Handball-WM

Der Montag ist entscheidend für das deutsche Team

Köln. Als die deutsche Nationalmannschaft im Duell gegen Island das Publikum einwechselte, waren die Skandinavier geschlagen. Steffen Fäth überragte beim 
24:19-Erfolg in Köln. Nun wartet Kroatien.

Es lief gerade mäßig, als sich Axel Kromer auf den Weg machte. Die Isländer ließen sich einfach nicht abschütteln. Also suchte der Sportdirektor des Deutschen Handball-Bundes den Kontakt zu Hallensprecher Kevin Gerwin und signalisierte ihm gestenreich, er solle doch mal wieder für Stimmung sorgen.

Gerwin war schlau genug, nicht sofort aufzuspringen, aber eine Minute später hatte er das Publikum wieder in Wallung gebracht. „Super Deutschland, super Deutschland, hey, hey.“ Die Mannschaft straffte sich und zog von 18:16 auf 23:17 davon. Die Entscheidung. Am Ende feierte das Team in seinem ersten Hauptrundenspiel der Handball-WM einen 24:19 (14:10)-Erfolg über Island. 19 250 Zuschauer in der ausverkauften Kölner Lanxess Arena standen auf und übten schon mal für Karneval. Rosenmontag an einem Samstag.

Deutschland hat nun 5:1 Punkte in seiner Hauptrundengruppe. Das ist gut, bedeutet aber noch nichts. Die Entscheidung über den Einzug ins Halbfinale wird in den beiden Spielen gegen Kroatien an diesem Montag (20.30 Uhr/ZDF) und gegen Spanien am Mittwoch fallen. Da Spanien kaum noch Chancen aufs Weiterkommen hat, ist die Partie gegen Kroatien von noch größerer Bedeutung.

Die Episode mit Kromer und Gerwin verdeutlichte noch einmal beeindruckend, was es bedeutet, den achten Mann einwechseln zu können: eine Überzahl von gigantischem Ausmaß, einen akustischen Schnellangriff auf das Angstzentrum des Gegners. „Ich will Berlin nicht zu nahe treten …“, sagte Abwehrspeziallist Finn Lemke nach dem Erfolg – und ließ den Satz unvollendet. Aber jeder verstand, dass auch die Phonstärke den Schritt von der Vor- in die Hauptrunde eben nach Köln mitgemacht hatte.

Hin und wieder war das sogar gegen Island, den vermeintlich schwächsten Gegner notwendig. „Immer wenn unsere Konzentration ein wenig nachgelassen hat, waren die Isländer da“, analysierte DHB-Vize Bob Hanning. Ein wehrhaftes Völkchen, das kaum mehr Köpfe zählt als Bonn, sich aber mit seiner Wikinger-Mentalität nicht einschüchtern lässt – auch im Sport nicht. Nur einmal führten die Isländer, als sie ein 2:5 in ein 6:5 verwandelt hatten, aber erst wenige Minuten vor Schluss waren sie dann endgültig geschlagen.

Natürlich hatte die Abwehr vor dem reaktionsschnellen Torhüter Andreas Wolff wieder einen guten Tag erwischt, wie nur 19 Gegentore vermuten lassen. Zeitweise deckte sie sehr offensiv in einer 3:2:1-Formation, was den Isländern überhaupt nicht schmeckte. Den Unterschied machte letztlich jedoch ein Mann aus, der als Sorgenkind angereist war, sich inzwischen aber in den Rang eines Unverzichtbaren hochgearbeitet hat: Steffen Fäth. Nicht selten wird der „Man oft the match“ als Trostpreis in den Reihen des Verlierers gesucht, an Fäth kam diesmal allerdings niemand vorbei. Sechs Tore, darunter zwei ganz wichtige zum 19:16 und 20:16, waren unschlagbare Argumente.

Dem stillen Halblinken von den Rhein-Neckar Löwen schien es beinahe peinlich zu sein, als er nach Spielschluss zur Ehrung hervortreten musste. „Die Jungs haben mich aber auch gut in Szene gesetzt“, meinte er. Im Verein war Fäth zuletzt kaum zum Einsatz gekommen. Auch deshalb bezeichnete Bob Hanning die Leistung des Scharfschützen gegen Island als „sensationell“.

Auf der anderen Seite, im halbrechten Rückraum, kam erstmals der nachnominierte Kai Häfner zum Zug. Zwei Tore und einige gute Aktionen belegten, dass der Hannoveraner während der Wartezeit an sich gearbeitet hat. Wer zum Aberglauben neigt, mag darin ein gutes Omen sehen. Auch beim EM-Triumph 2016 in Polen stieß Häfner erst während der Hauptrunde hinzu. Im Halbfinale gegen Norwegen warf er das entscheidende Tor.

Damals wurde Häfner für den verletzten Steffen Weinhold nachnominiert, den er auch jetzt wieder vertrat. Weinhold hatte sich in Berlin eine Adduktorenzerrung zugezogen, die inzwischen aber ausgeheilt ist. „Heute war ich froh, noch nicht spielen zu müssen“, sagte er. „Aber für Montag wird es reichen.“

Der Montag ist vielleicht der entscheidende Tag für das deutsche Team bei dieser WM. Bei einem Sieg gegen Kroatien wäre sogar Platz eins in der ersten Hauptrundengruppe möglich, was Kapitän Uwe Gensheimer & Co. ein Aufeinandertreffen mit Dänemark im Halbfinale ersparen könnte.

Schon am Sonntagmorgen versammelte Bundestrainer Christian Prokop seine Spieler deshalb vor dem Fernseher zur Videoanalyse. „Kroatien hat viele Spieler mit Weltklasseformat“, warnte der Coach und meinte damit nicht nur den Kieler Rückraumspieler Domagoj Duvnjak. Nach sechs WM-Spielen ohne Niederlage ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Wucht der Heimkulisse jedoch beinahe weltmeisterlich. „Wir begegnen Kroatien jetzt auf Augenhöhe“, sagte Patrick Wiencek schon wenige Minuten nach dem Sieg gegen Island. Und es wirkte so, als freue sich der robuste Abwehrfachmann auf jeden Zweikampf.