Gewalt gegen Schiedsrichter: 2906 Fälle in Saison 2018/19

Übergriffe auf Schiedsrichter : Nimmt die Gewalt gegenüber Schiedsrichtern zu?

Die Statistik verzeichnet für die vergangene Spielzeit 2906 Fälle von Gewalt gegenüber Schiedsrichtern - doch die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Die Betroffenen leiden oft lange an den Folgen. Der Fußballverband Mittelrhein diskutiert über Prävention, betroffene Referees erzählen.

Abpfiff in der U19-Bezirksliga der Frauen. Die Spielgemeinschaft Troisdorf/Meindorf schlägt am vergangenen Samstag die Sportfreunde Uevekoven 5:1. Besondere Vorkommnisse? Keine. Für den 25-jährigen Schiedsrichter André Etzenbach ein angenehmer Arbeitstag. „Es ist alles fair abgelaufen. Aber das ist bei den Damen ja eigentlich immer so“, sagt der Unparteiische. Etzenbach leitet erst seit März dieses Jahres Spiele. Ausgerechnet eins seiner ersten gerät allerdings aus den Fugen.

Im Freundschaftsspiel zwischen dem SC Uckerath III und Grün-Weiß Mühleip gibt Etzenbach zwei Akteuren des SC Gelb-Rote Karten. Daraufhin bedroht ihn ein Spieler des SC, Etzenbach bricht das Spiel ab. Eine richtige, aber folgenschwere Entscheidung. „Nachdem ich das Spiel abgebrochen hatte, wollte ich möglichst schnell vom Platz. Dann wurde ich von hinten am Kragen gepackt und ins Gesicht geschlagen und getreten“, sagt Etzenbach. „Ich wusste erst überhaupt nicht, was ich sagen soll. Bis zu der Situation hatte ich ja gar nicht auf dem Schirm, dass so etwas passieren kann, gerade in Freundschaftsspielen.“

Doch so etwas passiert. Im Halbfinale des südwestfälischen Fußballverband-Pokals wurde am Mittwoch ein Linienrichter niedergeschlagen. In Offenbach ist am vergangenen Wochenende ein Schiedsrichter mit einer Kopfnuss niedergestreckt worden, im südhessischen Münster schlug ein Spieler Ende Oktober einen Unparteiischen K.o. und in Köln machte eine Mannschaft aus Ossendorf Anfang November Jagd auf den Schiedsrichter  – der Vorfall in Uckerath ist also kein Einzelfall. „Das Thema ist unglaublich präsent, gefühlt jede Woche hört man von einem neuen Angriff auf einen Schiedsrichter“, sagt Etzenbach.

Doch stimmt das wirklich? „Für Köln kann ich sagen, dass es nicht wirklich mehr Fälle geworden sind“, sagt Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Lehrwart in Köln und Schiedsrichterbeobachter des DFB. „Es sind aber auch nicht weniger geworden. Und das ist nicht gut“, fügt der gebürtige Bonner an. Laut dem DFB-Lagebild-Amateure gab es in der Spielzeit 2018/2019 2906 Übergriffe auf Schiedsrichter, ein minimaler Anstieg gegenüber der  Vorsaison (2866), bei allerdings deutlich weniger Spielen. „Das sind einfach zu viele. Da mag es auch sein, dass es bei 99,5 Prozent aller Spiele keine Vorfälle gibt. Das nur an diesen relativen Zahlen festzumachen, ist aber aus meiner Sicht problematisch“, betont Feuerherdt. Zumal die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Nur wenn ein Schiedsrichter die Übergriffe auch in den Spielbericht einträgt, fließen sie in der Statistik ein.

„Betroffenen leiden oft noch lange an den Folgen“

Adrian Sigel hat vor vier Jahren seine Psychologie-Masterarbeit zu dem Thema verfasst. Dazu hat er knapp 1000 Schiedsrichter befragt. Etwa zwei Drittel der Befragten gaben an, auf dem Platz schon einmal bedroht, ein Drittel sogar angegriffen worden zu sein. „Die Betroffenen leiden oft noch lange an den Folgen solcher Übergriffe“, sagt Feuerherdt.

„Schiedsrichter, die im Spiel körperliche Gewalt erfahren haben, gehen unterschiedlich damit um“, sagt Marion Sulprizio vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln. „Manche tangiert ein solcher Vorfall weniger, andere extrem stark. Generell ist es wichtig, die Ressourcen des Betroffenen zu stärken, um nicht nur das eine Ereignis zu bewältigen, sondern ihn auch für die Zukunft zu stärken. Dafür gibt es verschiedene Wege, wie zum Beispiel eine psychotherapeutische Behandlung.“

André Etzenbach wurde von Seiten des Fußballverbandes Mittelrhein (FVM) psychologische Unterstützung angeboten. Doch der 25-Jährige entschied sich, auch ohne Hilfe sofort wieder ein Spiel zu leiten. „Es ist natürlich trotzdem gut zu wissen, dass es so etwas gibt. Mir hat es geholfen, mit Freunden und meiner Familie über die Situation zu sprechen“, sagt Etzenbach. Zwei Tage nach den Vorkommnissen stand er schon wieder auf dem Platz. „Wirklich gehemmt oder unsicher habe ich mich nicht gefühlt.“

Andere Schiedsrichter stecken die Übergriffe nicht so leicht weg. So sagt ein ehemaliger Unparteiischer aus dem Rhein-Erft-Kreis, der nicht namentlich genannt werden will: „Die ständigen Beleidigungen waren mir zu viel. Bei einer Aufwandsentschädigung von 35 Euro, fragt man sich schon, warum man sich das alles antut.“ Auch er sei mehrfach bedroht worden.

Video machte die Runde in sozialen Medien

Das Video zu dem Übergriff auf einen Unparteiischen in der Kölner Kreisliga  D machte in den sozialen Medien die Runde. Auch deswegen traten die Kölner Schiedsrichter am vergangenen Wochenende auf den Plätzen der Kreisligisten in den Streik. Abgesagt wurde letztlich aber nur eine Partie. Und das, weil in den Kreisligen die Gastmannschaft den Schiedsrichter stellen darf, wenn kein „offizieller“ Unparteiischer vor Ort ist. Sollte die Mannschaft von der Option keinen Gebrauch machen, darf die Heimmannschaft den Schiri stellen. „Das hat in Köln sehr gut funktioniert und dafür möchte ich den Vereinen auch ein großes Lob aussprechen“, sagt FVM-Präsident Bernd Neuendorf. „Wir haben den Streik als Hilferuf verstanden. Auch wenn es sich um einen Hilferuf gehandelt hat, hätte es den Streik nicht bedurft. Es ist ja nicht so, dass wir in der Vergangenheit oder aktuell die Hände in den Schoß legen und zuschauen.“

So hat der Verband schon vor den Vorfällen intensiv über weitere Maßnahmen zum Thema Gewaltprävention diskutiert. Dem Präsidenten ist es wichtig, ins Gespräch zu kommen. „Ich werde mich mit Schiedsrichtern, Kreisvertretern, aber auch den Vereinen zusammensetzen, um gemeinsam Lösungen gegen die Gewalt im Fußball zu erarbeiten. Wir wollen dort an die Basis gehen und uns aktiv anhören, wo Nachholbedarf besteht.“

Lange Strafen für Täter gefordert

Experten wie Feuerherdt fordern unter anderem lange Strafen für die Täter. Nicht zwingend lebenslang, „denn ich finde, jeder hat eine zweite Chance verdient“, sagt er. Doch das Strafmaß soll schon eine abschreckende Wirkung haben. Einer der Täter in Mühleip wurde für zwei Jahre und sechs Monate vom Kreissportgericht Sieg gesperrt. Der Verein zog ebenfalls Konsequenzen. „Der Vorstand hat beschlossen, die Mitgliedschaft des verantwortlichen Spielers, der erst seit kurzer Zeit für den SCU aktiv ist, aufzulösen und ein lebenslanges Platzverbot auszusprechen. Des Weiteren zieht der SC Uckerath seine dritte Senioren-Fußballmannschaft mit sofortiger Wirkung vom Spielbetrieb zurück.“ Zudem entschuldigte sich der Verein bei Spielern und Fans aus Mühleip sowie beim Schiedsrichter.

Ganz vergessen kann Etzenbach den Vorfall dann doch nicht. Als er vor wenigen Wochen in einem Ligaspiel einen Torhüter aufgrund einer Notbremse vom Platz stellte, kam es erneut zur Rudelbildung. „Ich war kurz davor, das Spiel abzubrechen, habe dann aber die Kapitäne beider Mannschaften zu mir geholt, die wiederum ihren Mitspielern ausgerichtet haben, dass das Spiel kurz vor dem Abbruch steht. Das war deeskalierend und im Nachhinein genau die richtige Entscheidung“, sagt er.  „Trotzdem war es eine brenzlige Situation, die mich wieder an das Spiel von Uckerath III und Mühleip erinnert hat. Bei solchen Spielen verliert man schon die Lust am Schiedsrichter-Dasein.  Aber solche Spiele sind zum Glück nicht die Regel und dann macht mir der Job immer noch viel Spaß.“

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