Vom Film auf die Hofgartenwiese: Das G-A-Team testet Jugger

Vom Film auf die Hofgartenwiese : Das G-A-Team testet Jugger

Ausgestattet mit gepolsterten Waffen hat sich Sebastian Meltz zu den Juggern Bonn-Rhein-Sieg auf die Hofgartenwiese gewagt und für das G-A-Team die moderne Sportart Jugger ausprobiert.

Wieder werde ich von der Langpompfe getroffen und in die Knie gezwungen. Meine eigene Waffe, den Q-Tip, muss ich deswegen hinlegen. Der Rasen der Hofgartenweise scheint längst wie durchpflügt, die Luft ist kalt. Neben mir schwingt Til Kuhlemann-Lages eine 3,20 Meter lange Kette in die Beine seiner Gegenspieler. Ein weiterer Mitspieler, der "Läufer", schlägt trickreich Haken, bis er den Spielball erfolgreich im gegnerischen Tor versenkt. Die Spieler klatschen sich ab. Es ist der erste Punkt. Für das G-A-Team bin ich heute bei den „Flying Juggmen“.

Eine Stunde zuvor treffe ich Kuhlemann-Lages und sein Team an der Hofgartenwiese hinter der Universität Bonn. Dort haben die Flying Juggmen, die man an ihren leuchtend hellgrünen Trikots schon von Weitem erkennt, ein 20 mal 40 Meter großes Spielfeld abgesteckt. Ein Arsenal aus gepolsterten Hieb- und Stichwaffen liegt griffbereit am Spielfeldrand.„Jugger ist eine Mischung aus Football und Fechten“, erklärt Kuhlemann-Lages. Zwei Teams treten gegeneinander an und versuchen jeweils, den Spielball – „Jugg“ genannt – im gegnerischen „Mal“, eine Art Nest, zu versenken. Pro Spielzug und Mannschaf dürfen maximal fünf Spieler antreten: ein „Läufer“ und vier „Pompfer“. Nur der Läufer darf den Jugg aufnehmen und ins Ziel bringen. Die Pompfer des gegnerischen Teams versuchen, genau das zu verhindern.

Um ihr Mal zu verteidigen, bedienen sich die Jugger ein paar Hilfsmitteln, den Polsterwaffen. Kuhlemann-Lages bietet mir mit einem vielversprechenden Grinsen die ganze Palette an. Ich darf zwischen „Stab“, „Q-Tip“, „Langpompfe“, „Kurzpompfe und Schild“ sowie der „Kette“ wählen – allerdings mit Bedacht, wie Kuhlemann-Lages mir nahelegt, da sich die Sportgeräte in Reichweite und Handhabung stark voneinander unterscheiden.

Die Sportart basiert auf einem Spielfilm

Der erfahrene Jugger empfiehlt mir für den Anfang den Stab und erklärt mir auch gleich die Wurzeln des Spiels. Jugger ist ursprünglich als fiktive Sportart für den dystopischen Spielfilm „Die Jugger – Kampf der Besten“ (1989) erdacht worden. Vagabunden erkämpfen sich darin ihren Lebensunterhalt mit einer Partie und verlassen das Spielfeld – Gladiatorenwettkämpfen gleich – nicht selten mit Knochenbrüchen und Platzwunden. Der Spielball ist in der Filmwelt ein Hundeschädel. So brutal werde es bei den Flying Juggmen allerdings nicht zugehen, versichert mir Kuhlemann-Lages und trommelt die Mannschaft zusammen. 2012 trafen sich erstmals Bonner Studenten, um gemeinsam Jugger zu spielen – die erste Mannschaft, die „Flying Juggmen“, wurde gegründet. Seit 2016 gibt es den eingetragenen Verein.

Nach einer Aufwärmrunde wird partnerweise trainiert. Ich lerne den korrekten Umgang mit den Sportgeräten. Kopftreffer sind beispielsweise nicht erlaubt. Dann geht es los. Auf dem Spielfeld muss ich mich freilaufen, in direkten Duellen Angriffen ausweichen und gegnerische Attacken kontern. Es ist ein wildes Durcheinander, macht aber richtig Laune. Als ich mich gerade im Getümmel zurechtfinde, stürmt plötzlich eine lautstarke Gruppe von Kindern in hellgrünen Trikots quer über den Hofgarten auf das Spielfeld zu. Die „Little Juggmen“ rufen zum Angriff. Die Jugger haben sich für mein Gastspiel etwas Besonderes ausgedacht und ich ahne, dass meine finale Aufgabe bevorsteht.

„Du hast dich gut geschlagen“, bewertet Kuhlemann-Lages meine Bemühungen wohlwollend. „Doch jetzt musst du dich noch in der Piratenprüfung der Flying Juggmen beweisen“. Die Aufgabe: Mit dem Q-Tip ausgerüstet das „Piratenschiff“ der Little Juggmen entern. Und das sieht so aus: In Trippelschritten flitze ich so agil es nur geht durch eine auf dem Rasen ausgelegte Koordinationsleiter, während ich von beiden Seiten von den Nachwuchspiraten mit Kette und Stab attackiert werde. Jeder Treffer bedeutet für mich, dass ich wieder von vorne beginnen muss. Ich werfe mich auf den Boden, springe wild durch die Maschen. Dann schaffe ich es tatsächlich bis zur anderen Seite. Die Kinder lassen mir mehr als eine faire Chance. Völlig abgekämpft bestehe ich nur deshalb die Aufgabe. Die Begeisterung, mit der die kleinen Jugger ihre Sportart so fantasievoll ausüben, ist ansteckend und eine tolle Erinnerung an mein Gastspiel auf der Hofgartenwiese.

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