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1. FC Köln: Was FC-Fans über Elvis Rexhbecaj wissen müssen

1. FC Köln : Was FC-Fans über Elvis Rexhbecaj wissen müssen

Seit einigen Wochen gehört Elvis Rexhbecaj zum Kader des 1. FC Köln. Der ist 22 Jahre alte Mittelfeldspieler kam einst als Flüchtling aus dem Kosovo nach Deutschland. GA-Mitarbeiter Martin Sauerborn erzählt seine Geschichte.

Elvis Rexhbecaj kann sich an nichts erinnern. Was passiert ist, kennt er nur aus Erzählungen. Elvis ist knapp zwei Jahre alt, als seine Eltern eine Entscheidung treffen, die ins Ungewisse führt. Aus dem kleinen Bergdorf Gjonaj im Südwesten der jugoslawischen Provinz Kosovo traten die Rexhbecajs 1999 die Flucht an. Zu Fuß, mit Elvis und seinem dreijährigen Bruder Blendard. Seine Mutter ist mit der älteren seiner beiden Schwestern schwanger. Das Ziel heißt Deutschland. In Berlin lebt eine Schwester der Mutter, die schon vor den Wirren des Kosovo-Konflikts (1998 bis 1999) zwischen Serben und der UCK geflüchtet ist. „Sie hat uns erzählt, wie schön es ist und, dass wir kommen sollen“, berichtet Elvis.

Über die genaue Route in Richtung Bulgarien weiß der 22-Jährige nichts mehr. Nur, dass sie länger als eine Woche unterwegs waren, die meiste Zeit zu Fuß und er auf den Armen seines Vaters. „Ich bin ihm nicht von der Seite gewichen. Er hat mich auf Händen nach Deutschland getragen.“ Einmal tauchen Soldaten im Wald auf. Die Rexhbecajs verstecken sich, weil sie nicht wissen, ob es sich um Freund oder Feind handelt: „Wir hatten Glück. Sie haben uns geholfen, über die Grenze zu kommen.“

In Brandenburg findet Vater Rexh Rexhbecaj Arbeit in einer Großbäckerei. Die sechsköpfige Familie hat nicht viel, ist aber in Sicherheit und zufrieden. „Meine Eltern haben viel auf sich genommen. Uns hat es an nichts gefehlt“, berichtet Elvis von einer „glücklichen Kindheit“. Er geht mit seinem Bruder zum Kicken. „Roter Gummi hieß unser Platz, das war so ein Käfig“, erinnert sich Elvis. Einmal leistet sich sein Vater einen Fußball und schenkt ihn seinen Jungs. „Der Ball ist am ersten Tag im Käfig kaputt gegangen, als er oben auf die Spitze des Zaunes gelandet ist“, erzählt Elvis.

Talent beim Brandenburger SC Süd entfaltet

Beim Brandenburger SC Süd entfaltet er dann sein Talent, Bruder „Blendi“ an seiner Seite: „Ich war beim älteren Jahrgang. Er hat von hinten immer nur mir den Ball zugespielt.“ Elvis Rexhbecaj ist ein Familienmensch. Sowohl sein Vater als auch seine Mutter haben sechs Geschwister. „Wenn es bei uns Hochzeiten gibt, ist es total überfüllt und sehr schön“, freut sich Elvis auf jedes Treffen mit dem Clan.

Als er mit dem BSC Süd-D-Jugend überraschend NOFV-Hallenmeister wird, buhlen der Hamburger SV und der VfL Wolfsburg um ihn. Die Familie entscheidet sich für den VfL. Zum einen, weil Jugendchef Jens Todt sich unglaublich um Elvis bemüht. Zum anderen, weil die Bedingungen stimmen. Denn eines war klar: Wenn Elvis nach Wolfsburg geht, dann kommen Eltern und Geschwister mit. „Die Familie geht über alles. Wohnung und Schule waren klar, der Trainingsplatz lag um die Ecke und es gab einen Job für meinen Papa“, erzählt Elvis. Sein bescheidener Vater wollte nur an der frischen Luft sein und das Training seines Sohnes sehen können. Seitdem arbeitet er als Platzwart am Elsterweg.

Elvis genießt ab der D-Jugend eine Topausbildung in Wolfsburg, fliegt aber später etwas unter dem Radar. „Ich bin spät gewachsen und musste mir im Training alles hart erarbeiten.“ Er legt zu und wird eher zufällig vom damaligen Trainer Andries Jonker zu den Profis geholt: „Sie brauchten ein paar Jungs und wir haben es gut gemacht“, erinnert er sich.

Erstes Bundesligator fiel im Jahr 2018

Im Januar 2018 ist es soweit. Unter Coach Martin Schmitt debütiert er beim Bundesliga-Spiel bei Hannover 96. „Es war ein Kellerduell. Als es in der 84. Minute nur 1:0 für uns steht und von der Bank die Nummer 37 hochgehalten wurde, dachte ich, es ist ein Spaß. Die zehn Minuten auf dem Platz sind mir ewig vorgekommen.“

Sein erstes Bundesliga-Tor erzielt Elvis ein Jahr später beim 1:2 auf Schalke. Überhaupt läuft die Saison 2018/19 super für ihn. Unter Bruno Labbadia kommt er auf 24 Bundesliga-Einsätze. Unter Labbadias Nachfolger Oliver Glasner spielt er in dieser Saison aber überhaupt keine Rolle und wechselt deshalb im Januar zum FC, mit dem er am Samstag gleich auf den VfL trifft. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen und bin im Reinen mit mir. Bei jedem Trainerwechsel gibt es Gewinner und Verlierer.“

Wenn er über den FC spricht hat ein „Grinsen im Gesicht“, so wohl fühlt er sich schon. Aktuell sucht er eine Wohnung und vielleicht kommt dann bald auch sein Bruder nach Köln. „Wir teilen seit neun Jahren das Zimmer“, erklärt Elvis die Verbundenheit und seine Abneigung dagegen, ohne seine Familie zu sein. Seit er in Köln ist, telefoniert er jeden Abend mit seinen Eltern über Facetime.

Eine Verbundenheit, die er auch zu seiner Heimat spürt, obwohl er schon als Zweijähriger flüchtete. „Das Haus von meinem Papa steht noch. Ich fahre seit drei Jahren jeden Sommer hin“, berichtet Elvis. Seine Tante, die Dorf-Polizistin von Gjonaj holt ihn immer am Flughafen ab: „Bei der Fahrt wird mir jedes Mal warm ums Herz, so groß ist das Heimatgefühl.“