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Serie „Groundhopping am Rhing“: Birker Dorfkicker wurden plötzlich zu Fernsehstars

Serie „Groundhopping am Rhing“ : Birker Dorfkicker wurden plötzlich zu Fernsehstars

Die Birker Sportanlage rückte im Oktober 2008 dank einer TV-Liveübertragung bundesweit in den Mittelpunkt des Interesses. Ein Rückblick.

Es schneit unaufhörlich an diesem Dezembersamstag in den 1980er Jahren. Nachholspiele hat der Fußball-Verband Mittelrhein (FVM) für diesen Tag kurz vor Weihnachten angesetzt – alle sind sie schon längst gecancelt. Mit einer Ausnahme: Ausgerechnet am Hasenberg auf den Birker Höhen soll gespielt werden. Ausgerechnet da, wo es ohnehin schon immer ein paar Grad kälter als im Flachland ist. Ausgerechnet da, wo der alte Aschenplatz im freien Feld liegt und wo der Wind fast ungehindert pfeift. Ausgerechnet da, wo schon als weiße Pracht niedergeht, was in Siegburg und Umgebung noch als Regen herunterkommt.

Wer es mit seinem Auto überhaupt den Berg herauf geschafft und sich über die eisglatten Straßen gekämpft hat, traut seinen Augen nicht, als er den Platz sieht. Geschätzte 20 Zentimeter hoch ist der Schnee, mindestens, von Linien ist rein gar nichts mehr zu sehen, Hütchen müssen her, um Strafräume, Tor- und Seitenaus wenigstens notdürftig zu markieren, der Ball rollt nicht mehr, Fußball mutet an wie ein Tipp-Kick-Spiel: unter die Kugel treten, hoch in die Luft schießen. Irgendwo kommt der Ball wieder herunter, formt ein Loch in der Schneedecke und bleibt liegen.

Es ist wohl eine der denkwürdigsten Fußball-Begegnungen an der Sieg, womöglich am ganzen Mittelrhein, die da an jenem Samstag in der Bezirksliga zwischen dem TuS Birk und der Zweitvertretung des Siegburger SV 04 über die Bühne geht und die mit einem 4:2-Sieg der Gäste endet. Denn der inzwischen verstorbene Bonner Schiedsrichter Andreas-Helmut Kiesl, immerhin späterer Oberliga-Referee, pfeift trotz der irregulären Bedingungen tatsächlich an und zieht die gesamten 90 Minuten durch. Viel frische Luft, dank des Tiefschnees kein Verletzungsrisiko: Der Unparteiische lässt die Akteure durch die weiße Pracht stapfen und die wenigen Zuschauer frieren.

Doch nicht nur die Geschichte vom „Schneespiel“ kann die Sportanlage „Zum Hasenberg“ erzählen. Am 26. Oktober 2008 rückt sie – mittlerweile in schmuckem Kunstrasen-Gewand und auf der „Gegengeraden“ mit einer kleinen überdachten Tribüne ausgestattet – einmal mehr in den Mittelpunkt des Interesses, und das sogar bundesweit. Denn was alle zunächst für einen verspäteten Aprilscherz gehalten haben, wird an diesem Sonntag Realität: Das Deutsche Sportfernsehen (DSF), heute Sport1, überträgt die Kreisliga-A-Partie zwischen dem TuS Birk und dem Erzrivalen FSV Neunkirchen-Seelscheid live und in voller Länge. Verantwortlicher Redakteur ist Olaf Schröder, heute Vorsitzender der Geschäftsführung, der kurioserweise in seiner aktiven Zeit für den TuS Birk kickte. „Aber keiner soll denken, der TuS bekäme deswegen ein Live-Spiel geschenkt“, stellt er seinerzeit klar. Vielmehr habe der TuS bei seiner Bewerbung das mit Abstand beste Konzept vorgelegt.

Sieben Kameras sind im Einsatz, der Sender betreibt den gleichen Aufwand wie bei einem Bundesliga-Match, mit Mario Basler als Experten und Markus Höhner, der heute immer noch bei den Spielen der Europa League zu hören ist, als Kommentator. Mit der Kölner Gruppe Brings im Vorprogramm. Mit Comedian und TV-Moderator Guido Cantz als „Stadionsprecher“. Mit dem früheren Kölner Fifa-Schiedsrichter und späteren FVM-Vizepräsidenten Jürgen Aust als Unparteiischem. Und mit zwei Prominenten, die als Trainer der beiden Teams aushelfen: dem legendären Bayern-Meistermacher Udo Lattek anstelle von Rüdiger Scheel beim TuS Birk, dem „weißen Brasilianer“ Ansgar Brinkmann statt Kinan Moukhmalji aufseiten des FSV.

Knapp 3000 Zuschauer sorgen für eine stattliche Kulisse und die größte Besucherzahl, die ein Kreisliga-Kick an der Sieg je gesehen hat. Die Ortschaften Birk, Neunkirchen und Seelscheid sind zur ungewöhnlichen Anstoßzeit am Sonntag um 14 Uhr praktisch ausgestorben. Sonderbusse sind im Einsatz, um die Fans zum Sportplatz und wieder nach Hause zu bringen. Die FSV-Kicker kommen mit den ungewohnten Verhältnissen spürbar besser zurecht, werden von den Fernsehkameras und vom ohrenbetäubenden Lärm auf den Rängen beflügelt und setzen sich am Ende mit 3:1 durch.

Längst ist dieses Ereignis Geschichte, wenngleich es wohl keiner, der damals dabei war, vergessen wird. Längst hat der fußballerische Alltag wieder Einzug am Hasenberg gehalten. Längst kicken die Blau-Weißen in der A-Klasse wieder Sonntag für Sonntag vor ihren wenigen Stammzuschauern. Die Sportanlage indes kann sich wahrlich sehen lassen: Neben dem Hauptplatz finden sich mittlerweile noch ein Kunstrasen-Kleinspielfeld und eine Beachvolleyball-Fläche auf dem Areal.