1. Sport
  2. Bonner SC

Interview mit dem BSC-Vorsitzenden: „In Bonn sehnt man sich nach Erfolg“

Interview mit dem BSC-Vorsitzenden : „In Bonn sehnt man sich nach Erfolg“

Der Abstieg aus der 4. Liga ist nur knapp und mit viel Glück vermieden worden. Der Vorsitzende Dirk Mazurkiewicz will den Bonner SC daher zukünftig professioneller aufstellen, um dann irgendwann die 3. Liga anzupeilen.

Wenige Tage nach dem nervenaufreibenden Saisonfinale für den Bonner SC kann Dirk Mazurkiewicz schon wieder lachen. In letzter Sekunde und nur dank der Schützenhilfe der SG Wattenscheid, die den BSC-Konkurrenten SV Straelen 3:0 besiegte, haben die Bonner trotz ihrer eigenen 2:3-Niederlage gegen den 1. FC Kaan-Marienborn die Klasse gehalten und dürfen auch in der kommenden Spielzeit in der Fußball-Regionalliga antreten. Entspannung bedeutet das für Mazurkiewicz indes nicht. Denn nun beginnt die Arbeit für den Vorsitzenden der Bonner Löwen. Etat aufstellen, Trainer verpflichten, eine Mannschaft aufbauen. Simon Bartsch und Tobias Schild sprachen mit dem Professor für Sportmanagement über die kommende Saison und seine Pläne für den BSC.

Herr Mazurkiewicz, der Bonner SC hat den Klassenerhalt trotz Niederlage geschafft, musste bis zum Schluss zittern. Haben Sie sich vom vergangenen Wochenende schon erholt?

Dirk Mazurkiewicz: Ja, klar. Das ist abgehakt. Nach der Saison ist schließlich vor der Saison. Jetzt steht die arbeitsreiche Zeit an. In den kommenden sechs Wochen geht es richtig zur Sache. Wir müssen abwägen, wie viel Geld haben wir und welche Spieler können wir dafür bekommen.

Wie sehr hat Sie das lange Zittern und die ungewisse Situation, in welcher Liga der BSC an den Start geht, zurückgeworfen?

Mazurkiewicz: Sicherlich ist das erst einmal ein kleiner Wettbewerbsnachteil, um zum Beispiel die Verhandlung mit dem Trainer abzuschließen. Das hat Priorität, weil wir der Meinung sind, dass ein Trainer seine Mannschaft mitgestalten muss. Danach muss es für uns einfach ein wenig schneller gehen. Grundsätzlich greifen wir aber ohnehin häufig erst spät zu. Denn am Anfang rufen die guten Spieler Traumsummen auf, die wir nicht mitgehen. Später wird es preiswerter.

Wie ist denn der Stand der Dinge in Sachen Trainer?

Mazurkiewicz: Wir sind da in menschlich tollen Gesprächen mit Markus Zschiesche. Wir würden gerne weiter mit ihm zusammenarbeiten. Aber wir verstehen es natürlich, wenn ein Trainer sagt, 'ich muss von dem Job leben können‘. Auf der anderen Seite müssen wir im Vorstand überlegen, ob das Geld ausreicht. Was nützt es uns, den Trainer zu halten, wenn das Geld dann an anderer Stelle fehlt.

Geld war beim BSC schon immer ein Thema. Wie steht es denn finanziell um den Club?

Mazurkiewicz: Wir arbeiten daran, wieder einen Gesamtetat von rund einer Million Euro aufzustellen. Wohl gemerkt für den kompletten Club, nicht nur für die Spielergehälter. Klar ist, wir machen keine Schulden. Damit würden wir viel kaputtmachen, was wir uns aufgebaut haben. Das ist ein so sensibles Thema in Bonn. Es ist unheimlich wichtig, dass wir nach außen Zuverlässigkeit beweisen, und dass wir das zahlen können, was wir zusagen.

Hat sich das öffentliche Bild des BSC diesbezüglich gewandelt?

Mazurkiewicz: Sowohl bei Spielern als auch bei Beratern und Trainern gilt der Bonner SC als sehr, sehr gute Adresse. Weil sich hier über Jahre Talente entwickeln konnten. Es ist überall bekannt, dass wir extrem verlässlich sind. Zusagen werden bei uns eingehalten. Es gibt andere Vereine, bei denen die Spieler am Ende um ihr Geld kämpfen müssen. Das gibt es beim BSC nicht.

Die Ergebnisse haben in der abgelaufenen Saison häufig nicht gestimmt. Dennoch wurde die Mannschaft oft für ihre Spielweise gelobt. Macht das Hoffnung, dass es sportlich einmal in eine andere Richtung gehen kann?

Mazurkiewicz: In eine ganz andere Richtung schauen wir erst einmal nicht. Ich glaube nicht, dass wir ganz oben angreifen werden. Aber ich denke, dass wir die Bonner nächstes Jahr mit einem mutigen Fußball ein wenig begeistern können. In Bonn sehnt man sich nach einem dauerhaften Erfolg. Der Bonner SC scheint ein Verein zu sein, der dort nicht hingehört, wo er jetzt ist. Zumindest in Nordrhein-Westfalen sollte der BSC oben mitspielen. Dem stellen wir uns natürlich. Ich glaube, wir werden nächste Saison eine Mannschaft stellen, die gegen jeden Gegner mitspielen kann. Die Fans würden es würdigen, wenn wir mutiger und attraktiver spielen, selbst wenn es auch mal danebengeht. Das wünsche ich mir für die Zukunft: mutiger spielen, auch gegen die Großen.

Wenn der Anspruch des Bonners höher ist, heißt das aber auch, dass er sich wünscht, irgendwann einmal in der 3. Liga zu spielen. Was für eine Zeitspanne ist da realistisch?

Mazurkiewicz: Ich verstehe ja, dass man das gerne in Zeit messen würde. Aber wir haben gezeigt, dass wir einen Plan haben. Wir wollen sukzessive in den nächsten ein bis zwei Jahren auf eine professionelle Mannschaft umsatteln. In der Liga treffen zwölf Profimannschaften auf sechs Amateurteams. Und von diesen sechs Amateurmannschaften steigen in der Regel vier ab. Also müssen wir eine Mannschaft aufbauen, die sich auf den Fußball konzentrieren kann. Und die kann dann irgendwann nach oben schauen. Mal sehen, wann wir reif sind, ganz oben anzugreifen.

Gibt es beim BSC schon jetzt Profispieler?

Mazurkiewicz: Wir haben drei Typen im Team: die Studenten, die etwas mehr Zeit haben. Dann die Berufstätigen, die es so gerade pünktlich zum Training schaffen. Aber wir haben auch schon Spieler gehabt, die hoffen, noch in den professionellen Fußball einsteigen zu können. Die sind flexibel, können zeitweise auch tagsüber trainieren. Ich denke, dass wir kommende Saison einige Spieler haben werden, die in bestimmten Phasen auch zweimal am Tag trainieren können. Etwa Standards und andere Sachen, die erfahrene Truppen draufhaben. Die großen Clubs sind in den Standards flexibler und unberechenbarer, die haben da mehr Varianten drauf. Darin sieht man, was einem eine Profimannschaft bringt. Mach daraus nur sechs, sieben Tore in einer Saison und schon stehst du viel besser da.

Sie sprechen immer wieder davon, dass der ganze Club professioneller aufgestellt werden müsse. Wie weit ist die Professionalisierung des Clubs bereits vorangeschritten?

Mazurkiewicz: Wir wollen alle Bereiche mitwachsen lassen. Wir haben im Jugendbereich zwar keine hauptberuflichen Mitarbeiter, aber wir haben auch da schon eine Struktur aufgebaut, die über die Funktionen der Leiter und Trainer hinausgeht. Da sind wir ähnlich aufgestellt, wie die Nachwuchsleistungszentren großer Clubs. Allerdings sind das sehr junge, engagierte Menschen, denen wir keinen hauptamtlichen Job bezahlen können. Auf der Geschäftsstelle haben wir mittlerweile auch so viele Aufgaben, dass wir einige Leute mehr haben, etwa im Marketing. Unsere Strukturen sind ähnlich wie die einiger Zweitliga-Clubs. Allerdings müssen wir an vielen Stellen auf ehrenamtliche Mitarbeiter zurückgreifen. Rund um die Mannschaft kommt mit Stefan Engels (ehemaliger Bundesligaprofi des 1. FC Köln, d.Red) ein Berater hinzu, der mit dem Trainer und Sportdirektor Thomas Schmitz eine Mannschaft aufbauen soll. Es wächst an vielen Stellen.

Professionalisierung kostet Geld. Woher kommt das?

Mazurkiewicz: Wir sind in allerhöchster Abhängigkeit von Sponsoren. Ich hoffe, dass wir in diesem Jahr einen Pool von 130 bis 140 Unternehmern zusammenkriegen. Die bringen dann etwa 65 bis 70 Prozent des Gesamtetats auf. Die Zuschauereinnahmen machen 15 bis 20 Prozent aus. Überall ist Steigerungspotenzial.

Wie akquirieren Sie neue Sponsoren?

Mazurkiewicz: Wir müssen schon ganz aktiv fragen. Häufig hören wir dann „Fußball ist nicht unser Thema“‘. Aber oft ist auch eine Bereitschaft da. Und dann läuft sehr viel über unsere bereits vorhandenen Sponsoren, die sich bei uns wohlfühlen und dann andere ansprechen. Wir müssen kreativ sein, neue Wege gehen. Wir möchten etwa, dass Sponsoren und Fans mit uns ein bönnsches Gefühl erleben. Bonn ist ja eine Stadt, die mit ihrer eigenen Identität ringt. Was sind wir? Die alte Bundeshauptstadt? Die Telekomstadt? Was ist bönnsch? Da sind die Baskets und Beethoven – aber vielleicht kann auch der Fußball zu einem Identifikationsmerkmal Bonns werden. Das ist unser Ziel.

Kann es in Bonn auch einen Großsponsor geben?

Mazurkiewicz: Das sind zwei Themen in Bonn. Zum einen gibt es die großen Konzerne, zum anderen haben wir einen großen Mittelstand. Nehmen Sie etwa meinen Vorgänger Matthias Möseler von der Firma Steep, der fördert uns schon im großen Stil. Das ist ein Großsponsoring und mehr als man eigentlich erwarten darf. Der zweite Teil sind die Konzerne. Die sind grundsätzlich gewillt, uns zu helfen, aber es kann kein Mäzenatentum sein. Regionalliga ist für Unternehmen, die den Weltmarkt bearbeiten, keine Aushängeschild.

Gehört zu Ihren Zukunftsphantasien auch ein neues oder saniertes Stadion?

Mazurkiewicz: Ohne Stadion werden wir nicht wachsen. Alleine beim Thema Sicherheit, aber auch beim Thema Sponsoring gibt es viel zu tun. Ich rede davon, dass wir irgendwann 200 Sponsoren haben wollen, aber de facto haben wir gar keinen Platz für die. Auch der Verband Mittelrhein wird sehen, dass das FVM-Pokalfinale so in Bonn auf absehbare Zeit nicht mehr zu realisieren ist. Ich glaube, wir können einen so guten Job machen, wie wir wollen. Aber mit diesem Stadion steigen wir nicht in die 3. Liga auf. Es geht noch nicht einmal um die Größe. Es geht um alles andere.

Wie könnten denn Pläne für ein neues Stadion aussehen?

Mazurkiewicz: Eine eigene, richtige Arena wäre natürlich klasse. Aber das ist angesichts der Finanzlage der Stadt Bonn genauso wenig wahrscheinlich, wie aus dem Sportpark ein tolles, attraktives Stadion zu machen. Wichtig ist die Frage, welchen Anforderungen das Stadion gerecht werden muss. Wir sind eine Stadt mit 330.000 Einwohnern und haben nicht eine funktionierende Großsportstätte, die den heutigen Kriterien gerecht wird. Aber es gibt ja Lösungsansätze: Wir brauchen zum Beispiel 20 Mal im Jahr einen großen VIP-Bereich. 300 Mal im Jahr könnte der aber auch anders genutzt werden. Da muss man kreativ sein, dann rechnet sich das. Vielleicht setzt man sich mit der Stadt und dem Architekten zusammen und fragt sich, ob man nicht bei gleichen Kosten etwas völlig Neues kreieren kann. Man sollte etwa schauen, bevor etwas aufwendig renoviert wird, ob es nicht günstiger wäre, es direkt preiswerter neu zu bauen.

Sie sprachen gerade von der 3. Liga. Wie hoch müsste der BSC-Etat werden, damit der Club mal den Aufstieg angehen kann?

Mazurkiewicz: Im Moment kämpfen wir, wieder auf eine Million Euro zu kommen. Wenn man sich Clubs wie Oberhausen anschaut, wird klar, dass man mit einem Gesamtetat zwischen 2,5 und drei Millionen angreifen könnte. Wir müssten uns also verdoppeln, dann könnten wir die Talente, die wir ja finden, auch mal halten. Wir wären gerne in der Lage, die Leistungsträger zwei, drei Jahre behalten und so eine eingespielte Mannschaft aufbauen zu können. Das würde schon reichen, um oben anzugreifen.

Der BSC hat auch das Problem, seine eigenen Nachwuchsspieler, die sich nicht gleich in der ersten Mannschaft durchsetzen, nicht halten zu können. Wäre es nicht gut, eine zweite Mannschaft zu haben, die in der Bezirks- oder Landesliga spielt?

Mazurkiewicz: Eine solche zweite Mannschaft müsste schon mindestens in der Landesliga spielen. Die Geschwindigkeit des Spiels ist in den Ligen darunter zu niedrig. Natürlich hätte ich gerne 150.000 Euro und baue eine gute Landesliga-Mannschaft auf. Aber wir reden über ein paar Tausend Euro, die uns für die erste fehlen, dann habe ich keine 150.000 für eine zweite. Wir glauben bei unsern Eigengewächsen eher an das Prinzip Kooperationsvereine. Wir bringen dich in einen Club der fünften Liga, wir beobachten dich, bewähr dich, dann schauen wir weiter. Mit dieser Logik kann man auch vernünftig den Übergang vom Junioren- in den Männerfußball bestreiten.

Ein solches Modell birgt aber auch die Gefahr, dass Ihnen die Konkurrenz die Spieler wegschnappt, wenn die ihre Leistung zeigen. Wäre da ein Leihgeschäft nicht besser?

Mazurkiewicz: Das müsste man eigentlich machen. Mir wird auch oft vorgeworfen, ich würde unsere Leistungsträger nicht mit längeren Verträgen an den Club binden. Damit bindest du aber auch Kapital. Dafür musst du so viel Geld haben, dass du auch mal das Risiko eingehen kannst, dass einer seine Leistung nicht bringt und du ihn zwei, drei Jahre mitschleppen musst. Du brauchst freies Geld, um Risiko zu gehen. Auf der anderen Seite kommen so Spieler zu uns, die bei uns die Chance sehen, sich zu beweisen, um dann auch wieder gehen zu können. Vincent-Louis Stenzel etwa kam aus der 3. Liga, der hatte weit mehr Angebote als nur das vom BSC. Er wusste aber, dass er in Bonn eine Chance bekommt. Dass der jetzt nach Oberhausen geht, okay. Es wäre toll, wenn wir solche Spieler halten könnten. Aber wir können es leider zurzeit nicht. Wo wären wir bloß, wenn wir alle unsere Jungs halten könnten? Das wäre das nächste Level. Im Moment reicht es noch nicht.

Zum Abschluss werfen wir noch einen möglichen Namen als Zugang ins Rennen. Man munkelt Kelvin Lunga würde den SV Rödinghausen verlassen.

Mazurkiewicz: Kelly! Ein netter Bonner Junge. Mal schauen, wo er dann hingeht (grinst). Wir können zu Neuzugängen aber wirklich noch nichts sagen. Wir haben alles auf Halten gestellt, denn das machen Trainer, Sportdirektor und künftig Stefan Engels. Wir wissen, dass Kelly gerne zu uns kommen würde, aber wir hatten noch keine Zeit für Gespräche. Das gilt auch für alle anderen Spieler. Das ist aber auch nicht zwingend nötig. Denn in der Fußballszene hat der BSC mittlerweile einen besseren Ruf, als wir das in Bonn selbst denken. Nach unserm Aufstieg meinten viele Spielerberater, dass die Mittelrheinteams ohnehin gleich wieder absteigen. Nach unserm Klassenerhalt hat sich deren Haltung geändert. Wir sind nicht mehr der Letzte, der verhandeln darf.