Rheinbacher Torhüter bei Handball-WM

Der Wolff heult nicht mehr

Hamburg. Andreas Wolff, ausgebildet beim TV Rheinbach, ist der deutsche Spieler mit dem größten Starpotenzial bei der anstehenden Handball-WM. So blickt er auf seine Rheinbacher Zeit zurück und auf die WM voraus.

Es war im Sommer 2004, als ein großer kleiner Junge aus Ollheim zum TV Rheinbach kam. Der Junge war 13, stand im Tor und konnte schon vieles. Er konnte sogar den Spagat, nur eines lernte er einfach nicht: verlieren.

Zwei Jahre später schied seine Mannschaft im Halbfinale um die westdeutsche Meisterschaft gegen Düsseldorf aus. "Da hat er geflennt wie ein Schlosshund", erinnert sich sein damaliger Trainer Dietmar Schwolow. "Er war schon als Jugendlicher sehr, sehr ehrgeizig. Selbst wenn die Jungs zum Aufwärmen Fußball gespielt haben."

Heute ist Andreas Wolff noch ein wenig größer (1,98 m) und vor allem viel schwerer (110 kg). Ein Bär, der es dunkel werden lässt, wenn er auf die Kreisläufer oder Außen zuspringt. Der Heber mit dem Fuß über Kopfniveau abwehren, das Tor förmlich vernageln und dem Gegner mit seinen Emotionen und seinem grimmigen Blick signalisieren kann: An mir kommst du nicht vorbei, mein Freund. Wahrscheinlich ist Wolff auch der deutsche Spieler mit dem größten Starpotenzial bei dieser WM. Trotz eines Uwe Gensheimer.

Bei der EM 2016 international auf dem Radar

"Man hat damals schon gesehen, dass er ein Guter wird", sagt Schwolow, "aber wenn ich ehrlich bin, habe ich eine solche Laufbahn nicht erwartet." Wolff wechselte ins Nachwuchsleistungszentrum nach Großwallstadt, dann nach Wetzlar und steht heute beim THW Kiel im Tor. Er ist ein Weltklasse-Keeper und an außergewöhnlichen Tagen womöglich sogar noch ein bisschen mehr. Wie weit Deutschland bei dieser WM kommt, wird ganz wesentlich von ihm abhängen. Aber Wolff mag diesen Druck. Er fühlt sich wohl, wenn alle auf ihn gucken.

Der gebürtige Euskirchener war schon ein paar Jahre ein etablierter Bundesligaspieler, als er während der EM 2016 auch international auf dem Radar erschien. Im Endspiel erlaubte er den Spaniern nur 17 Tore, so etwas hatte es noch nie gegeben in einem EM-Finale. Anschließend entstand ein Hype um die Mannschaft, vor allem aber um Wolff, wie es der deutsche Handball seit 2007 nicht mehr erlebt hatte, als Bravo-Boy Michael Kraus das Gesicht der Weltmeister war. Der Torhüter bediente die Medien mit einer Selbstverständlichkeit, als würde er gerade mit seinen Nachbarn sprechen. Dabei war er immer erfrischend direkt. Für manche zu direkt. Der Schweiß war noch nicht getrocknet nach dem EM-Titel, da gab er als nächstes Ziel schon den Olympiasieg aus. Und wenn aktuell alle vom Halbfinale als WM-Ziel reden, verziert Wolff das mit dem Zusatz "mindestens". Auch verbal macht er keine Gefangenen.

Insofern bestehen keine Zweifel an seiner Aufrichtigkeit, wenn er über seine Rheinbacher Zeit redet. Wenn Wolff lobt, dann meint er das ernst. "Ich habe damals sehr viel von Dietmar Schwolow profitiert", sagt er. "Ein ehrgeiziger Trainer, bei dem ich zum ersten Mal professionell trainieren konnte." Der Wunsch, Profi zu werden, festigte sich in dieser Zeit, zumal Schwolow den ebenso Ehrgeizigen förderte, wo er nur konnte. "Er ist einer meiner Wegbereiter. Er hat meine frühe Teenagerphase geprägt und mich sogar als 15-Jährigen einige Male mit der ersten Mannschaft trainieren lassen" - da klingt Dankbarkeit durch.

Wolff war häufiger im Hause Schwolow zu Gast, auch zum Abendessen. Schwolow-Sohn Tobias, Mannschaftskamerad und Torjäger, wurde sein bester Kumpel. Heute spielen beide im Norden der Republik, Tobias beim Zweitligisten Wilhelmshaven, Andreas in Kiel, doch sie sehen sich dennoch selten. "Ich würde es mir häufiger wünschen", sagt Wolff, "aber Tobias ist inzwischen Vater geworden, und ich habe zwei Hunde. Da bleibt neben dem Handball kaum Zeit."

In diesen Tagen ohnehin nicht. Wolff, von Bundestrainer Christian Prokop frühzeitig zur Nummer 1 für dieses Turnier erklärt, ist zwar noch nicht im Tunnel, aber extrem fokussiert. "Jetzt ist die Phase, in der wir langsam in den Flow kommen müssen, den wir als Mannschaft brauchen", betont er. Und bald beginnt zudem die unmittelbare Vorbereitung auf die Spiele. Für einen Torhüter bedeutet das, nicht nur in der Halle zu ackern, sondern auch Videostudium. "Jeder, wirklich jeder Spieler hat ein Wurfbild. Es gibt keinen Spieler auf der Welt, dem du nicht gewisse Würfe zuordnen kannst", sagt Wolff. "Das alles schneiden die Trainer zusammen und laden es auf einen Stick. Wir Torhüter ziehen uns das dann rein."

Ein Trainingstier ist der Modellathlet ohnehin, wie man leicht erkennt. Beim Bankdrücken schafft er 150 Kilo, nach den Übungseinheiten stellt er sich immer wieder den Siebenmeterschützen. "Wenn die mir dann die Bude vollhauen, bin ich zehn Minuten schlecht drauf", erzählt Andreas Wolff. "Nur heulen, das tue ich nicht mehr."