Handball-WM: Eine Sportart wächst über sich hinaus

Handball-WM : Eine Sportart wächst über sich hinaus

Nach dem Krimi gegen Kroatien bei der Handball-WM interessieren sich auch Sport-Muffel für diese unnormal normale deutsche Mannschaft. Die Verletzung von Regisseur Martin Strobel trübt die Feierlaune.

Es war schon mitten in der Nacht, als Martin Strobel aus dem Krankenhaus zurück ins Mannschaftshotel kam. In Köln-Merheim war er in die Röhre geschoben worden, aus dem Verdacht wurde schnell eine Diagnose: Kreuz- und Innenbandriss im linken Knie. Die WM ist für Strobel vorbei.

Auf dem Bankett stellte sich der Lenker des deutschen Spiels vor die Mannschaft, bedankte sich für die vergangenen Wochen und wünschte viel Glück. „Das ist Größe“, sagte Bundestrainer Christian Prokop am nächsten Morgen. Da war Strobel schon längst auf dem Weg zur notwendigen Operation. Auch den Spielern fiel es schwer, sich sofort auf die nächsten Aufgaben zu konzentrieren. „Mensch, war das emotional“, meinte Kreisläufer Hendrik Pekeler.

Bei der Nachbetrachtung war es zunächst beinahe zweitrangig, dass der Montag ja eigentlich ein Feiertag war für die deutschen Handballer. Durch das 22:21 (11:11) über Kroatien stehen sie schon vor dem letzten Hauptrundenspiel an diesem Mittwoch (20.30 Uhr/ARD) gegen Spanien im Halbfinale. Ein Erfolg, der so nicht erwartet worden war. Ungeschlagen in sieben WM-Spielen, das Land zunehmend in Handball-Stimmung – Prokop erlebt gerade seine „geilste Zeit im Berufsleben“.

Vor ziemlich genau einem Jahr wurde der Bundestrainer ans andere Ende der Gefühlsskala geschleudert. Nach Platz neun bei der EM in Kroatien galt er als der Hauptverantwortliche für das Scheitern: zu verkopft, zu stur, zu unkommunikativ. Die ihm attestierte Wandlung will Prokop nicht kommentieren: „Ich blicke nicht mehr zurück. Es macht mich glücklich, wie sich diese Mannschaft zusammenschweißt.“ Allerdings muss nun erneut ein Loch geschweißt werden. Die Lücke, die Strobel hinterlässt, ist größer, als irgendjemand vor dieser WM für möglich gehalten hätte.

Als Nachrücker für den Mittelmann stieß Tim Suton zum Team. Der 22-Jährige vom TBV Lemgo gilt als großes Talent, stagnierte jedoch lange. „Tim hat sich die Nominierung verdient“, meinte Prokop. „Er hat große Teile der WM-Vorbereitung mitgemacht und ist vorbereitet auf die Strobel-Rolle.“

Das Trainerleben bleibt eine Baustelle für Prokop. Im Grunde war er ohne etablierten Mittelmann und ohne Königslösung für die Königsposition in die WM gestartet. Aber Strobel schwang sich zum Lenker auf, und Steffen Fäth fand mit jedem Tor aus dem linken Rückraum besser ins Turnier. Als sich dann Steffen Weinhold verletzte, machte Fabian Wiede mehr und mehr auf sich aufmerksam.

Gegen Kroatien war der Berliner Linkshänder der beste und der entscheidende Mann. Er warf sechs Tore in sechs Versuchen, traf zum 19:19, als sich alle anderen drückten, und spielte den mutigen Pass auf Uwe Gensheimer, der zum entscheidenden 22:20 führte. „Den hätten sich nicht viele getraut“, meinte Prokop.

Platz eins steht nicht im Fokus

Wenn man so will, feierte die Nationalmannschaft gerade Richtfest, als mit Strobel jetzt eine tragende Säule wegbrach. Womöglich ist Wiede auch dafür die Lösung. Er kann auf Halbrechts spielen und in der Mitte, wie er schon gegen Kroatien zeigte. „Fabian ist unser Mann für die kreativen Momente“, weiß Prokop. „Er braucht dafür Freiräume, und die kriegt er.“

Gegen Spanien besteht nun – überraschenderweise – die Gelegenheit, ein paar Dinge auszuprobieren. Es geht nur noch darum, die Spannung zu halten, dennoch ein paar Körner zu sparen und sich vernünftig aus Köln zu verabschieden, ehe es zum Halbfinale nach Hamburg geht. Rechtsaußen Patrick Groetzki wird mal für längere Zeit draußen sitzen, vielleicht auch Gensheimer, damit Matthias Musche mehr Sicherheit in seinen Aktionen bekommt. „Aber glauben Sie mir“, sagte Prokop, „diejenigen, die auf der Platte stehen, wollen auch gewinnen.“

Platz eins in der Gruppe, um im Halbfinale am Freitag eventuell den Dänen aus dem Weg zu gehen, steht dabei nicht einmal im Fokus. „Wir nehmen es, wie es kommt“, beteuerte der Bundestrainer.

Es ist diese Gelassenheit, gepaart mit Normalität, die viele Menschen in Deutschland sehr aufmerksam registrieren. „Beim Handball wird weniger palavert als bei uns“, hatte Fußballtrainer Julian Nagelsmann vor einigen Tagen gesagt. „Auf dem Feld und außerhalb des Feldes.“

Deshalb werden die Handballer derzeit als Gegenentwurf der Fußballer und anderer schillernder Sportstars wahrgenommen. Seltsamerweise macht sie gerade ihre Normalität zu Stars.

Abzulesen ist das auch an den Einschaltquoten. Durchschnittlich sahen mehr als zehn Millionen Menschen das Spiel gegen Kroatien im Fernsehen. Beim Halbfinale werden es noch mehr sein. Für Bob Hanning geht die WM deshalb jetzt erst richtig los.

„Wir können uns Deutschland präsentieren. Bodenständigkeit, Kampf, Leidenschaft – das ist Handball“, sagte der Vizepräsident Leistungssport. „Zuerst hatten wir nur die Handballer, dann die Sportfans, und jetzt interessiert sich fast jeder für uns.“ So gesehen, wächst der Handball gerade über sich hinaus.

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