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Doping im Tennis: Flecken auf dem weißen Sport

Doping im Tennis : Flecken auf dem weißen Sport

Tabuthema Doping: Zwei positive Fälle und der Umgang mit ihnen stellen das Tennis in kein gutes Licht. Der Kolumbianer Robert Farah machte verunreinigtes Fleisch aus seiner Heimat für seine positive Dopingprobe verantwortlich.

Den Finger in den Nachthimmel gereckt, die Augen für einen Moment geschlossen. Novak Djokovic umarmt Dominic Thiem. Soeben hat er zum achten Mal in seiner Karriere die Australian Open gewonnen und seinen 17. Grand-Slam-Sieg verbucht. Nach fünf hart umkämpften Sätzen hat sich der Serbe vor gut zwei Wochen gegen Dominic Thiem aus Österreich durchgesetzt. Die Presse spricht von einem epischen Spiel. Der Tennissport feiert sich und seine Athleten, die mit beeindruckenden Matches begeistern und für die perfekte Tenniswelt-Blase sorgen. Kritische Themen? Unerwünscht.

Dabei musste der Tennisweltverband ITF erst unmittelbar vor Turnierbeginn der Australian Open bekannt geben, dass der, zu dem Zeitpunkt Weltranglisten-81., Chilene Nicolas Jarry sowie der Weltranglistenerste im Doppel, der Kolumbianer Robert Farah, Ende letzten Jahres positiv getestet worden sein. Doping. Beim 24-jährigen Jarry stellte man die verbotenen Substanzen Stanozolol und Ligandrol fest. Die Dopingprobe des 33-jährigen Farah wies das anabole Steroid Boldenon nach. Beide Südamerikaner gaben daraufhin an, nie wissentlich gedopt zu haben und legten zugleich konkrete Erklärungsansätze dar.

Das anabole Steroid Stanozolol sowie Ligandrol, die beide das Muskelwachstum verstärken, seien, so Jarry, aufgrund von kontaminierten Multi-Vitamin-Präparaten in seinen Körper gelangt. Farah gab an, er habe in seiner Heimat verunreinigtes Fleisch gegessen, welches Boldenon – ebenfalls den Muskelaufbau fördernd – enthielt und plädiert auf unschuldig. Nichtsdestotrotz wurden Jarry und Farah von der ITF vorläufig suspendiert. Farahs Sperre ist mittlerweile wieder aufgehoben worden, da die ITF der Fleisch-Begründung des Doppelspezialisten Glauben schenkte und zudem argumentierte, dass es sein erster Verstoß gegen die Anti-Doping-Richtlinien gewesen sei. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und die Nationale Dopingagentur Kolumbiens können theoretisch noch Einspruch einlegen. Bei Jarry steht das Urteil noch aus.

Australian-Open-Finalist Dominic Thiem bezog Stellung

Angesprochen auf die Fälle seiner Kollegen bezog Australian-Open-Finalist Dominic Thiem Stellung und ließ verlauten, dass er sich bei den beiden Spielern Doping nicht vorstellen könne. Bereits Ende letzten Jahres hatte er in einem Interview mit dem „Socrates Magazin“ ein Plädoyer für die Sauberkeit seines Sports gehalten: „Ich würde für alle Top-Spieler, die ich kenne, meine Hand ins Feuer legen“, sagte er. „Und selbst wenn sich jemand etwas reinhauen würde, glaube ich nicht, dass er dadurch besser spielen würde.“ Mit dieser Aussage trifft der Top-Ten-Spieler nicht nur auf Gegenliebe. „Er ist auf jeden Fall sehr schützend seinen Mitspielern gegenüber. Ich glaube aber, dass man für gar keinen seine Hand ins Feuer legen sollte, da diese Hand jetzt ab wäre“, sagt beispielsweise Marc-Kevin Goellner, in den 1990er Jahren selbst Top-30-Spieler. „Ich glaube, dass das eine ganz schwierige Aussage ist und Doping doch einen Vorteil mit sich bringt, wenn ich weiß ‚Ich bin nie müde, ich erhole mich schneller als andere oder ich kann meine Leistung besser abrufen‘.“

Auch Mario Thevis, vom Institut für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln und Leiter des Dopingkontrolllabors, widerspricht dem, von Thiem dargelegten Nicht-Nutzen von Doping im Tennis: „Es gibt kaum eine Sportart, in der Doping keinen Vorteil verschaffen kann. Es müssen auch Effekte außerhalb des Wettkampfs berücksichtig werden“, sagt der Wissenschaftler. „Doping ist auch in der Vorbereitung von großer Bedeutung. Anabole Steroide beispielsweise fördern die Regeneration. Das kann bei einem vollen Terminkalender von entscheidender Bedeutung sein.“

Mehr als 20 Turniere im Jahr

Und der ist voll bis oben hin. Deutlich über 20 Turniere spielen die Profis mitunter im Jahr, kommen dabei oft auf bis zu 90 Matches. Die Vergangenheit zeigt, dass Doping durchaus auch ein Thema im Tennis ist: Beim siebenfachen Grand-Slam-Sieger Mats Wilander wurde 1995 Kokain festgestellt, der Tscheche Petr Korda, Australian-Open-Sieger von 1998, wurde positiv auf das Steroid Nandrolon getestet. Ebenso wie 2001 der Argentinier Guillermo Coria, der später immerhin im Finale der French Open stand. „Doping im Tennis war und ist vonseiten der Spieler ein absolutes Tabuthema. Ich glaube, dass sich in der Hinsicht nicht viel verändert hat“, sagt Goellner. „Früher wurde auch gedopt. Doch die meisten machen es eben extrem intelligent und werden nicht erwischt.“

Und selbst wenn dann eine verbotene Substanz im Körper eines Spielers festgellt wird, ist in manchen Fällen ein bewusster Betrug nicht bewiesen. „Die kleinste Menge eines anabolen Steroids kann von uns in einer Urinprobe festgestellt werden. Das ist Fluch und Segen zu gleich“, sagt Thevis. „Wir können aus einer einzigen Urinanalyse nur den status quo herauslesen. Boldenon und Clenbuterol sind Mittel, die beispielsweise in Süd- oder Lateinamerika, in China in der Tiermast eingesetzt werden. So ist es sehr schwierig zu beweisen, ob der Nachweis einer verbotenen Substanz auf ein Steak oder Doping zurückzuführen ist.“

Seit 2004 betreibt Marc-Kevin Goellner seine gleichnamige Tennisakademie in Köln Marienburg und verfolgt bei der Betreuung seiner Nachwuchsspieler eine klare Richtlinie: „Wir haben in den Verträgen mit unseren Spielern stehen, dass sie bei Dopingmissbrauch oder Drogenkonsum sofort rausfliegen. Leistungssport und in irgendeiner Form betrügen, das funktioniert bei uns nicht.“ Drastische Maßnahmen, die jedoch notwendig sind, um den Spielern schon in jungen Jahren sauberen und somit fairen Sport zu vermitteln und sie daran glauben lassen, auch ohne Doping die ganz großen Pokale in die Höhe recken zu können.