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"Wahnsinn, wie 20 Jahre verflogen sind": Interview mit NBA-Legende Dirk Nowitzki

"Wahnsinn, wie 20 Jahre verflogen sind" : Interview mit NBA-Legende Dirk Nowitzki

Dirk Nowitzki ist eine lebende Legende. In seiner vermutlich letzten Saison verneigen sich Fans, Gegenspieler und Trainer vor dem 40-jährigen Würzburger. Nur fünf Spieler haben jemals in der NBA mehr Punkte geholt als der Deutsche.

Wenn sich Dirk Nowitzki von der Bank erhebt und das Parkett der heimischen Arena in Dallas betritt, tobt die Halle. Jedes Mal. Die Fans genießen sie, diese mutmaßlich letzte Saison des besten Basketballers, der je in Dallas gespielt hat.

Dienstagnacht fügte er seiner ohnehin beispiellosen Karriere einen weiteren Meilenstein hinzu und überholte bei der 125:129-Niederlage nach Verlängerung gegen die New Orleans Pelicans den großen Wilt Chamberlain in der ewigen Scorerliste der NBA.

Der Superstar von den Dallas Mavericks steht jetzt bei 31.424 Punkten auf Platz sechs. Die Niederlage besiegelte für die Mavericks allerdings das Aus im Rennen um einen Play-off-Platz. Mit Nowitzki sprach vor der Partie Clemens Boisseree:

Herr Nowitzki, sind solche Meilensteine der Grund, wieso Sie auch mit 40 noch auf dem Feld stehen?

Dirk Nowitzki: Nein, überhaupt nicht. Der Wettbewerb macht immer noch Spaß. Ich habe immer gesagt, dass ich nicht für ein wenig Applaus und ein paar Meilensteine noch ein Jahr dran hänge, sondern zurückkomme, solange die Spiele noch Spaß machen.

Sie spielen Ihre 21. Saison. Was wird Ihnen fehlen, wenn Ihre Karriere endet?

Nowitzki: Der Wettbewerb auf dem Feld und die Kameradschaft in der Kabine. Ich habe mit vielen ehemaligen Mitspielern gesprochen, die aufgehört haben, wie Jason Kidd oder Steve Nash. Die sagen auch, dass das die beiden Dinge sind, die man vermissen wird und dass es ein paar Jahre dauert, bis dieses Gefühl weg ist. Aber man muss dann halt andere Sachen finden, neue Herausforderungen suchen. Aber ich bin mir sicher, dass mich fürs Erste meine Kinder auf Trab halten werden.

Wovon machen Sie es abhängig, ob es nächste Saison noch mal weitergeht?

Nowitzki: Ich habe keine Ahnung, was die Zukunft so bringt. Ich will die Saison zu Ende spielen, und dann schauen wir mal. Ich war im vergangenen Sommer fast jeden Tag in der Halle, bin gar nicht nach Deutschland gekommen und war nur kurz mal mit den Kindern am Strand. Ansonsten habe ich durchtrainiert, um in Form zu kommen. Wenn ich noch ein Jahr spielen möchte, geht das Ganze von vorn los: fünfmal die Woche Krafttraining, viel in der Halle sein, da muss man dann schon dranbleiben.

Bei den Mavericks haben Sie ein junges Team, ihr bester Profi Luka Doncic ist 20 Jahre alt. Wie helfen Sie diesen Spielern?

Nowitzki: Ich helfe einfach mit meiner Erfahrung. Wir arbeiten an freien Tagen zusammen, ich gebe den Jungs Tipps, wie sie sich verhalten müssen oder wenn es mal nicht so läuft, was sie tun sollen. Aber ein Luka Doncic ist zwar erst 20, hat allerdings auch schon vier Jahre bei Real Madrid gespielt, bevor er rübergekommen ist. Dem braucht man kaum noch was erklären. Aber klar, wenn die Jungs Fragen haben, dann stehe ich zur Verfügung.

Sie sind seit 1999 in der NBA. Damals waren Detlef Schrempf und Sie die einzigen beiden Deutschen in der NBA. Heute sind Sie einer von sieben.

Nowitzki: Ja, wir haben gerade eine tolle Generation. Dennis Schröder, Daniel Theis, Moritz Wagner oder Maxi Kleber - das sind junge, athletische, schnelle Spieler, bei denen es Spaß macht, ihnen zuzusehen.

Bundestrainer Hendrik Rödl sagt, Ihnen stünden beim Deutschen Basketball Bund (DBB) nach dem Karriereende alle Türen offen. Können Sie sich eine Zukunft in Deutschland vorstellen?

Nowitzki: So wie es aussieht, liegt meine Zukunft hier in Amerika. Meine Kinder sind alle hier geboren, meine Tochter kommt nächstes Jahr in die Schule, von daher ist eine Rückkehr nach Deutschland nicht geplant. Entsprechend werde ich auch beim deutschen Basketball-Verband nicht involviert sein. Wenn ich etwas mache, dann möchte ich das auch zu 100 Prozent tun.

Zurück zu Ihrer vielleicht letzten Saison: Sie werden mittlerweile bei Auswärtsspielen von den gegnerischen Fans gefeiert. Können Sie das genießen?

Nowitzki: Das wollte ich eigentlich gar nicht. In Charlotte hat alles angefangen, da sind die Zuschauer kurz vor Spielende plötzlich aufgesprungen und haben meinen Namen gerufen. Und dann wurde das zu einer Art Schneeballeffekt. Das war bislang eine tolle Erfahrung. Aber natürlich ist das für mich nicht immer angenehm. Als in Los Angeles deren Trainer kurz vor dem Ende das Spiel extra für mich unterbrochen hat, wusste ich nicht, was los war, ich stand dann zwei Minuten einfach da. Das war mir schon ein wenig peinlich.

Was geht Ihnen in solchen Momenten durch den Kopf?

Nowitzki: Natürlich denke ich manchmal zurück an all die Sachen, die man durchlebt hat, an all die Leute, die geholfen haben, an die Höhen und Tiefen, um überhaupt an diesen Punkt zu kommen. Es ist Wahnsinn und schade, wie schnell diese 20 Jahre verflogen sind. Es hat immer Spaß gemacht, die Stadt und die Organisation zu repräsentieren.

Was machen Sie, wenn es dann mal vorbei ist?

Nowitzki: Ich glaube, wenn diese Entscheidung gefallen ist, brauche ich erst mal eine Pause. Dann stehen die Frau und Kinder im Vordergrund, die mussten in den vergangenen Jahren echt oft zurückstecken und haben viele Opfer gebracht, weil ich so viel unterwegs war. Aber klar, man kann nicht nur zu Hause sitzen und Windeln wechseln, da muss nach ein, zwei Jahren schon noch was kommen. Aber wie und wo und was, das ist noch alles total offen.

Was werden Sie nicht vermissen?

Nowitzki: Die ganze Sommervorbereitung. Wenn wir mit den Kindern verreisen und ich irgendwo in Afrika einen Kraftraum oder in Schweden eine Halle finden muss, um in Form zu kommen. Die Zeiten sind dann vorbei, da ist dann kein Druck mehr, fit zu bleiben. Auch auf meine Diät muss ich dann nicht mehr achten. Man kann sich ein wenig gehen lassen, die Familie und gemeinsame Reisen genießen.

Wissen Sie schon, wohin es im Sommer geht?

Nowitzki: Noch gibt's keine Pläne. Wenn ich noch mal ein Jahr dranhänge, muss die Reise wieder kürzer ausfallen, aber wenn es das war, wird es etwas exzessiver.