Kommentar zum FC Liverpool: Manchmal können Stadien Tore schießen

Kommentar zum FC Liverpool : Manchmal können Stadien Tore schießen

Die Liverpooler Anfield Road ist eines der Stadien, das sich zum sprichwörtlichen zwölften Mann in einer Partie entwickeln kann. Jürgen Klopp passt deshalb perfekt in diese Umgebung, meint unser Autor.

Es sind nur drei Worte, doch sie entfalten in besonderen Nächten ihre psychologische Kraft. „This is Anfield“ steht über dem Spielertunnel, der hinaus aufs Grün führt. Diese subtile Einschüchterung wirkt in Zeiten, in denen europäische Topmannschaften so präzise analysiert sind, als hätten sie in der Röhre eines MRT-Geräts gelegen, wie ein Anachronismus aus frühen Beatles-Jahren.

Im Zusammenspiel mit der Wucht der 55.000 Zuschauer, die in den eng bestuhlten Reihen so eingepfercht sind wie in einem Billigflieger, und getragen von der Magie der Hymne, kann sich an der Anfield Road in Liverpool aber immer noch eine gewaltige Sturmfront entwickeln: Diesem Phänomen sind auch wetterfestere Gegner schutzlos ausgeliefert – selbst eine Mannschaft vom Format des FC Barcelona ging in diesem Grollen unter. Dem zerzaust am Boden liegenden Gegner bleibt nur die nüchterne Erkenntnis: Manchmal können Stadien Tore schießen.

Für diesen Wahnsinn ist der charismatische Jürgen Klopp wie geschaffen. Entertainment-Fußball, wild und leidenschaftlich, das ist seine Welt. Wie ein Autohändler, der einen skeptischen Kunden vom Kauf eines überflüssigen Assistenzsystems überzeugen kann, so ist Klopp in der Lage, so lange auf seine Spieler einzureden, bis auch sie glauben, was er glaubt. Niemals aufgeben, auch nicht in aussichtslosen Situationen – dieses Klopp'sche Fußballmotto überträgt er in unnachahmlich emotionaler Art auf seine Spieler.

Warten auf den ersten Titel

Klopp ist in Liverpool zu einer Institution geworden. Den extrovertierten Deutschen, der an der Seitenlinie auch mal überreagiert, haben sie in der fußballverrückten Stadt ins Herz geschlossen. Klopp und Liverpool – das ist vermutlich die emotionalste Ehe im Profifußball. Seit Dienstagabend macht sie den Eindruck, als sei sie noch aufregender als in den ersten Tagen ihrer Flitterwochen.

Bei seinem Amtsantritt im Oktober 2015 versprach Klopp den „Reds“ einen Titel in den nächsten vier Jahren. Wenn es nicht klappen sollte, werde er sein Glück halt in der Schweiz suchen. Noch ist Klopp ohne Silberware – ein Makel, der an ihm nagt. Gut möglich, dass die enge Liaison zwischen der Arbeiterstadt und ihrem Vorarbeiter aus Deutschland nach dem 1. Juni und dem Finale in Madrid noch spezieller wird. Und den eher bedächtigen Schweizern oder Klopp – wie man's nimmt – eine gemeinsame emotionale Achterbahnfahrt erspart bleibt.

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