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Moderner Fußball: Der Fan-Faktor

Moderner Fußball : Der Fan-Faktor

Sich vom Profifußball abzuwenden, weil bestimmte Entwicklungen stören, ist keine Lösung, meint GA-Redakteur Christoph Meurer. Er plädiert für eine differenzierte Sicht auf das Geschäft.

Frischgemähter Rasen riecht wunderbar. Der Duft weckt Erinnerungen an warme Sommertage oder an die unbeschwerte Kindheit, als man draußen spielte, bis Mutter zum Abendessen rief. Die Rasenflächen in Bundesligastadien werden mit viel Hingabe gemäht. Vergessen ist die Zeit, als so manches Stadiongrün einem Acker glich. Früher hat der Fan auf der Tribüne genauso wenig den Rasen gerochen wie heute.

In der vergangenen Woche hatte GA-Redakteur Moritz Rosenkranz an dieser Stelle einen Abgesang auf den Profifußball angestimmt. Es rieche nicht mehr nach Rasen, meinte er. Früher sei zwar nicht alles besser gewesen, aber vieles: Stadien hätten authentische Namen und Charakterere gehabt, Spieler seien echte Typen gewesen, der Fan habe ohne elektronische Karte seine Stadionwurst bezahlen können. Der heutige Fußballbetrieb sei durch und durch kommerziell. Letztlich gehe es nur noch ums Geld. Das mag einerseits richtig sein, greift andererseits aber zu kurz.

Denn: Fußballfans können eigentlich nicht zufriedengestellt werden. Der Autor dieser Zeilen bildet da keine Ausnahme. Der eigene Verein soll so erfolgreich wie Bayern München sein, zugleich aber den Underdog-Charme von Darmstadt 98 haben. Das funktioniert aber nur selten.

1998: Der 1. FC Kaiserslautern wird als Aufsteiger deutscher Meister. 2004: Griechenland gewinnt die Europameisterschaft. 2016: In England gewinnt Leicester City als krasser Außenseiter die Liga. Es sind solche Fußballmärchen, die diesen Profisport so wunderbar machen. Es sind aber auch Ausnahmen, die die Regeln bestätigen, etwa die, dass Weltklassespieler ihren Preis haben.

Fußball ist seit vielen Jahren eine Frage des schnöden Mammons – und das nicht erst, seit 1976 der erste Millionentransfer der Bundesliga erfolgte. Damals wechselte der Belgier Roger von Gool für eine Million Mark zum 1. FC Köln. Ein Jahr zuvor wurde in Köln das neue Müngersdorfer Stadion eingeweiht. Der BVB spielte damals im 1974 gebauten Westfalenstadion, der Hamburger SV im Volksparkstadion, das später AOL Arena (2001 bis 2007), HSH Nordbank Arena (2007 bis 2010) und Imtech Arena (2010 bis 2015) hieß. Beliebigkeit statt Markenbildung.

Dass das Hamburger Stadion zur Freude vieler Fans nun wieder wie ursprünglich heißt, liegt daran, dass sich Investor Klaus-Michael Kühne nicht nur mit 18,75 Millionen Euro an der HSV Fußball AG beteiligt hat, sondern auch die Namensrechte am Stadion erwarb. Retro-Charme für viel Geld. Allerdings erhält der HSV dadurch nicht gerade geringe Summen. Wenn das den Unterschied macht, um einen Torjäger oder einen beinharten Verteidiger verpflichten zu können, dürfte sich das Lamento der Fans in Grenzen halten.

Für Rosenkranz sind die neuen, umgebauten Arenen seelenlos und steril. Nun hauchen aber erst Fans einem Stadion Leben ein. Und um die Fankultur steht es in Deutschland heute besser denn je. Ultra-Gruppen tragen leidenschaftliche Gesänge vor und präsentieren kreative Choreographien. Auch protestieren sie selbstbewusst gegen Rechtsextremismus, Montagsspiele oder die Erhöhung von Ticketpreisen. Wahrscheinlich lassen sich bestimmte Entwicklungen nicht aufhalten. Wenn die eigene Mannschaft aber donnerstags in der Europa League spielt, wird das Verständnis sicherlich groß sein, dass das nächste Ligaspiel erst sonntags oder gar montags ist.

Ob sich die hohen Zuschauerzahlen allerdings halten lassen, wenn bald montags gespielt wird, ist in der Tat fraglich. Noch allerdings hält der Boom an. Nach Angaben des Magazins Kicker waren in der abgelaufenen Saison von 306 Bundesligaspielen 130 ausverkauft. Insgesamt besuchten gut 13 Millionen Menschen die Spiele. 1982/83 waren von 306 Spielen neun Partien ausverkauft und die Liga konnte insgesamt 6,1 Millionen Zuschauer verzeichnen.

Apropos 80er Jahre: Im Magazin 11Freunde schrieb der Journalist Christoph Biermann vor einigen Jahren über die Bundesliga der 70er und 80er Jahre: „In den Stadien gab es mehr Toiletten, die aber meist weitgehend zerstört waren, weshalb sich einige Fans keine Mühe mehr machten auszutreten, sondern die vor ihnen Stehenden aufforderten, zur Seite zu gehen und sich in aller Öffentlichkeit erleichterten.“ Auch erinnerte er an den 16-jährigen Werder-Bremen-Fan Adrian Maleika, der 1982 nach einer Attacke von Hooligans an einer Kopfverletzung starb. Noch bei der WM 1998 in Frankreich wurde der Polizist Daniel Nivel von deutschen Hooligans lebensgefährlich verletzt.

Sicher: Noch immer gibt es zu viel Gewalt unter Fußballfans. Dass es aber heute in Bundesligastadien Familienblocks gibt, erhöht vielleicht nicht die Lautstärke der Fangesänge, ist aber Zeichen eines positiven Wandels.

Profifußball war schon immer ein Geschäft und ist es heutzutage mehr denn je. Allerdings wird niemand gezwungen, für ein frisch auf den Markt gekommenes Trikot Schlange zu stehen und dafür mehrere Stundenlöhne hinzublättern. Und es sind sicher nicht nur Schönwetterfans, die dafür sorgen, dass etwa ein BVB-Spiel 30 Minuten nach Vorkaufsbeginn ausverkauft ist.

Gestern wie heute ist der Fußball auch ein Versprechen. Nämlich, dass Paradiesvögel wie Pierre-Emerick Aubameyang, kernige Arbeiter wie Lars Bender oder Reizfiguren wie Arjen Robben alles geben. Dann jubeln die Fans. Ansonsten pfeifen sie. Die Fans sind ein notwendiges Korrektiv für den Fußball. Nicht alles, was heute dort passiert, ist schön, wünschenswert, sinnvoll und notwendig. Wenn Rosenkranz sich und andere „Fußballromantiker“ abwandern sieht, kann das ein Protestzeichen sein. Ob sich durch Abwenden etwas ändert?

Zudem kritisierte mein Kollege die Fifa-Korruption und Turniere in Unrechtsstaaten. Hier sei nur an die WM 1978 in Argentinien erinnert. Damals herrschte dort eine Militärdiktatur. Dass heute Dinge wie Korruption und die Vergabe von Turnieren offen und kritisch diskutiert werden, ist ein Fortschritt. Diskutieren und protestieren ist besser als sich abzuwenden.

Vor dem Stadion von Celtic Glasgow steht eine Statue von John „Jock“ Stein. Als Celtic-Trainer gewann er in den 60er und 70er Jahren neun Meistertitel in Folge. Am Sockel der Statue ist ein Zitat Steins angebracht: „Football is nothing without fans“ („Ohne die Fans ist der Fußball nichts“). Das ist gleichsam eine Mahnung für die Vereine und ein Ansporn für die Fans.