8:0-Sieg in Mainz: DFB-Elf feiert Kantersieg gegen Estland

8:0-Sieg in Mainz : DFB-Elf feiert Kantersieg gegen Estland

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat sich mit einem deutlichen Sieg in die Sommerpause verabschiedet. Im EM-Qualifikationsspiel gegen Estland gab es am Dienstagabend in Mainz einen 8:0-Sieg.

Man wüsste ja schon gerne, was Joachim Löw am Dienstagabend so getrieben hat. Eines aber ist nahezu ausgeschlossen: dass es sich der Bundestrainer in irgendeiner Loge – hinter einer Glasscheibe – gemütlich gemacht hat in der Mainzer Arena. Und sich dann wie beim EM-Viertelfinale 2008 gegen Portugal in Basel, als er gesperrt war, eine Zigarette ansteckte. Löw hatte nach seinem Sportunfall (Arterienquetschung) ja zuletzt Schonung auferlegt bekommen. Er verpasste somit zum dritten Mal in seiner fast dreizehnjährigen Karriere als Cheftrainer der Nationalmannschaft ein Spiel seiner Elf.

So hatte Marcus Sorg zuletzt schon als Aushilfs-Coach den Sieg in Weißrussland (2:0) moderiert, und so durfte Löw auch diesmal zufrieden auf seine Mannschaft blicken. Das DFB-Team schickte den bedauernswerten Außenseiter Estland mit einer 0:8 (0:5)-Packung nach Hause. Mit nun drei Siegen in drei Partien der EM-Qualifikation können Löw und seine Mannschaft nun sehr beruhigt ins neue Länderspieljahr gehen. Der sehr gelungene Auftritt gegen einen allerdings schwachen Gegner zeigte erneut, dass der eingeleitete Erneuerungsprozess zügig voranschreitet.

Vor dem Anstoß gab es eine Gedenkminute für den verstorbenen früheren Uefa-Präsidenten Lennart Johansson. Dann aber war es vorbei mit der Ruhe – zumindest für die Gäste. Die Deutschen, ausgestattet mit dem Auftrag, ihre Chancen effektiver zu nutzen als noch in Weißrussland, schlugen gleich ein hohes Tempo an. Eine Mauer des Widerstands hatte die DFB-Elf erwartet, die es „zu durchbrechen“ galt, wie Gündogan tags zuvor vermutet hatte. Genauer gesagt: Es war nicht nur eine Mauer, sondern eine Fünfer- und eine Viererkette, mit der die Gäste um den früheren Augsburger Ragnar Klavan ihr Terrain verteidigen wollten. Der einzige Stürmer, Sergei Zenjov, war wohl der einsamste Mann an diesem milden Sommerabend in Mainz. Er wirkte vorn wie ein Ertrinkender, der zwischen den deutschen Leuchttürmen in der Abwehr vergeblich mit den Armen um Aufmerksamkeit ruderte.

81 Prozent Ballbesitz nach 45 Minuten

Auf der anderen Seite kamen die Deutschen, um im Bild zu bleiben, daher wie Schnellbote in ruhiger See. Von einem Durchbrechen einer Mauer konnte dann auch keine Rede sein. Sie versuchten, nein, sie schafften es mit spielerischen Mitteln, die Esten wie eine Schülermannschaft aussehen zu lassen. Nach 45 Minuten kam die DFB-Elf auf 81 Prozent Ballbesitz und 15:2 Torschüsse. Fünf davon fanden vor dem Wechsel ihr Ziel.

Als Einfädler vieler Angriffe tat sich Ilkay Gündogan hervor, dessen Pass Thilo Kehrer auf der rechten Seite direkt nach innen brachte – Marco Reus traf locker mit links unter die Latte (10.). Und so ging es weiter. Ausgangspunkt zum 2:0 war erneut Gündogan, dessen genialen Chip Sané quer legte auf Gnabry, der nur den Fuß hinzuhalten brauchte (17.).

Langsam drängte sich der Eindruck auf, das Trainingsspiel zweier deutscher Teams vor wenigen Tagen in Aachen war deutlich intensiver als diese Partie. Eine zärtliche Flanke von Joshua Kimmich veredelte Leon Goretzka mit dem Kopf (20.), ehe Gündogan einen Foulefmeter – Goretzka war gehalten worden – souverän verwandelte (26.). Mit seinem zweiten Treffer demonstrierte Reus dann erneut, in welch prächtiger Form er sich gerade befindet. Einen Freistoß aus rund 23 Metern malte der Dortmunder wie ein Künstler in den Mainzer Abendhimmel. Das 5:0 (36.) hatte einen Schönheitspreis verdient.

Die Umstellungen, die Sorg in Absprache mit Löw gegenüber der Weißrussland-Partie vorgenommen hatte, waren übersichtlich. Kehrer rutschte für den Leverkusener Jonathan Tah ebenso in die Startelf wie der Münchner Goretzka für den Leipziger Lukas Klostermann. Links kam erneut der künftige Dortmunder Nico Schulz zum Zug, der nach dem Wechsel Platz machen musste für Marcel Halstenberg. Der Kölner Jonas Hector blieb erneut über 90 Minuten auf der Bank.

Keine Gefahr für Manuel Neuer

Am Spielverlauf änderte sich nichts. Deutschland hatte weiter die absolute Feldhoheit. Der Ballbesitzdauermodus wurde aber hin und wieder unterbrochen, weil sich leichte Fehler einschlichen, die den Esten Räume öffneten. Alleine: Wirklich gefährlich wurde es nicht für DFB-Schlussmann Manuel Neuer.

In der Abwehr jedoch machte Estland, der Staat aus dem Baltikum mit seinen 1500 Inseln, die Wasserwege nun etwas dichter. Erst Gnabry mit seinem zweiten Treffer fand nach einer guten Stunde Durchschlupf – das halbe Dutzend war voll.

Joachim Löw konnte sich daheim in Freiburg schon längst gemütlich zurücklehnen – seine Mannschaft machte weiter Druck, ohne allerdings an die Effektivität der ersten Hälfte anknüpfen zu können. Die längst entschiedene Begegnung verlor etwas an Unterhaltungswert. Doch die 30.000 Fans in der ausverkauften Mainzer Arena hielten die Stimmung hoch. Zumal als Timo Werner mit dem 7:0 nachlegte (79.) und Sané mit einem Zaubertor den Schlusspunkt setzte (88.).

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