Sportverletzungen

Im Trainingslager bricht der Arm

Angelo Kowalewski beim Training.

Angelo Kowalewski beim Training.

Bonn. Ein Unterarmbruch stoppt die verheißungsvolle Karriere des Taekwondo-Talents Angelo Kowalewski. Die Verletzung ist eigentlich schon lange ausgeheilt, an ein Comeback denkt der 21-Jährige dennoch nicht.

Grimmig, aber leer schauen die Augen einer Hartgummipuppe in die Halle, die mit blau-roten Matten ausgelegt ist. Auf einer Holzbank liegen Pratzen, an der Wand weist ein Plakat auf den Olympiastützpunkt Rheinland Taekwondo hin. Angelo Kowalewski zieht den Ty, seinen schwarz-roten Gürtel, fest. Der Dobok, der Kampfanzug der Taekwondoka, sitzt noch. Das ist nicht selbstverständlich. Kowalewski kommt nur noch selten in die Halle des OTC Bonn nach Bad Godesberg. Dabei ist sein Talent groß.

Oktober 2013: Kowalewski befindet sich in beeindruckender Verfassung. Der frisch gebackene Bronzemedaillengewinner der German Championchips (U21) triumphiert auch bei den NRW Masters in der Bonner Hardtberghalle. Alles läuft nach Plan. Zwei Wochen später befindet sich Kowalewski auf einem Kaderlehrgang in Wuppertal. Bei einer Übung will Kowalewski seinen Trainingspartner zu Boden werfen.

Der Versuch misslingt. Kowalewski hält den Arm falsch. Die beiden Kontrahenten stürzen zu Boden. Kowalewskis Unterarm bricht an zwei Stellen. „Das Paradoxe ist, dass die Verletzung ausgerechnet bei einer Defensivbewegung passiert ist“, sagt er wehmütig. Den Mediziner Dr. Jochen Müller-Stromberg, Chefarzt Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin am Gemeinschaftskrankenhaus Bonn, überrascht die Verletzung nicht. „Brüche sind gerade beim Kampfsport nicht selten“, erklärt der Experte. „Es gibt beim Kampfsport zwei Gründe. Entweder durch direkte Gewalteinwirkung oder durch Stürze. Vor allem dann, wenn der Knochen überspannt wird.“

So wie bei Kowalewski. Der rechte Unterarm hält dem Druck nicht stand. Dem Bonner Taekwondoka schwant nichts Gutes. „Ich wusste sofort, dass etwas kaputt war“, sagt der heute 21-Jährige. „Ich hatte so ein Kribbeln im Arm und mir wurde kurz schwarz vor Augen.“ Der junge Athlet zieht den Ärmel seines Doboks hoch. Ihm ist klar, dass ein Bruch vorliegt. „Der Arm war schon seltsam verformt“, erinnert er sich. „Das war eine Katastrophe. Der Arm sah aus wie eine Schlange.“ Kowalewski wird umgehend ins Krankenhaus gebracht. Dort werden die Knochen zunächst repositioniert, zwei Tage später erfolgt der nächste Eingriff in Bonn. Kowalweski werden zwei Metallschienen eingesetzt. Für ein ganzes Jahr sollen sie den Knochen stabilisieren. „Ein Abstützen oder schweres Heben wurde mir für acht Wochen verboten“, sagt der Taekwondoka.

Bereits zeitnah kann die Rehabilitation beginnen. „Die erste Vorgabe, was wir machen dürfen, kommt vom Operateur. Er kann beurteilen, ob der Knochen gut durchbaut ist“, sagt Andreas Stommel, Leiter des Bonner Zentrums für Ambulante Rehabilitation. „Und er kann einschätzen, was dem behandelten Arm zuzumuten ist. Unsere Hauptaufgabe besteht dann darin, die Muskelatrophie zu bremsen, die Schwellung durch manuelle Therapie zu vermindern und dann den Muskelaufbau langsam voranzutreiben.“

Kowalewski hat damals keine Physiotherapie erhalten. Doch sowohl die Operation als auch die Rekonvaleszenz verlaufen bei ihm problemlos. Kein Wunder. „Die Frakturen heilen, wenn es zu keinen Komplikationen kommt, in der Regel so gut aus, dass der Ausübung des Sports dann auch nichts im Wege steht“, sagt Müller-Stromberg.

In der Trainingshalle in Bad Godesberg gerät Kowalewski heute, drei Jahre später, dennoch schnell an seine Grenzen. Nach dem Pratzen-Training mit seinem Trainer Mokdad Ounis holt er tief Luft. „Die Kondition fehlt“, sagt er. Das überrascht nicht. Zwölf Jahre hat Taekwondo Kowalewskis Leben bestimmt. Jetzt lässt sich der Bonner nur noch ein bis zwei Mal im Monat in der Halle in Bad Godesberg sehen. Den Leistungssport hat er – zumindest vorerst – an den Nagel gehängt. „Für Angelo wäre viel mehr drin gewesen“, sagt Ounis. „Ich hätte ihn schon in den Bundeskader gebracht.“ Mit 21 Jahren hat Kowalewski noch immer die Chance dazu. Ob er sie nutzt, ist fraglich. Der leistungsorientierte Kampfsport steht erst einmal hinten an. Im September fängt er mit einem dualen Studium an. Zurzeit jobbt er im World Conference Center Bonn als Aufbauhelfer und Crewchef in der Veranstaltungstechnik. Grundsätzlich kann er sich eine Rückkehr in den Sport vorstellen. „Klar juckt es schon mal“, sagt Kowalewski. Gerade jetzt bei den Olympischen Spielen, wo ausgerechnet diese Woche Sportler an den Start gehen, die er persönlich kennt, fällt ihm die Pause besonders schwer. „Ich würde nicht sagen, dass ich Angst habe. Aber irgendetwas hemmt mich.“

Keine Seltenheit. „Bei einer Unterarmfraktur gerade im Kampfsport entsteht ohne jeden Zweifel nicht nur ein physisches Trauma“, sagt Stommel. „Daher muss nicht nur eine physische, sondern auch eine psychische Therapie erfolgen. Die Verletzung wird der Kampfsportler ohne jeden Zweifel eine ganze sportliche Karriere lang nicht vergessen.“

Kowalewski hat den Unfall noch genau vor Augen. Möglicherweise ist es der Kopf, der ihn bremst. „Die Angst vor einer erneuten Verletzung hängt häufig mit der Angst vor der körperlichen Belastung zusammen“, sagt Dr. Jens Kleinert vom psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Experte empfiehlt, dass sich ein betroffener Sportler wieder behutsam an eine höhere Belastung herantastet. Kowalewski hat beim Training noch ein komisches Gefühl im Arm, bei direktem Kontakt sogar noch Schmerzen. Doch bei der kurzen Trainingseinheit sieht man ihm an, dass er eigentlich nicht ohne Taekwondo kann.