mit juristischer Unterstützung gegen die DLV-Entscheidung zur Wehr setzt, wäre das inkonsequent, aber richtig. Das Thema wird fortgesetzt. Gut so.

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