NBA: Kein Schrank, eher ein Billy-Regal

NBA : Kein Schrank, eher ein Billy-Regal

Journalisten, die von Argentinien bis China quer durch alle Zeitzonen 90 Minuten Verspätung ihres Gesprächspartners ohne Murren ertragen, sind entweder Masochisten - oder mit Stephen Curry verabredet.

Dem Superstar des NBA-Basketballmeisters Golden State Warriors wird gerade alles verziehen. Denn Curry schickt sich an, seine überirdische Vorstellung der vergangenen Saison noch zu übertreffen.

Mit 16 Siegen in Serie hat das Team aus dem Großraum San Francisco in der amerikanischen Profi-Liga in dieser Woche eine historische Bestmarke zu Saisonbeginn aufgestellt.

Dank Körperbeherrschung, Schnelligkeit, Übersicht, Treffsicherheit und schlafwandlerisch sicherer Ballbehandlung hat Curry mit durchschnittlich 32,7 Punkten pro Spiel daran so kolossal großen Anteil, dass Kollegen, Medien und gegnerische Trainer den zweifachen Vater zum derzeit besten Spieler der Welt erklärt haben.

Dabei verkörpert der in Charlotte/North Carolina aufgewachsene Sohn des früheren NBA-Scharfschützen Dell Curry mit zartgliedrigen 1,92 Metern, die auf 83 Kilogramm verteilt sind, in der Liga der breitschultrigen Schränke eher den Typ Billy-Regal.

Wenn der 27-Jährige den Ball von der einen hinterrücks in die andere Hand exportiert, dabei auf der Grundfläche von drei Bierdeckeln sein Gegenüber schwindelig dribbelt und aus jeder - wirklich jeder - Position zum tödlichen Drei-Punkte-Wurf abhebt, ist "sensationell" noch untertrieben. Curry ist auf dem Mount Everest seines Könnens. Nur er selbst, ein für sein Alter erstaunlich bescheidener, reifer Mann, sieht das nicht so.

"Ich bin nicht perfekt im Leben und ich bin es nicht in der Halle. Und ich habe das perfekte Spiel noch nicht gespielt", sagte Curry bei einer Telefon-Konferenz. Während sich die NBA-Statistik-Liebhaber über das Leistungshoch der "Krieger" aus Kalifornien gar nicht mehr einkriegen, rückt der mit 44 Millionen Dollar über drei Jahre entlohnte Profi die Verhältnisse zurecht. "Die reguläre Saison hat über 80 Spiele. Bis zu den Playoffs kann viel passieren." Ein längeres Tief. Ein, zwei schwere Verletzungen. Alles kann kippen. Und die gewonnene Meisterschaft gegen Lebron James? Cavaliers aus Cleveland wäre eine Eintagsfliege.

Curry weiß das. Darum trainiert er härter als je zuvor. Vor den Spielen automatisiert das Bewegungstalent oft schon drei Stunden vor Beginn seine "Schüsse". In dieser Saison könnte er, wenn alles optimal läuft, zwei Ehrungen mit nach Hause nehmen: wieder den Titel des MVP, des wertvollsten Spielers, und die Prämie für den "most improved player", jenen Akteur, der sich am meisten verbessert hat. "Das ist mein Ziel", sagt Curry trocken. Dafür geht er bei einem Großen in die Lehre. Steve Nash, ehedem selbst ein begnadeter Spielmacher, hat mit Curry im Sommer an Details gefeilt, die eine Partie entscheiden können.

Dass Curry die harte Arbeit auf dem Feld so anstrengungslos und beiläufig aussehen lässt, hat ihm ungewöhnliche Vergleiche eingebracht. Graham Lustig, der künstlerische Direktor des Balletts in Oakland, erkennt in ihm die "Ästhetik einer Primaballerina". Als ein argentinischer Journalist wissen will, ob er der Lionel Messi der NBA sei, lacht Curry und verbeugt sich bescheiden vor dem Ausnahme-Kicker: "Bei Messi weiß man nie, was er im nächsten Moment tut. Ich liebe es, ihm zuzusehen."

Die Currys sind Vorbild für die afro-amerikanische Community

Beständigkeit und Kreativität, Currys Markenzeichen, wurzeln in einem soliden familiären Umfeld, das in der afro-amerikanischen Community als Vorbild gilt. Gattin Ayesha und die kleinen Töchter Riley und Ryan sitzen oft neben Vater Dell und Mutter Sonya am Spielfeldrand. Nach schwierigen Würfen sucht Curry Augenkontakt und schickt Kusshände. "Ich bin viel unterwegs. Meine Frau trägt mit den Kindern hohe Verantwortung. Sie erlaubt mir, auf diesem hohen Niveau zu spielen."

Erwachsene Töne, die einem anderen NBA-Star gefallen werden, für den Curry Bewunderung empfindet: Dirk Nowitzki. Dass der 37-jährige Deutsche bei den Dallas Mavericks nach langer Durststrecke den dritten Frühling erlebt und Spiele im Alleingang umbiegt, nötigt Stephen Curry Hochachtung ab. "Dirk ist eine Legende. Er hat gerade die Uhr ein bisschen zurückgedreht. Ich hoffe, dass ich auch noch so gut werfe, wenn ich in seinem Alter bin." Auf die Frage, was ihn und den 20 Zentimeter größeren Würzburger verbindet, muss Curry nicht lange überlegen: "Es dachte wohl nie jemand, dass wir mal einen NBA-Titel holen."

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