Die Kunst des Kämpfens

Das G-A-Team testet Kung Fu

GA-Volontärin Nathalie Dreschke und Trainer Ronald Fernández üben eine Kampfszene.

GA-Volontärin Nathalie Dreschke und Trainer Ronald Fernández üben eine Kampfszene.

Bonn. GA_Volontärin Nathalie Dreschke testet bei den Schwimm- und Sportfreunden (SSF) Bonn die Sportart Kung Fu. Neben Kraft und Ausdauer ist vor allem Koordination gefragt.

Große blaue Matten bedecken den Hallenboden, die Wände sind teilweise verspiegelt. Auf den Matten hocken junge Frauen und Männer mit angespannten Gesichtern. Für das GA-Team teste ich bei den Schwimm- und Sportfreunden (SSF) Bonn die chinesische Kampfkunst Kung Fu und geselle mich zu den Sportlern. Warum sie derart angespannt aussehen, kann ich bereits nach ziemlich kurzer Zeit nachvollziehen: Bei der Kräftigungs- und Stabilisationsübung hocken sie auf den Zehenspitzen, um dann in zehn Schritten langsam in den Stand zu kommen. "Beim Kung Fu kommt es auf Kraft, Koordination und Kreativität an", sagt Ronald Fernández, Trainer und Meister bei den SSF. Noch bevor es richtig losgeht, zittern meine Oberschenkel.

Im weiteren Verlauf des Aufwärmtrainings versuche ich, mich hinter den anderen Sportlern zu verstecken, damit Fernández meinen hochroten Kopf nicht sieht. Schwierig nur, wenn sich hinter mir der Spiegel befindet. Prompt ruft mich der Meister zu sich nach vorn, um mir die ersten Übungen zu zeigen. Mit Schlägen und Tritten versucht er, mich anzugreifen. Dabei halte ich mit geballten Fäusten schützend die Arme an meinen Kopf. "Immer an die Deckung denken und in Bewegung bleiben", sagt Fernández. Er zeigt mir, wie ich seinen Angriffen ausweichen und sie abwehren kann.

In der Kampfkunst Kung Fu geht es darum, die Kraft des Gegners aufzunehmen und umzuleiten, um sie dann für den eigenen Angriff zu nutzen. Der Kampfsport dient nicht etwa dazu, Aggressionen zu fördern, sondern soll ganz im Gegenteil Körper, Geist und Seele in Einklang bringen. Kung Fu ist der Ursprung aller asiatischen Kampfsportarten und bedeutet übersetzt so viel wie "harte Arbeit".

Verschiedene Gürtelkategorien

Jedes Jahr werden die Kung-Fu-Schüler der SSF geprüft. Bestandteil dieser Tests sind traditionelle Techniken und Formen. An der Farbe des Gürtels ist ersichtlich, wie viele Prüfungen der Schüler bereits abgelegt hat. Nach Bestehen der ersten Prüfung erhält der Athlet den weißen Gürtel mit einem Streifen und darf den traditionellen Anzug tragen - Männer eine weiße Jacke und eine schwarze Hose, Frauen eine rote Jacke und eine schwarze Hose.

Eine Gürtelfarbe ist in drei Kategorien aufgeteilt. Pro Farbe müssen drei Prüfungen abgelegt werden. Um die Anzahl sichtbar zu machen, wird der Gurt mit Streifen versehen. Der erste Gürtel ist der weiße, darauf folgt der gelbe, dann kommen der grüne und der blaue. Der Schwarzgurt ist der höchste zu erreichende Gurt. Wer diese Prüfung besteht, darf im Anschluss einen schwarzen Anzug tragen.

Der zwölfjährige Gregor Hilger trägt den gelben Gürtel mit drei Streifen. Er betreibt die Sportart seit sieben Jahren. "Bei meinem Opa haben wir oft Kung-Fu-Filme geschaut, und dann wollte ich das nachmachen", sagt Gregor. Inzwischen hat auch sein älterer Bruder Stefan seine Begeisterung für die Kampfkunst entdeckt und trainiert bei den SSF. Das Alter spielt ohnehin keine Rolle. "Sechs- bis 60-Jährige trainieren gemeinsam", so die Kung-Fu-Gruppenleiterin Sabine Haller-Schretzmann.

Meditationssitz zur Entspannung

Trotz der großen Altersspanne harmoniert die Gruppe. Die Abfolgen aus Fußtritten, Arm- und Atemtechniken sind synchrone, fließende Bewegungen. Da falle ich auch ohne entsprechenden Anzug auf wie ein bunter Hund. Ich habe nicht nur Probleme, mir die Bewegungsabläufe zu merken, nach jedem Fußtritt habe ich Schwierigkeiten, die Balance zu halten. Je höher Fernández das Boxkissen hält, mit dem die Gruppe Fußtritte übt, desto komplizierter wird es für mich, es überhaupt mit meinem Bein zu treffen. Meine zitternden Oberschenkel und mein schwerer Atem tragen zu meiner Trefferquote nicht viel bei.

"Massagezeit", ruft Fernández. Endlich mal etwas Entspannung, denke ich mir. Der Gedanke schlägt schnell in Verwunderung um, als der Trainer eine Pool-Nudel zur Hand nimmt. "Hände auf den Kopf und Bauch anspannen", sagt er noch, bevor er anfängt, mir mit der Nudel kräftig auf den Bauch und die Oberschenkel zu schlagen. So viel zum Thema Entspannung. Ich darf ihn im Gegenzug auch malträtieren, bekomme aber den Eindruck, dass ihn das nicht im Geringsten interessiert.

Im Anschluss übe ich mit Fernández noch eine Bewegungsabfolge. Ich muss seinen Schlägen ausweichen, mich vor seinen Tritten wegducken und aus seinen Griffen befreien. Nach einer Stunde läuft mir der Schweiß den Rücken herunter, denn ich muss ständig in Bewegung bleiben. Als die Gruppe am Ende der Stunde im Meditationssitz "Zazen" zur Ruhe kommt, keuche ich immer noch. Auf dem Rückweg zu meinem Auto spüre ich bereits die ersten Ansätze des Muskelkaters in Oberschenkel und Waden und freue mich, dass mir in meinem Automatikwagen das Schalten erspart bleibt.