Flüchtlinge im Kreis Ahrweiler: „Wir sind nicht die Bösen“

Flüchtlinge im Kreis Ahrweiler : „Wir sind nicht die Bösen“

Die Flüchtlinge beim weihnachtlichen Café International haben die Ereignisse von Berlin im Kopf. Geschenke gab es durch Spenden von Bürgern.

"Na du?“ – der Dreikäsehoch sitzt auf einer Bank der alten Lkw-Garage hoch über Ahrweiler. Im Flüchtlingsdorf des Roten Kreuzes. Die beiden Worte hat er so oft gehört, dass er sie für die übliche deutsche Begrüßungsformel hält. „Na du?“ gehörte zu den 300 Flüchtlingen, die in der früheren Wartungshalle der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz lebten.

Der kleine Mann freute sich über einen Fußball als Weihnachtsgeschenk, teilte ihn sofort mit den anderen Kindern. Denn alleine Kicken bringt es nicht. Das war kurz vor Weihnachten 2015, und den Menschen aus mehr als 20 Ländern war der Stress ihrer Flucht anzusehen, etliche waren durch schlimme Erlebnisse traumatisiert.

Zwölf Monate später: Wieder steht Weihnachten vor der Tür. Die Erstaufnahmestation des Landes in Ahrweiler wurde mangels Bedarfs vor Monaten geschlossen. Jede Kommune hat ihr Kontingent bekommen. Auch die Verbandsgemeinde Bad Breisig. Die Anzahl hat Verbandsbürgermeister Bernd Weidenbach im Kopf: 200.

Flüchtlinge folgen der Einladung

Er hätte im Notfall aber auch am Dienstag die Köpfe im katholischen Pfarrheim von Bad Breisig zählen können: 200. Denn die Flüchtlinge aus allen Ortsgemeinden der Verbandsgemeinde – Syrer, Afghanen, Eritreer – waren geschlossen der Einladung ins „Café International“ gefolgt. Erstens um gemeinsam zu feiern und zweitens um nach dem Anschlag in Berlin zu zeigen: „Wir sind nicht die Bösen.“ So formulierte es zumindest ein junger Familienvater aus Afghanistan, der samt Ehefrau gleich zwei Dreikäsehochs im Tross hatte: „Du da“ und ihre kleine Schwester.

„Du da“ hatte sich auf eine mögliche Frage des Nikolaus vorbereitet, der da in Person von Karl-Heinz Bernardy vom Roten Kreuz kommen sollte. „Ich bin fünf“, kräht die Kleine mit dem schwarzen Zopf in Richtung GA, das Schwesterlein streckt wortkarg vier Finger in die Höhe. Kapiert, notiert. Dito die Bitte der zehnjährigen Rayan, deren Deutsch sich in keiner Weise mehr von dem ihrer Klassenkameraden unterscheidet: „In der Schule bin ich bei den Geschenken irgendwie vergessen worden, krieg' ich heute dafür zwei?“

Kein Problem. Trotz des von den Organisatoren um Gemeindereferentin Christel Fassian-Müller unerwarteten Andrangs – in der Regel kommen 40 bis 50 Flüchtlinge alle 14 Tage zum Café International ins Pfarrheim, für 100 war eingedeckt worden – waren von Bürgern von Waldorf bis Brohl-Lützing genügend kleine Gaben gespendet worden.

Apropos Andrang: „Hätten wir das geahnt, hätten wir die Jahnhalle zur Verfügung gestellt“, sagte Stadt-Bürgermeisterin Gabriele Hermann-Lersch dem GA. Seit zwölf Monaten ist Musa in Bad Breisig. Der Twen aus Afghanistan hat sich in dieser Zeit intensiv um sein Deutsch gekümmert, springt auch schon mal als Dolmetscher ein. Denn Erwachsene lernen nicht so leicht wie Kinder eine andere Sprache und nach dem Übersetzungsprogramm Farsi-Deutsch sollte man besser nicht einmal versuchen, heißes Wasser zu kochen.

Arbeitstelle im neuen Jahr

Musa freut sich auf 2017. Denn dann darf er arbeiten. Anfang Januar geht's zur Berufsberatung, Mitte Januar darf er offiziell arbeiten. Und als was? Da setzt der junge Mann mit afghanischem Abitur auf das Jobcenter. Wählerisch ist er nicht. „Erst einmal Fuß fassen.“

Da passt Essen fassen. Auch das gab es bei der Weihnacht im „Café International“. Wobei Familien und Singles für mindestens die doppelte Anzahl der Gäste gekocht, gebacken und angekarrt hatten und Spezialitäten aus ihren Herkunftsländern aufs Büfett packten. Die Stärkung nahmen denn auch die Jungs und Mädels von „Afrin Jernas“ gerne an. Die Gang zwischen zwölf und 20 hat sich Mitte des Jahres zusammengetan und pflegt als kurdische Tanzgruppe ihr Brauchtum am Rhein. Beifall.

Den gab's auch für die ehrenamtlichen Helfer, derer es in der Verbandsgemeinde mehr als 100 gibt. Diese kümmern sich unter Koordination von Kirchen und Kommune um fast alle Sparten des täglichen Lebens. Sie begleiten Flüchtlinge zu Ämtern, organisieren Fahrräder, geben Nachhilfe und erfahren auch Anerkennung: So stand die Waldorfer Flüchtlingsinitiative beim Zukunftspreis der Volksbank Rhein-Ahr-Eifel auf dem Treppchen. Dafür gab's Geld. Doch funkelnde Kinderaugen bei einer Bescherung machen mehr her. Und das freute neben Christel Fassian-Müller auch die evangelische Pfarrerin Inge Gaebel und alle, die zum Helfen in das aus den Nähten platzende Pfarrheim gekommen waren.

„Du da“ strahlte bei der Bescherung. Nur, wo „Na du“ abgeblieben ist, ist nicht bekannt. Ahrweiler war eben nur ein Durchgangslager. Bad Breisig ist zweite Heimat.