Nahbare Stars: "Du siehst Kerle": Warum viele Deutsche Handball-Fans sind

Nahbare Stars : "Du siehst Kerle": Warum viele Deutsche Handball-Fans sind

Wenn die deutschen Handballer bei der WM antreten, sind nicht nur die Hallen voll: Millionen Menschen schauen sich die Spiele im TV an. Die Sportart begeistert derzeit weit über ihre Grenzen hinaus. Warum ist das so? Und warum hielt das nie lange an?

Deutschland ist wieder einmal im Handball-Fieber. Das Team von Bundestrainer Christian Prokop begeistert bei der Heim-WM die Massen und zieht auch die Prominenz aus anderen Sportarten in ihren Bann.

Für Skirennfahrer Felix Neureuther ist es die körperliche Härte, die den Handball zu einer "der absolut coolsten Sportarten" mache. Trainer Niko Kovac vom Fußball-Rekordmeister FC Bayern München schätzt die Dramatik bei der WM in Deutschland, "weil es rauf und runter geht". Und sein Kollege Julian Nagelsmann von der TSG 1899 Hoffenheim glaubt sogar, dass sich der Fußball vom Handball einiges abschauen kann: "Man versucht zu spielen und nicht so viel zu labern, das würde uns auf dem Fußballfeld auch gut zu Gesicht stehen."

Die Endrunde begeistert weit über die Grenzen ihrer Sportart hinaus. Aber warum ist das so? Die Gründe dafür sind weitaus vielfältiger, als die Aussagen ihrer prominenten Fans vermuten lassen. Körperlichkeit, Robustheit, Kompromisslosigkeit - all das fasziniert beim Handball schon lange. "Du siehst Kerle, wie sie zusammenrummsen. Und wie sie dann aufstehen und keiner muckt", sagte Trainer Christian Streich vom SC Freiburg.

All das ist aber auch das ganze Jahr über in den Hallen der Handball-Bundesliga oder beim TV-Sender Sky zu sehen. Doch mit den Übertragungen in ARD und ZDF bietet sich den Handballern nun die seltene Bühne, ein Millionenpublikum zu erreichen. Zumal das Turnier Anfang Januar startete, als der deutsche Fußball noch in der Winterpause war.

Zudem können die Fans in den Handball-Arenen in Berlin und Köln die deutschen Nationalspieler nicht nur sehen, sondern auch anfassen. Trotz enger Spieltaktung und teils extremer Belastung schrieben Finn Lemke, Uwe Gensheimer und ihre Kollegen manchmal noch über eine halbe Stunde nach Abpfiff Autogramme. In den Augen von Ski-Ass Neureuther sind die Handballer "noch sehr, sehr nahbar, das macht sie auch so sympathisch. Deswegen steht auch ein ganzes Land hinter den Jungs, muss ich sagen."

Tatsächlich zeigt sich nicht nur an den bei deutschen Spielen bisher stets ausverkauften Arenen, sondern auch an den TV-Einschaltquoten die derzeitige Euphorie. Der Durchschnitt der fünf Vorrunden-Partien lag bei mehr als 7,1 Millionen Zuschauern. Selbst das bedeutungslose letzte Vorrundenspiel vergangene Woche gegen Serbien schauten sich im Schnitt mehr Leute an als den vom ZDF übertragenen Rückrunden-Auftakt der Fußball-Bundesliga zwischen Hoffenheim und Bayern. "Die Menschen finden unsere Handballer cool, weil sie eine hohe Bodenhaftung haben und nahbar sind", sagte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann.

Trotzdem nahm die Aufmerksamkeit für den Handball selbst nach erfolgreichen Großturnieren in der Regel sehr schnell wieder ab. Nachhaltig anhaltende Begeisterung gab es weder nach dem Erfolg bei der Heim-WM 2007 noch im Anschluss an den EM-Triumph 2016. Das von der ARD live übertragene Bundesliga-Topspiel zwischen den Rhein-Neckar Löwen und dem THW Kiel schauten sich im Oktober 2018 beispielsweise nur 1,36 Millionen Zuschauer im Schnitt an.

DHB-Vizepräsident Bob Hanning hofft, dass die Begeisterung dieses Mal länger anhält. "Wir müssen Gesichter kreieren, die unsere Sportart in den nächsten zehn Jahren repräsentieren", sagte der 50-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. "Wenn ein Andreas Wolff beispielsweise abends zu Markus Lanz in die Talkshow gehen kann, dann verlege ich das Training eben auf den Morgen. Das Management muss jetzt lernen, anders zu denken, um diese Chance auch zu nutzen."

Dabei soll aber stets die Bodenhaftung gewahrt bleiben. "Wir wollen kein goldenes Steak essen, sondern wir wollen nahbar bleiben", betonte Hanning zuletzt mit Blick auf den Goldsteak-Wirbel um Fußballstar Franck Ribéry.

Nach Ansicht von Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar müsse der Handball aber auch neue Wege gehen, um vor allem das junge Publikum zu gewinnen. "Wir müssen das Image unserer Sportart verändern. Das heißt, wir müssen jünger werden, interessanter für die Kids", sagte Kretzschmar der Deutschen Presse-Agentur. Sein Vorschlag: "Es ist zwingend notwendig, in den nächsten fünf, sechs Jahren ein Spiel zu entwickeln, das die Kids an der Playstation spielen können und von dem sie sagen: Das ist super."

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