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Interview mit einer Psychologin: So wirkt sich die Corona-Krise auf die Psyche von Sportlern aus

Interview mit einer Psychologin : So wirkt sich die Corona-Krise auf die Psyche von Sportlern aus

Psychologin Marion Sulprizio erklärt die psychischen Auswirkungen der Corona-Krise auf Profi-Sportler und Hobby-Athleten.

Abgesagte Wettkämpfe, geschlossene Trainingsstätten, fehlender Kontakt zu Trainern und Teamkollegen: Die Corona-Krise hat den Sportalltag für Spitzenathleten und Freizeitsportler auf den Kopf gestellt. Marion Sulprizio, Diplom-Psychologin an der Deutschen Sporthochschule Köln, sprach mit Johannes Thielen über die psychischen Auswirkungen.

Viele Sportler wissen derzeit nicht, wie es in den nächsten Monaten weitergeht, haben die einmalige Chance auf Olympia verpasst oder stehen vor großen finanziellen Problemen. Was geht in so einer Situation in einem Sportler vor?

Marion Sulprizio: Solche Ereignisse sind natürlich einschneidend, weil sie das menschliche System extrem gefährden und das Wegfallen von Träumen bedeuten. Es entsteht eine gewisse Leere, die ein Sportler auch nicht direkt beiseiteschaffen kann oder muss. Er darf erst einmal verzweifelt sein und sich aufregen. Irgendwann jedoch muss er die Situation akzeptieren und planen, wie er damit umgeht und welche positiven Dinge er daraus ziehen kann. So können sich Sportler darauf konzentrieren, andere Kompetenzen zu entwickeln, wie beispielsweise ein guter Partner zu sein, sich intensiv um die Kinder zu kümmern oder eine Trainerlaufbahn einzuschlagen. Dabei ist die Haltung entscheidend: Stecke ich den Kopf in den Sand, oder nehme ich die Situation an?

Wie wichtig ist es für Sportler, in der Wettkampfpause einen geregelten Alltag zu haben?

Sulprizio: Das Beibehalten gewisser Routinen ist auch für Sportler von Bedeutung. Natürlich ist der normale Trainingsalltag nicht möglich, aber Sportler können gezielt Übungseinheiten einbauen, um den Tag zu strukturieren. Ich stehe mit Mannschaftssportlern in Kontakt, die im Moment nicht die Möglichkeit haben, taktisch zu trainieren. Denen rate ich, individuell zu arbeiten, sich aber gleichzeitig auch mit ihren Mannschaftskollegen auszutauschen, welche Aufgaben sie in Zukunft als Team angehen wollen. Dafür sind virtuelle Konferenzen gut geeignet. Sie ersetzen zwar nicht die Face-to-Face-Kommunikation, aber helfen dabei, in Kontakt zu bleiben, und befriedigen das menschliche Bedürfnis des sozialen Eingebundenseins.

Mannschaftssportler verbringen viel Zeit mit ihren Teamkollegen. Einzelsportler hingegen trainieren oft allein oder in kleineren Gruppen. Lässt sich daraus schließen, dass Mannschaftssportler durch die Isolation psychisch stärker belastet werden?

Sulprizio: Dazu gibt es bisher noch keine Studien. Generell muss auch bei Einzelsportarten differenziert werden. Tennisspieler oder Fechter brauchen zum Beispiel Trainingspartner und sind von der Situation ähnlich betroffen wie Fußballer oder Handballer. Läufer oder Radfahrer hingegen deutlich weniger. Aber schauen wir uns einmal die psychologischen Theorien an. Jeder Mensch hat Bedürfnisse: Ein Bedürfnis ist das des sozialen Eingebundenseins, welches beim Teamsportler höher als beim Einzelsportler ist, da er sonst nicht in einer Mannschaft spielen würde. Ein weiteres Bedürfnis ist das nach Kompetenz. Um diese als Teamsportler zu zeigen, braucht man seine Mitspieler. Als Läufer kann man immer noch seine persönliche Bestzeit knacken. Zuletzt das Bedürfnis nach Autonomie: Das ist dem Einzelsportler auch weniger genommen als dem Mannschaftssportler, da dieser oftmals noch selbst entscheiden kann, wann, wie und wo er trainiert. Somit ist es durchaus denkbar, dass Mannschaftssportler durch die Folgen der Corona-Krise psychisch stärker belastet werden.

Kann den Sportlern auch in dieser Situation eine sportpsychologische Betreuung weiterhelfen?

Sulprizio: Ganz klar! Ich kann nur allen Athleten raten, die die Möglichkeit haben, Videokonferenzen mit Sportpsychologen wahrzunehmen, dies auch zu tun. Das geht zum Beispiel über die Initiative „MentalGestärkt“, die wir an der Deutschen Sporthochschule Köln ins Leben gerufen haben und über die wir Sportler an sportpsychologisches Coaching vermitteln. Außerdem stellen wir für Athleten, die unter Angstzuständen oder Depressionen leiden, den Kontakt zu Sportpsychiatern oder Psychotherapeuten her.

Ist diese Initiative ausschließlich für Topathleten vorgesehen?

Sulprizio: Generell bezieht sie sich schon auf Leistungssportler, es kann sich allerdings jeder bei uns
melden. Wir haben auch noch keinem Fußballer aus der
Kreisliga unsere Hilfe verweigert.

Sie sprechen den Breitensport an. Wie kann sich ein Sportverzicht auch beim Freizeitsportler auf den psychischen Zustand auswirken?

Sulprizio: Freizeitsportler können unter der aktuellen Situation genauso leiden. Viele betreiben ihren Sport, um Kontakt zu anderen Personen zu haben, und vermissen jetzt den Sport in der Gruppe. Hinzu kommt, dass der Spaß, den wir bei unseren Lieblingssportarten empfinden, einen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit hat. Für viele Hobbysportler sind somit auch das Laufen oder Radfahren kein adäquater Ersatz, da eben die Freude am Sport selbst und die Kommunikation fehlen. Deswegen sind Online-Trainingsvideos auf Youtube oder von Fitnessstudios eine gute Möglichkeit, Sport und soziale Interaktion weiterhin zu vereinbaren.

Ist nach der Corona-Krise mit einem Anstieg von psychisch erkrankten Sportlern zu rechnen?

Sulprizio: Das kann man derzeit noch nicht absehen. Es könnte auch genau das Gegenteil der Fall sein, da Menschen jetzt womöglich mehr auf sich achtgeben, andere Dinge wieder mehr wertschätzen und dadurch gestärkt aus der Situation hervorgehen. Dazu wird es zukünftig bestimmt interessante Studien geben.