Abwehr-Schrank: Patrick Wiencek über seinen langen Weg in die Spitze

Abwehr-Schrank : Patrick Wiencek über seinen langen Weg in die Spitze

Weshalb der ehemalige Gummersbacher Patrick Wiencek „Bam Bam“ genannt wird, hatten die Franzosen bei einem Nahkampf erfahren müssen: Wiencek teilt aus wie die Figur aus „Familie Feuerstein“. Mit dem 116-Kilo-Koloss sprach Gert auf der Heide.

Es lief die 20. Minute im Spiel gegen Frankreich, als Patrick Wiencek ein neues Trikot benötigte. Es war gerissen – Nahkampf. Weshalb der ehemalige Gummersbacher „Bam Bam“ genannt wird, hatten die Franzosen erfahren müssen: Wiencek teilt aus wie die Figur aus „Familie Feuerstein“. Gemeinsam mit Hendrik Pekeler baut er in der Mitte eine Mauer auf. Aus der Berliner Mauer wird nun eine Kölner, und Wiencek freut sich darauf. Mit dem 116-Kilo-Koloss sprach Gert auf der Heide.

Sie sind Duisburger und haben für Düsseldorf, Essen und Gummersbach gespielt. Ist Köln Heimat für Sie?

Patrick Wiencek: Natürlich. Köln ist 60 Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Viele Freunde und Familienmitglieder werden in der Halle sein.

Wie erlebt die Mannschaft die Euphorie des Publikums?

Wiencek: Es ist schon ein Gänsehautmoment, wenn die Nationalhymne wirklich von allen gesungen wird. Wenn ich bedenke, dass in Köln nochmal 5000 Leute mehr in der Halle sind, das wird geil. Wir wollen nicht über Berlin jammern, aber jetzt wird’s noch lauter.

Sie waren nicht das größte Talent. Hätten Sie es 2007 für möglich gehalten, selbst mal eine Heim-WM zu spielen?

Wiencek: Damals war ich 17, und ich hatte es in der Jugend ja nicht mal in die Niederrheinauswahl geschafft. Da dachte ich schon, das wird nichts mit meiner Karriere. Aber irgendwas muss ich danach richtig gemacht haben.

Waren Sie 2007 in der Halle in Köln, als Deutschland Weltmeister wurde?

Wiencek: Nee, aber ich habe noch die Fernsehbilder im Kopf, als Henning Fritz nach dem Halbfinale gegen Frankreich wie wild mit dem Ball durch die Arena gelaufen ist.

Vom Frankreich-Spiel am letzten Dienstag werden vor allem die dramatischen letzten drei Sekunden in Erinnerung bleiben, als die Franzosen im zweiten Anlauf einen Freiwurf zum Ausgleich verwandeln konnten. Wie erlebt man so etwas als Spieler auf dem Feld?

Wiencek: Man ist im Tunnel. Ich glaube, den ersten Versuch habe ich ja mit dem Kopf geblockt. Du kannst das erst später einordnen. Inzwischen sage ich: Den Punkt nehmen wir gerne mit, und jetzt freuen wir uns auf die Spiele in Köln.

Konnten Sie danach auch nicht einschlafen wie Ihr Torhüter Andreas Wolff?

Wiencek: Bei Steffen Weinhold und mir war's wohl 3.30 Uhr. Die späten Anwurfzeiten sind nicht unser Ding. Von daher freue ich mich, dass wir in Köln zweimal um 18 Uhr spielen.

Was nehmen Sie aus dem Frankreich-Spiel mit?

Wiencek: Es hat gezeigt, was wir für ne coole Truppe sind. Deutschland ist eine Turniermannschaft. Bald fängt die Hauptrunde an, und da werden wir liefern.

Nach 16 Minuten stand es 4:3 für Deutschland. Was passiert da auf dem Feld, wenn so wenige Tore fallen?

Wiencek: Ein Grund ist, dass wir uns ja alle aus der Champions League kennen. Dann ist es ein Vorteil, dass Hendrik und ich auch in Kiel zusammenspielen. Wir machen bei der Nationalmannschaft nichts anderes als im Verein. Aber trotzdem, Frankreich in der ersten Hälfte bei zehn Toren zu halten, das schafft nicht jeder.

Wer ist der Abwehrchef?

Wiencek: Gibt's nicht. Wir verstehen uns blind und brauchen nicht viele Worte.

Ist es auch im Handball so, dass die Abwehr Meisterschaften gewinnt?

Wiencek: Abwehr ist das wichtigste, auf der Abwehr baut alles auf. Wenn du hinten gut arbeitest, machst du auch mal Gegenstoßtore.

Was macht einen guten Abwehrspieler aus?

Wiencek: Schwer zu sagen...

Aber stark muss er schon sein?

Wiencek: Das ist sicher von Vorteil. Wenn ein Gegenspieler mit 100 Kilo angerauscht kommt, sollte man eine vergleichbare Masse haben.

Es wird jetzt viel über den mannschaftlichen Zusammenhalt gesprochen. War die Japanreise im vergangenen Sommer wirklich der Wendepunkt?

Wiencek: Es ist ja kein Geheimnis, dass wir bei der Europameisterschaft 2018 in Kroatien ein schlechtes Klima hatten. Wir sind damals zurecht gescheitert. In Japan wurde dann viel aus dem Weg geräumt. Es war gut, dass man sich mal die Meinung gesagt hat. Jetzt habe ich das Gefühl, die Stimmung ist so gut wie noch nie. Hast du keinen Spaß, bist du nicht erfolgreich. Mit Spaß werden Spieler besser.

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