In der Ruhe liegt die Kraft

Das G-A-Team testet Kyudo

Die Abläufe beim Kyudo sind genau abgestimmt: Kathrin Nitschke (vorne) steht mit den Bogenschützen in Formation.

Die Abläufe beim Kyudo sind genau abgestimmt: Kathrin Nitschke (vorne) steht mit den Bogenschützen in Formation.

Bonn. Kathrin Nitschke testet bei den Schwimm- und Sportfreunden Bonn Kyudo, eine spezielle Form des Bogenschießens aus Japan. Das Sportgerät der Wahl ist dabei ein asymmetrischer Bogen.

Bei Temperaturen von gefühlt 300 Grad quäle ich mich durch den kilometerlangen Stau auf der Nordbrücke zum Sportzentrum Tannenbusch. Meine Stimmung befindet sich am Siedepunkt und mir kommen erste Zweifel, ob es eine gute Idee ist, mir ausgerechnet heute eine Waffe in die Hände zu drücken. Für das G-A-Team teste ich heute nämlich die Sportart Kyudo, die japanische Form des Bogenschießens, bei den Schwimm- und Sportfreunden (SSF) Bonn. Als ich endlich am Sportzentrum eintreffe, werde ich freundlich von Gisela Becker empfangen und die Anspannung fällt ein wenig von mir ab. "Ich helfe dir erst mal, die Ausrüstung anzulegen", sagt Becker. "Das ist schon aufwendiger als beim bekannten Bogenschießen."

Obwohl eine Anfängerin wie ich normalerweise nicht voll ausgestattet ins Training einsteigt, hat Becker mir die traditionelle halbärmelige und knopflose Jacke, den "Gi", sowie den knöchellangen Hosenrock "Hakama" mitgebracht. Der kunstvoll gebundene Gürtel "Obi" und ein Paar Socken mit Zehentrennung "Tabi" runden meine Optik ab. Um mir später beim Spannen des Bogens nicht die Finger zu verletzen, bekomme ich außerdem einen dreifingrigen Schießhandschuh aus Hirschleder, die eigentlich wichtigste Ausrüstung für das Kyudo-Training.

Sven Zimmermann, Lehrer der Kyudo-Gruppe, gibt mir eine Einweisung in mein Sportgerät, den 2,20 Meter langen, asymmetrischen Bogen aus Bambusholz. "Bei diesem speziellen Bogen befindet sich das Griffstück im unteren Drittel", erklärt Zimmermann. "Darüber hinaus gibt es hier weder Pfeilauflage, Visier oder stabilisierende Gewichte, wie du sie bei Sportbögen kennst." Fachmännisch spannt er die Sehe zwischen die Wurfarme meines Bogens: "Eine Zugstärke von zehn Kilo reicht erst mal - das ist schon schwer zu spannen, wenn man nicht geübt ist." Im Hintergrund wärmen sich meine Mitstreiter unter der Aufsicht von Trainer Marco Zingsheim bereits auf und trainieren die im Kyudo genauestens festgelegten Bewegungsabläufe - vor, während und nach dem Schuss. "Da das Bogenschießen in Japan durch lange Zeiten des Friedens nicht für den Krieg, sondern eher als Kunst betrieben wurde, wurden diese Abläufe immer weiter verfeinert und geübt", so Zingsheim.

Da die Bewegungsabläufe sehr langsam und diszipliniert ausgeführt werden - und zu meinen Kernkompetenzen aber eher Ungeduld und Hektik gehören -, scheitere ich natürlich zunächst bei dem Versuch, diese nachzuahmen. Geschweige denn, dass ich mir die Reihenfolge merken könnte. "Es dauert Jahre, bis man alles so verinnerlicht hat, dass es klappt", sagt Zimmermann.

Trotz technischer Mängel darf ich endlich an den Bogen und bekomme für die ersten Schießversuche einen Übungspfeil, mit dem ich auf kurze Distanz auf die Zielscheibe schießen soll. Dabei ist Konzentration gefordert. "Wenn die Armhaltung beim Bogenspannen falsch ist, rutscht einem sonst schon mal der Pfeil weg, oder im ungünstigsten Fall gerät man mit der Sehne hinter das Ohr - das kann dann beim Abschuss zu schmerzhaften Verletzungen führen", sagt Zimmermann. Um dies zu vermeiden, übt man anfangs auch schon mal mit einer Gummizwille, ich kämpfe lieber gleich mit meinem Bogen. Jetzt zeigt sich, dass der Kyudo-Bogen nicht ganz einfach zu beherrschen ist. Allein das Spannen der Sehne ist anstrengender, als ich dachte. Bei einem etwas optimistischen Versuch, für den Schuss auf eine 28 Meter entfernte Zielscheibe mit einem mit 18 Kilo bespannten Bogen zu arbeiten, fallen mir fast die Finger ab. Die Lektion Demut sitzt, und ich gebe mich mit meiner Kurzdistanz zufrieden. Auch hier will der Pfeil nicht immer so wie ich und wandert durch die fehlende Pfeilauflage mal nach rechts, nach oben oder unten.

Dennoch gelingt es mir, den Pfeil schlussendlich ins Ziel zu zittern - ein Sieg der Konzentration über meinen hektischen Aktionismus. Am Ende meiner Übungseinheit bin ich entspannt und auch ausgepowert, obwohl ich körperlich gar nicht so viel geleistet habe wie sonst. Reine Adrenalinliebhaber sind für diesen Sport sicher schwer zu erwärmen, aber für all jene, die im Sport nicht nur die körperliche, sondern auch geistige Herausforderung suchen, ist er eine tolle Möglichkeit, Kraft, Ausdauer und Konzentration miteinander zu verbinden.